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MANIAC (Frankreich 2012)

von André Becker

Original Titel. Maniac
Laufzeit in Minuten. 89

Regie. FRANCK KHALFOUN
Drehbuch. ALEXANDRE AJA . GREGORY LEVASSEUR
Musik. ROB
Kamera. MAXIME ALEXANDRE
Schnitt. BAXTER
Darsteller. ELIJAH WOOD . NORA ARNEZEDER . LIANE BALABAN . AMERICA OLIVO u.a.

Review Datum. 2012-12-08
Kinostart Deutschland. 2012-12-27

MANIAC ist die dritte Regiearbeit von Franck Khalfoun, der bereits mit seinem ersten Film P2 einen sehr effektiven, hochspannenden Horrorreißer mit perfekt getimten Schocksequenzen vorlegte. Als Produzent des kleinen, aber feinen Genrefilms fungierte der vielgelobte französische Regisseur Alexandre Aja, mit dem Khalfoun zuvor schon das Drehbuch zu Ajas eigenem Horrortrip THE HILLS HAVE EYES verfasste. Mit MANIAC setzten Khalfoun und Aja ihre offenkundig sehr ergiebige Zusammenarbeit fort. Aja zeichnet sich diesmal für die Produktion und das Drehbuch verantwortlich, Khalfoun nimmt erneut auf dem Regiestuhl Platz. Als Hauptdarsteller konnte man Elijah Wood gewinnen, der sich mit der verhältnismäßig kostengünstigen, storytechnisch sehr gewagten Produktion ein weiteres Mal als ernstzunehmender Schauspieler empfiehlt.

Der erste Eindruck täuscht. Die vermeintliche Stadt der Engel Los Angeles ist ein Moloch aus Dreck, Kriminalität und moralischem Verfall. Ein Serienkiller, der es auf junge Frauen abgesehen hat, sorgt für Unruhe. Frank (Elijah Wood), der Täter, lebt zurückgezogen in einer kleinen Wohnung und restauriert mit großer Leidenschaft alte Schaufensterpuppen. Auf den ersten Blick sieht Frank wie der nette juvenile Mittzwanziger von Nebenan aus. Sein Kleidungsstil hat etwas leicht verschrobenes, aber sonst wirkt er vollkommen normal, fast langweilig. Niemand ahnt, dass der junge Mann nachts auf den Straßen der Stadt Jagd auf hübsche Frauen macht, sie brutal ermordet und dabei einen tief verwurzelten Fetisch befriedigt. Die Polizei tappt derweil im Dunkel. Es scheint als ob das Gesetz seine Taten ungesühnt lässt. Sein Leben verändert sich jedoch schlagartig, als er eines Tages auf die scheue Künstlerin Anna (Nora Arnezeder) trifft, die sich für seine liebevoll restaurierten Puppen interessiert. Frank entwickelt schnell Gefühle für die junge Frau und auch Anna beginnt sich dem unscheinbaren Puppenrestaurator emotional zu nähern. Als sie Verdacht schöpft, dass mit Frank etwas nicht stimmt, eskaliert die Situation.

MANIAC ist ein düsterer, zutiefst trauriger Film ohne Hoffnung für die involvierten Personen. Die Hauptfigur ist ein sozial isolierter, von der Gesellschaft vergessener Mann. Gutaussehend, aber einsam und nicht fähig zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Gebeutelt von einer tiefschürfenden psychischen Störung, die ihn zu bestialischen Taten treibt. Ein gehetztes Individuum, das sich in der hypermodernen, beschleunigten Metropole wie ein Fremdkörper bewegt. Khalfoun versinnbildlicht dies nicht nur durch Franks anachronistischen Kleidungsstil, sondern ebenfalls durch seine komplette Lebensrealität. Seine heruntergekommene, dunkle Wohnung, die fast komplett ohne Lichtquellen von der Kamera eingefangen wird, steht als deutlicher Kontrast zu der schimmernden Außenwelt, die Frank vorfindet wenn er seinen Zufluchtsort verlässt.

MANIAC ist ein Film über die dunkle Seite der Urbanität. Modernität ist für Khalfoun nur Fassade und keinesfalls gleichzusetzen mit Sicherheit. Ganz im Gegenteil findet Frank nachts einen idealen Schauplatz für seine Taten. Ein wenig holzhammermäßig rückt Khalfoun wiederkehrend Bilder von auf der Straße nächtigen Obdachlosen, leeren bedrohlich wirkenden Straßenzügen und menschenleeren U-Bahnhöfen in den Vordergrund. Franks Morde geschehen unbemerkt, von den Hilferufen seiner Opfer nimmt niemand Notiz. Die Obrigkeit, in Form der Polizei, ist zwar präsent, wirkt jedoch ahnungslos, mitunter aggressiv und nur wenig vertrauenswürdig. Besonders deutlich wird dies in der Szene, als Frank falsch parkt und sofort die Wut der Gesetzeshüter auf sich zieht, die ihn umgehend und im aggressiven Tonfall zurechtweisen. Konsequenterweise zeigt der Film dann auch in fast keiner Szene polizeiliche Ermittlungen.

