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IRON SKY (Finnland/Australien/Deutschland 2012)

von Benjamin Hahn

Original Titel. IRON SKY
Laufzeit in Minuten. 93

Regie. TIMO VUORENSOLA
Drehbuch. JOHANNA SINISALO . MICHAEL KALESNIKO
Musik. LAIBACH
Kamera. MIKA ORASMAA
Schnitt. nicht bekannt
Darsteller. JULIA DIETZE . GÖTZ OTTO . UDO KIER . CHRISTOPHER KIRBY u.a.

Review Datum. 2012-02-29
Kinostart Deutschland. 2012-04-05

Seien wir mal ganz ehrlich: Hätte irgendjemand vor - sagen wir - vier Jahren damit gerechnet, dass dieser Film jemals in die Kinos kommen wird? Hatte man nicht eher befürchtet, dass IRON SKY den gleichen Weg beschreiten würde wie das vielversprechende Nazi-Zombie-Projekt WORST CASE SCENARIO? Dass nach einer ambitionierten show case-Sequenz Schicht im Schacht sein würde? Doch glücklicherweise entwickelte sich um das finnische Filmprojekt im Laufe der Zeit eine weltweite Fangemeinschaft, deren Unterstützung und Mithilfe dafür sorgte, dass aus einer interessanten Idee ein "richtiger" Film werden konnte. Diese fast schon filmreife Produktionsgeschichte ist die erste Überraschung, mit der IRON SKY aufwartet, seine gute Qualität die zweite.

Doch zunächst sollte man die Frage klären, worum es überhaupt geht: Im Jahr 2018 schickt die amtierende US-Präsidentin eine bemannte Mission zum Mond, um sich so die Wiederwahl zu sichern. Per Zufall stolpern die beiden Astronauten dabei über eine geheime Mond-Basis der Nazis, die sich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges auf die dunkle Seite des Mondes geflüchtet haben und dort neue Eroberungspläne schmieden. Klingt nach einem gewollten Tabubruch? Wer das sagt, hat die letzten Jahre Popkultur verschlafen: HELLBOY, CAPTAIN AMERICA, Lady Gaga und DER UNTERGANG, der im Internet zur Grundlage eines Memes geworden ist - irgendwas mit Nazis (oder zumindest ihrer Ästhetik) zu machen ist längst kein Tabubruch mehr, sondern Normalität. Man kann das aus guten Gründen kritisch sehen, schließlich relativiert es die Schrecken der braunen Terrorherrschaft, wenn man sie auf eine Stufe mit Zombies, Lovecraft und Darth Vader stellt, aber man darf deshalb IRON SKY nicht den falschen Vorwurf eines gewollten Tabubruchs oder eines Spiels mit dem Feuer machen, ist dieser Film doch letztlich nichts anderes als eine folgerichtige Entwicklung aus diesem Popkultur-Trend heraus.

Innerhalb dieser Entwicklung stellt IRON SKY einen qualitativ guten Eintrag dar, denn obwohl der Inhalt des Films locker auf einer Postkarte Platz finden würde und die Wendungen nicht allzu überraschend sind, sondern eher Genre-Konventionen folgen, kann er letzten Endes überzeugen. Und das nicht nur in technischer Hinsicht (schließlich sieht man es dem Film an, wie - für ein solches Indie-Projekt eher ungewöhnlich - ein Großteil des für internationale Maßstäbe eher kleinen Budgets in perfekte visuelle Effekte gesteckt wurde), sondern auch in inhaltlicher, ist der Film doch zutiefst komisch ohne dabei in die Slapstick-Falle zu geraten: der Witz dieser Satire ist nämlich ein politischer bis sozialkritischer.

