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HELLDRIVER (Japan 2010)

von Alexander Karenovics

Original Titel. NIHON BUNDAN: HERU DORAIBA
Laufzeit in Minuten. 105

Regie. YOSHIHIRO NISHIMURA
Drehbuch. YOSHIHIRO NISHIMURA . DAICHI NAGISA
Musik. KOU NAKAGAWA
Kamera. SHU G. MOMOSE
Schnitt. YOSHIHIRO NISHIMURA
Darsteller. YUMIKO HARA . EIHI SHIINA . ASAMI . HONOKA u.a.

Review Datum. 2011-05-09
Kinostart Deutschland. direct-to-video

Willkommen in einer Welt, in der Krankenschwestern Strapse tragen und der Neurochirurg mit der Machete operiert; willkommen in der Welt von Yoshihiro Nishimura. "More Gore coming soon" versprach Nishimura im Abspann von TOKYO GORE POLICE und enttäuscht hat er seitdem nicht. Auch sein neuestes Werk wurde mit reichlich Herzblut angerührt; den besten Film seiner Karriere legt er damit zwar nicht vor, aber den bislang wohl wildesten.

Sweet Dreams are made of these ... zumindest Fans dürfen schonmal die Luftschlangen auspacken, Jugendschützern wird HELLDRIVER jedoch Alpträume bescheren; für ein deutsches Release wird im Schneideraum ein mindestens ebenso enthemmtes Gemetzel vonnöten sein, wie es Nishimura-san in nahezu jeder Szene zelebriert: der SFX-Creator gone Director ist hier gänzlich ohne Leine unterwegs - eine Affinität zum maßlosen Exzess war schon lange vorher präsent, gemeint sind hier eher die Stricke eines schnöden Handlungsrahmens: es geht um eine Zombie-Invasion, und - hmm, das wars dann auch schon. Ein bunt zusammengewürfelter Trupp wird ins infizierte Gebiet gesandt um die Zombie-Queen Rikka (per se eine Queen: Eihi Shiina) auszuschalten. Etwas Familiendrama gefällig? Rikka, die schon vor ihrer Verwandlung kannibalische Neigungen auslebte, hat eine Tochter namens Kika (Yumiko Hara, zunächst selbstverständlich in Schuluniform, was für eine Frage!), jetzt nicht von ungefähr Anführerin des Himmelfahrtskommandos: Kika hätte gern ihr Herz wieder, welches momentan in der Brust der untoten Königin klopft und sie am Leben erhält.

Mit derben prosthetischen Kreationen für die unsubtileren Schreckmomente in diversen Horrorfilmen wurde Yoshihiro Nishimura bekannt, hat so quasi durch die Hintertür den Boden für ein neues Genre urbar gemacht, ein Genre, welches mittlerweile als Epitom für den Output der Nikkatsu co-finanzierten Produktions-Firma Sushi Typhoon angewendet werden darf (Ausnahmen wie Sonos COLD FISH bestätigen die Regel). Hin und wieder toben sich andere Regisseure in seinem Sandkasten aus, aber Nishimura setzt die Trends, erweitert die Zäune, ist Parkwächter und Ingenieur der Spielgeräte in einer Person. Ohne ihn läuft nichts, und damit das auch ja niemand vergißt, setzt er sich hin und wieder selbst in den Regiestuhl und treibt mit einem neuen Showcase die gesetzlich zulässigen Grenzwerte für cineastische Geschmacklosigkeiten in die Höhe.

Mit Nebensächlichkeiten wie Charakteren oder Exposition hält er sich nicht auf, das Kettensägen-Katana (kein Witz!) wird direkt in der ersten Szene ausgepackt, manchmal trieft blutiger Firnis von solch hoher Ordnungszahl über die Leinwand, daß Gesichter gar nicht mehr auszumachen sind, während hinter dem roten Schleier der wahrscheinlich längste Mutanten-Catwalk der Horror-Filmgeschichte ausgerollt wird (Tom Sterns FREAKED mit eingerechnet). Einige Mutationen aus früheren Filmen, beispielsweise die Dali'sche Kreatur auf Säbelbeinen aus TOKYO GORE POLICE, kehren in aufgepeppter Version 2.0 wieder (in obigem Beispiel auf MG-Stelzen).

Und leider bin ich jetzt auch schon fast durch mit dem Aufzählen der Vorzüge von HELLDRIVER. Bleibt noch Zeit um auf Mißstände aufmerksam zu machen, zum Beispiel das ewige Lied von der suboptimalen CGI: einige von Nishimuras Visionen sind derart größenwahnsinnig und abgedreht (ein kolossales Monstrum, welches sich aus tausenden von untoten Leibern zusammensetzt, die wie Zellen eines einzigen Organismus zusammenarbeiten und die Kreatur in Bewegung halten - Clive Barker läßt grüßen), daß hier (das Team hatte mit einem knappen Zeitplan zu kämpfen) nur noch der Computer in absehbarer Zeit flüssige Bilder liefern konnte; Yoshihiro Nishimura ist Handwerker der alten Schule, schlampige digitale Kompromisse haben in seinem Œuvre nichts zu suchen, bzw. sollten auf ein Minimum reduziert werden. Ebenfalls zu wünschen läßt der Soundtrack übrig: für den Score wurde einmal mehr Komponist Kou Nakagawa verpflichtet, der mit seinen mitreißenden Tracks zu TOKYO GORE POLICE und VAMPIRE GIRL VS. FRANKENSTEIN GIRL zwei absolute Bretter produziert hat, in HELLDRIVER ist dagegen beliebiges Schwermetall-Geholze (mit ein paar Klassik-Pointen) angesagt.

Nach ersten vernichtenden Rezeptionen von der internationalen Festival-Tour wurde der Film um knapp 15 Minuten gekürzt; geschnitten wurden kulturspezifische Insider-Gags, Splatter- und Action-Szenen mußten ebenfalls Federn lassen. Der Director's Cut wird ausschließlich in Japan vertrieben und erfahrungsgemäß keine Untertitel fürs Heimkino anbieten. Aber unter uns: für "The Bitch ain't dead" lohnt es nicht, die Tabelle mit den Kanji-Radikalen auszupacken; Dialoge sind sekundär, tatsächlich ist HELLDRIVER, trotz empirischer Schwächen, ein ganz schön wilder non-stop Clash des Grotesken mit dem Abscheulichen geworden, der in dieser Konsequenz seinesgleichen sucht. Zwar hat der Regisseur mal behauptet, sein Film wäre politisch - wenn allerdings Menschenrechts-Organisationen lautstark für politische Wahlbeteiligung und Lebensstandard von Zombies demonstrieren, ist das eher in der Abteilung "Brachial-Comedy" einzuordnen. HELLDRIVER ist Trash der leicht gehobenen Sorte für stark abgesenkte Ansprüche, und dieser Text sowohl als Empfehlung wie als Warnung zu verstehen.

Ihr wißt, was euch erwartet!











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