MANIAC ist ein handwerklich grandios umgesetzter Film. Angefangen bei der virtuosen Kameraarbeit, über die perfekt eingesetzte musikalische Untermalung, bis hin zu der bis ins kleinste Detail ausgefeilten Erzählweise. Die Kamera liefert geradezu hypnotische Bilder, die sich in unzähligen Momenten in die Netzhaut des Rezipienten brennen. Allein, wenn zu Beginn die Credits laufen und die Kamera mit präzisen Einstellungen das nächtliche Los Angeles abtastet und dazu der seltsam distanzierte Score aus den Lautsprechern schleicht, ist klar dass hier jemand sein Handwerk versteht und weiß wie man das Publikum in seinen Bann zieht.

MANIAC ist ein Film der einem Befreiungsschlag gleich kommt. Es ist in jeder Sekunde spürbar, dass Hauptdarsteller Elijah Wood als facettenreicher Schauspieler ernst genommen werden will und sich schon gar nicht auf ein Image, dass ihm seine Rolle in der HERR DER RINGE Trilogie möglicherweise beschert hat festgelegt werden möchte. Seine Darbietung der Figur des psychotischen Franks ist zurückhaltend, aber nichtsdestotrotz überwiegend überzeugend, wenngleich gerade die Darstellung der emotionalen Ausbrüche des Hauptprotagonisten nicht gänzlich gelungen sind.

MANIAC ist ein überaus expliziter Film. Die Kamera blendet bei den Morden selten weg, sondern zeigt detailliert Franks unmenschliche Taten. Das ist meist sehr ungemütlich und schwer erträglich. Khalfoun wählt dabei einen voyeuristischen Blick auf die Handlungen seiner Hauptperson. Bis auf wenige, aber kongenial eingesetzte Szenen, sehen wir alles aus der Perspektive von Frank. Es wäre allerdings falsch dem Film, eine effekthascherische Inszenierung vorzuwerfen. Lediglich im letzten Drittel übertreibt es Khalfoun und setzt zu sehr auf die Wirkung drastischer Bilder, um sich festgefahrener Horrorfilmkonventionen zu beugen. Das ist schade, verliert der Film dadurch ein wenig an Einzigartigkeit und rutscht damit gefährlich nahe in die Beliebigkeit gängiger, gewaltorientierter Serienkillerstreifen.

MANIAC ist ein Film der nur wenig klare Antworten liefert. Erklärungen für Franks Taten werden nur im Ansatz geliefert. Das ist einerseits positiv, denn dadurch werden die Handlungen noch weniger greifbar, noch erschreckender. Andererseits verzichtet der Film nicht komplett auf Erklärungsmuster. Und hier bekommt die sonst so geradlinige Erzählung Risse. Das Drehbuch greift auf ziemlich ausgelutschte, wenig originelle biographische Erklärungsansätze zurück. In Rückblenden sehen wir wie Franks Mutter ihr Kind vernachlässigt und der Junge schließlich Zeuge von dem umtriebigen Lebenswandel seiner Mutter wird. Vorwerfen muss man dem Film diesbezüglich, dass diese Szenen nicht tiefgründig genug ausgearbeitet wurden und daher eher unmotiviert wirken. Als ein wirklich all umfassendes Psychogram eines Täters taugt der Film insofern nicht. Vielmehr drängt sich bei, den zum Glück nicht sehr zahlreichen, Rückblenden der Eindruck auf, dass hier schnell noch die obligatorischen Erklärungsversuche abgehakt wurden, um das Publikum wenigstens nicht total zu überfordern. Dieses Zugeständnis an tradierte Sehgewohnheiten ist schade, ist die Produktion darüber hinaus sehr konsequent dabei sich als gänzlich unkonventionelles Projekt zu geben.

MANIAC beendet das diesjährige Kinojahr mit einem Hieb in die Magengrube. Mit seiner starken Fokussierung auf die Täterfigur, entwirft der auch mit einigen wenigen Schwächen kämpfende Film mit stilistisch einzigartigen Bildern einen Blick ins Herz der Finsternis. Keine Auslotung von Genregrenzen, oder der Beginn eines Strukturwandels im Serienkillerkino, aber ein mutiger und absolut ehrlicher Film, der sich seiner Geschichte konsequent düster nähert und das entworfene Panoptikum aus menschlicher Verzweiflung, Liebe und Gewalt handwerklich perfekt rhythmisiert.











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