Und einer, der die bewundernswerte Leistung vollbringt, in wenigen Wimpernschlägen ganze gesellschaftliche Phänomene abzuhandeln: von der Mode, die sich an faschistischer Ästhetik delektiert und sich im gleichen Atemzug hörige Konsumenten züchtet bis hin zur selektiven Wahrnehmung von Filmen, die dafür sorgt, dass sich Neo-Nazis sogar an Filmen wie SCHINDLERS LISTE aufgeilen können. Es hat schon fast Vorbildcharakter, so einfach gelingt es IRON SKY dazu eine kritische Position zu beziehen. Gerade deshalb perlt dann auch jede von außen vorgebrachte Kritik am Film ab: Weder ergötzt er sich trotz seiner Prämisse übermäßig an nationalsozialistischer Ästhetik, noch betreibt er geschichtlichen Revisionismus oder befeuert Verschwörungstheorien.

Das eine verhindert er, indem er sich auf ein Referenzsystem bezieht, das sowohl im dritten Reich aber auch in der populärkulturellen Verarbeitung des Nazi-Chics verortet ist (und uns z.B. Mond-Nazi-Soldaten präsentiert, die eine Symbiose aus den japanischen Jin Roh, ihren aus dem PC-Spiel KILLZONE bekannten Nachfolgern, den Helghast, und ihrem gemeinsamen deutschen Vorbild sind) und damit - Laibach nicht ganz unähnlich - die Vorliebe der Popkultur für eine braune Ästhetik offenbart. Das andere verhindert er, indem er von Anfang an die Absurdität seiner Prämisse offen zur Schau stellt und schließlich den Charakter des Menschen als solchen als Motor allen Übels ausmacht und in einer Welt, die sich selbst auffrisst und von der Maxime des homo homini lupus est gekennzeichnet ist, gegenseitige Toleranz und Frieden als oberstes Ziel benennt.

Man merkt es dem Film überdeutlich an, welchen Klassiker die Macher lieben und sich zum Vorbild genommen haben. Und auch wenn Regisseur Timo Vuorensola dem großen Stanley Kubrick sicherlich nicht das Wasser reichen kann, so darf man zumindest feststellen, dass sich DR. STRANGELOVE durch diese Hommage nicht peinlich berührt fühlen muss: IRON SKY ist ein gute gespielte Polit-Satire, visuell beeindruckend und dank seiner fast schon dystopischen letzten Einstellung auch ein Film mit einer eindeutigen Botschaft.

Bliebe noch die Musik von Laibach. Ja, auch sie überzeugt - auch wenn sie weitaus länger als der Film braucht um so richtig in Fahrt zu kommen. Denn etwa über das erste Viertel hinweg versucht die slowenische Band unter Beweis zu stellen, dass sie auch klassische Filmmusik für das Orchester schreiben kann. Das Ergebnis ist durchaus gut, aber es hätte dafür nicht Laibach bedurft und klingt eben entsprechend konventionell. Das ändert sich jedoch schlagartig ab dem Punkt, an dem sich die Handlung auf die Erde verlagert - und Laibach zu einem vom Industrial geprägten, sich mal bei Wagner, mal bei der deutschen Nationalhymne bedienenden Score wechseln, indem sie erst einmal ein paar "fette Beats droppen". Dieser recht überraschende Stil-Wechsel überzeugt, wird doch ab hier musikalisch alles gut und Laibach liefern (fast) genau das ab, was man hören wollte.

So bleibt dann schlussendlich nur zu sagen, dass IRON SKY größtenteils einhalten kann, was man sich von ihm erhofft hatte. Sicherlich wäre es reizvoller gewesen, wenn Regisseur Vuorensola und sein Team sich nicht in den politisch sicheren Hafen einer Satire gerettet hätten, sondern ihren Film todernst inszeniert hätten und vermutlich hätte sich auch das ganz selten einsetzende Gefühl eines zu konventionell geschriebenen Drehbuchs verhindern lassen, hätte man dann und wann ein wenig mehr Mut zur Absurdität gehabt, aber letzten Endes trüben diese kleinen Makel den Filmgenuss nicht zu sehr: IRON SKY ist ein knapp 90 Minuten langer, verdammt unterhaltsamer, liebevoll trashiger Spaß und definitiv die Investition in ein Ticket wert!











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