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KURZER PROZESS (USA 2008)

von Peter Martin

Original Titel. RIGHTEOUS KILL
Laufzeit in Minuten. 101

Regie. JON AVNET
Drehbuch. RUSSELL GEWIRTZ
Musik. ED SHEARMUR
Kamera. DENIS LENOIR
Schnitt. PAUL HIRSCH
Darsteller. ROBERT DE NIRO . AL PACINO . 50 CENT . JOHN LEGUIZAMO u.a.

Review Datum. 2008-11-07
Kinostart Deutschland. 2009-01-01

De Niro und Pacino! Pacino und De Niro! Allein der Gedanke an die beiden gemeinsam auf einer Leinwand hätte in den 70ern für freudige Erwartung gesorgt. Lange nachdem die beiden Hollywood-Ikonen aus ihrem Olymp in die Hölle einer uneinheitlichen, mitunter sehr mittelmäßigen Darbietung abgestiegen sind, hatte die Restaurant-Szene aus Michael Manns HEAT (1995) diese Erwartungshaltung wieder belebt: ja, mit dem richtigen Drehbuch, mit dem richtigen Regisseur können De Niro und Pacino einem immer noch Schauer den Rücken runter jagen. Dieser Moment ist nun lange vorbei und die vergangene letzte Dekade haben beide ihre Wandlung bis hin zur Selbstkarikatur fortgesetzt. Ihre wenigen guten Momente erschienen als flüchtige Anomalien in der Nacht.
In einer Hinsicht also ist KURZER PROZESS genau das, was man im Moment von De Niro und Pacino erwarten kann: ein dumpfes, mühseliges, flaches Drama mit absolut vergessenswürdigen, routinierten Vorstellungen der beiden Stars.

De Niro spielt Tom "Turk" Cowan, Pacino David "Rooster" Fisk (ernsthaft, das sind wirklich ihre Spitznamen! Nachzulesen auf der IMDb), zwei abgehalfterte Cops aus dem New Yorker Morddezernat, die kurz vor ihrem Ruhestand stehen. Sie sollen den Mord an einem Zuhälter aufklären. Der scheint mit einem ihrer früheren Fälle in Verbindung zu stehen. Während sie die Einzelteile des Puzzles zusammenfügen kommt Turk zu dem Schluss, dass hier ein Serienkiller sein Unwesen treibt. Die Beweise deuten allerdings auf Turk selbst...

Zwei seiner Kollegen, Perez (John Legiuzamo) and Riley (Donnie Wahlberg) sehen in ihm eine tickende Zeitbombe, jemand, der nach all den Jahren des Umgangs mit dem Auswurf der Gesellschaft langsam zerbricht. Für Perez wird es seine ganz persönliche Mission, Turks Schuld nachzuweisen. Dieser macht es ihm leicht: Turks Verhalten ist immer wieder unangemessen und unbeherrscht, er strapaziert die Geduld seiner Mitmenschen, ganz besonders die seines Freundes und Vorgesetzten Lt. Hingis (Brian Dennehy). Kaum nötig zu erwähnen, dass die Beziehung zu seiner Freundin, der Forensikerin Karen Corell (die stets bezaubernde und in letzter Zeit sogar sehr sexy Carla Gugino) leidet. Nur Rooster steht weiterhin hinter Turk. Er zügelt dessen Ausbrüche und wirbt weiter für einen Mann, der allein für all die Jahre treuen Dienstes Zweifel an der eigentlich offensichtlichen Schuld verdient.
Die Filmemacher lassen allerdings Roosters Loyalität fragwürdig erscheinen, beginnt doch der Film mit einem Turk, der offenkundig seine Taten gesteht. Weitere Teile dieses Geständnisses tauchen immer wieder im weiteren Verlauf des Films auf.

Aufmerksame Zuschauer werden Turks "Geständnis" als das erkennen, was es in Wirklichkeit ist, also vom "überraschenden" Ende dann auch nicht mehr überrascht sein. Doch noch lange bevor es soweit kommt wird jedwede eventuell aus der Paarung zweier ehemaliger Großschauspieler entstandene Neugierde auch schon wieder durch das prätentiöse Tempo der Inszenierung durch Regisseur Jon Avnet weggefegt.

KURZER PROZESS ist Avnets sechster Film, die Liste seiner früheren Filme (FRIED GREEN TOMATOES (1991), THE WAR (1994), UP CLOSE & PERSONAL (1996), RED CORNER (1996), und 88 MINUTES (2007)) erzeugt auch nicht unbedingt Vertrauen. Avnet mag diesen Film bekommen haben, weil er bereits in 88 MINUTES mit Pacino gedreht hat. Die Vorlage für KURZER PROZESS scheint aber UP CLOSE & PERSONAL geliefert zu haben, ein seelenloses, formelhaftes Starvehikel für Michelle Pfeiffer. Hier sind es halt zwei Stars, die bedient werden. Man sieht es förmlich vor sich, wie De Niros und Pacinos Agenten die Dialogzeilen zählen, um sicher zu stellen, dass keiner übervorteilt wird, jeder die Möglichkeit hat, seine Markenzeichen auszuspielen, die Wutausbrüche, theatralischen Exzesse, um den Fans genau das zu geben, was sie erwarten.

Aber weder De Niro noch Pacino machen was draus. In früheren Zeiten konnten beide aus schwachen Stoffen immerhin einzigartige Charaktere erschaffen. In KURZER PROZESS sind die beiden kaum von einander zu unterscheiden.

Apropos "schwacher Stoff": es ist ja überhaupt ein Wunder, wie das Skript von KURZER PROZESS überhaupt große Namen begeistern konnte. Russel Gerwitz hat das Buch geschrieben, so richtig heiß wurde er mit Spike Lees INSIDE MAN. KURZER PROZESS ist aber ein Standard-Polizeifilm, erzählt wie ein Rätsel ohne sonderlich rätselhaft zu sein. Turks und Roosters Charaktere bleiben blass. Man sollte doch meinen, dass zwei altgediente New Yorker Cops die ein oder andere tolle Geschichte zu erzählen hätten, irgendwelche schweren Fälle, die sie lösen konnten, schillernde Halbweltgestalten, mit denen sie sich vielleicht angefreundet haben, aber nichts davon ist im Drehbuch zu finden.

Im Polizeijargon ist der "righteous kill" die gerechtfertigte Tötung eines Menschen bei der Dienstausübung. Leider gibt es für Robert De Niro und Al Pacino in KURZER PROZESS keine Rechtfertigung.











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