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LOGAN (USA 2017)

von Hasko Baumann

Original Titel. LOGAN: THE WOLVERINE
Laufzeit in Minuten. 135

Regie. JAMES MANGOLD
Drehbuch. JAMES MANGOLD . SCOTT FRANK
Musik. MARCO BELTRAMI
Kamera. JOHN MATHIESON
Schnitt. MICHAEL MCCUSKER
Darsteller. HUGH JACKMAN . PATRICK STEWART . STEPHEN MERCHANT . BOYD HOLBROOK u.a.

Review Datum. 2017-03-02
Kinostart Deutschland. 2017-02-19

Siebzehn Jahre ist es nun schon her, daß Hugh Jackman im Kino erstmals die Krallen zeigte! Ein Seufzer der Erleichterung durchfuhr die weltweite Fangemeinde des populärsten und psychologisch interessantesten aller Mutanten, als sich die Kinoversion des wilden Logan als adäquate Umsetzung einer der ausgereiftesten Comic-Figuren überhaupt erwies. Zynisch, rauchend, saufend, wild, sehr cool und doch zutiefst empathisch; so legte Jackman die Rolle an und so kennen und lieben wir auch unseren Wolvie.

Im Laufe der Jahre verkam der knallharte Killerwolf allerdings zu einem betrüblich weichgekochten Trauerkloß, der in den X-MEN-Filmen zuletzt nur noch in der Ecke stehen durfte und selbst in seinen eigenen Filmabenteuern ausgesprochen zahnlos und öde wirkte. Das letzte Solo-Abenteuer, WOLVERINE: WEG DES KRIEGERS, war ein besonders kümmerliches Beispiel für diesen Abwärtstrend. Die Ankündigung, daß dessen Regisseur James Mangold nun auch bei Jackmans angeblich letztem Logan-Auftritt Regie führen sollte, sorgte daher für lange Gesichter in der Fankurve. Auch ein erster Trailer, kitschig vernudelt mit Johnny Cashs NIN-Rape "Hurt", konnte die Mundwinkel nicht wieder gen Himmel reißen.

Miesepetrige Vorverurteilungen sind fraglos eine Geißel der Nerdkultur, aber was gibt es Erfreulicheres als schöne Überraschungen? Der neue LOGAN darf sich, dem Riesenerfolg des nicht jugendfreien Marvel-Kollegen DEADPOOL sei Dank, erstmals im Rahmen eines R-Ratings austoben. Nach zwei Minuten hat schon der erste Cholo die Krallen im Schädel und wenig später hört man dem altehrwürdigen Patrick Stewart beim herzhaften Fluchen zu. Wolverine für Erwachsene also. James Mangold hat Mark Millars Endzeit-Wolvie OLD MAN LOGAN gelesen und sich davon zumindest inspirieren lassen: Er transportiert uns ins Jahr 2027, wo ein deutlich geschwächter Wolverine sich als Limo-Fahrer verdingt und sein früherer Mentor Charles Xavier als dementes Wrack hinter verschlossenen Türen dahinvegetiert. Triste Existenzen aus einer apokalyptischen Zukunft, in der es keine Mutanten mehr gibt.

Plötzlich kommt aber Schwung ins Leben des lebensmüden Wolvie und seines mit Medikamenten ruhig gestellten Ziehvaters, als eine unbekannte Frau den knurrigen Wolf um den Schutz eines mysteriösen kleinen Mädchens ersucht. Während Logan in der Bezahlung die Chance auf einen Neuanfang (oder vielmehr: einen angenehmeren Lebensausklang) sieht, erkennt Professor X in der Göre die letzte Hoffnung der Mutantenwelt. Natürlich sind auch andere hinter der flüchtigen Laura her, Donald Pierce (grandios fies: Boyd Holbrook) und seine Reavers nämlich - ultrabrutale Söldner mit bedenklichem Hang zum Sadismus, den insbesondere der lichtscheue Caliban (toll: Stephen Merchant) zu spüren bekommt. Da heißt es Abhauen, und so wird aus Mangolds Old Man Logan ein Roadmovie mit Schweigerscher Figurenkonstellation: Papa ist ein Macho, die Tochter kann nicht reden und Opa hat Honig im Kopf.

Die Flucht durch ein zukünftiges, tatsächlich aber sehr erdiges Amerika wird für alle Beteiligten zum von Opfern gesäumten Leidensweg. Statt kostümierter Superwesen vor künstlichem Greenscreen-Hintergrund gibt es hier Americana aus Blut und Staub. Die Gnadenlosigkeit der Häscher sucht ihresgleichen und die wenigen Etappensiege des pseudofamiliären Antihelden-Trios werden nur unter äußersten Schmerzen errungen. Der Film tut so, als wären die bisherigen Abenteuer der X-Men nur bunte Übertreibungen aus Comics gewesen. Die Sehnsüchte der kleinen Laura speisen sich ausschließlich aus der Lektüre der klassischen Marvel-Hefte, die Logan dann auch verächtlich beiseite wischt ("Davon stimmt nur ein Drittel, und das ist so nicht passiert!"). Obwohl diese klare (Meta-)Absage ans bunte Spaßtreiben bisheriger Comicfilme manchmal so bemüht wirkt wie das etwas präpotente Dauergesplatter, geht die Rechung am Ende auf.

Mangold sieht sich mit LOGAN ganz offenbar eher dem harten Männerfilm eines einstigen Hollywood verpflichtet als den ermüdenden (und ermüdeten) Überwältigungsmechanismen gegenwärtiger Event-Blockbuster. Als kuturelle Referenz dient der Westerklassiker MEIN GROSSER FREUND SHANE, den Xavier auf dem Riesenfernseher eines Hotelzimmers betrachtet und nostalgisch kommentiert: Er habe ihn vor fast 100 Jahren im Kino gesehen. Tatsächlich huldigt LOGAN einem knarzigen Kino-Männerbild, dessen Comeback vielleicht schon längst übefällig ist: A man's gotta do what a man's gotta do. So wird dieser neue alte LOGAN nicht nur zum wohl gelungensten Marvel-Film überhaupt, sondern möglicherweise auch zum Instant Classic ruppigen Wüstenkinos.











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