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INSIDIOUS (USA 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. INSIDIOUS
Laufzeit in Minuten. 103

Regie. JAMES WAN
Drehbuch. LEIGH WHANNELL
Musik. JOSEPH BISHARA
Kamera. DAVID M. BREWER . JOHN R. LEONETTI
Schnitt. KIRK M. MORRI . JAMES WAN
Darsteller. ROSE BYRNE . PATRICK WILSON . BARBARA HERSHEY . LIN SHAYE u.a.

Review Datum. 2011-05-16
Kinostart Deutschland. 2011-07-21

Echt gruselig ist ein Moment ganz zu Anfang: Die Mutter, Renai (Rose Byrne), ist vorm Geschnarch des Vaters, Josh (Vorzeige-Douchebag Patrick Wilson), ins Wohnzimmer der jüngst bezogenen Familienresidenz geflüchtet, im Schlafanzug Fotoalben durchblättern. Links hinter ihr ein verdächtig schwarzer Türrahmen, aus dem der gewiefte Gucker, für den INSIDIOUS eher nicht gemacht ist, direkt was Gespenstisches zu hüpfen erwartet. Stattdessen taucht plötzlich der Sohnemann auf - und trägt den gleichen Bärchenpyjama wie Mama! Oh Graus! Auf Weiterverfolgung des Ödipalgarderobenhorrors wartet man dann leider vergeblich, es spielen sich in den Vordergrund: selbstzündende Öfen, huschende Schatten und sinister flüsternde Babyfone, kurz: et spukt in de Hütt'.

Ähnlich wie DEAD SILENCE orientiert sich der neue Film des Sägenduos Wan/Whannell an einer längst vergangenen Entertainmentepoche, diesmal den frühen 80ern, wo gepflegter Budenzauber Marke POLTERGEIST und AMITYVILLE für weiße Haare und schwarze Zahlen sorgte. Seine Vorgänger weniger be- als enterben möchte INSIDIOUS, was ja im Grunde ein nicht unnobles Anliegen ist: Wer die Originale wegen später Geburt verpasst hat, bekommt hier eine Chance auf Nachholung - freilich minus Effektbombast und/oder unterschwellig brodelndem Familiendrama, alles schön low-fi und PG-13. Ansonsten ist's aber dasselbe in Grau: Tür auf, Tür zu, Nerven blank - zumindest für Zuschauer, die die Formel, an die sich der Film wie ein Besessener klammert, nicht kennen.

Über gottlob eher kurz als lang fällt das Blag in eine Art Dämonenkoma, das auch ein Hauswechsel nicht zu lindern vermag. Quartier bezieht man nun bei Schwiegermuttern, in deren Rolle äußerst sporadisch Barbara Hershey um die Ecke lugt. (Wo sich die Dame wohl die ganze Zeit rumtreibt, während ihre Familie vom Schattenreich gepiesackt wird? Hoffentlich bei Castings für bessere Filme.) Hershey hat glücklicherweise die Telefonnummer der Spiritistin aufbewahrt, die sie anno '82 vom Tittengrabschsukkubus aus THE ENTITY befreit hat. Selbige nennt sich neuerdings Elise (Lin Shaye); ihre mormonisch rausgeputzten Helfernerds sind dagegen (inklusive dümmlicher Scherzchen) die Alten geblieben. Mit Piepsgerät und Gasmaske schreitet man sodann zur Ghostbusterei.

Spätestens an dieser Stelle beginnt der Film, sich offensiv lächerlich zu machen, und nicht zu seinem Nachteil. Wan und Whannell mögen patente Spukhausarchitekten sein, halten sich aber gerade in der Anfangsphase mit einschläfernder Routine an ihre plump nachgezeichneten Baupläne. Zu geräumig ist der eigene Ideenhaushalt, zu wenig dunkle Nischen gibt es im Plotgefüge, zu viele Wegweiser säumen die nicht enden wollenden Orientierungs-Dollys treppauf und treppab; den Grundriss nachzeichnen kann man hernach mühelos, sich ernsthaft fürchten eher nicht mehr. Vergleichsweise charmant ist es deswegen, wenn plötzlich eine frech zusammengeklaute Armada aus Hui-Buhmännern, -frauen und -kindern durch den CGI-Nebel gestolpert kommt und den Film endlich als das enttarnt, was er ist: ein mild amüsanter Rundgang durchs Wachsfigurenkabinett der Genregeschichte.

(Das kann man natürlich auch weniger wohlwollend betrachten: INSIDIOUS stellt sich seinen Zuschauer offensichtlich als filmhistorische Tabula rasa vor, der bei aufdringlichen Geräuschpartituren nicht an BIS DAS BLUT GEFRIERT denken muss, bei bleichgeschminkten Fratzen nicht an CARNIVAL OF SOULS und bei ausgemergelten Teufelssilhouetten nicht an F.W. Murnau - ganz einfach, weil ihm das Interesse dafür fehlt. Ein demografisches Schreckgespenst, für das alter Wein in neuen Schläuchen gerade gut genug ist. So besehen ebnet Wans Film den schlechten Ausweg aus dem postmodernen Zitatenhorror: Eine Rückkehr zu den Wurzeln nicht aus Traditionsbewusstsein der Macher, sondern aus angeblichem Traditionsverlust des Publikums.)











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