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DAS HAUSMÄDCHEN (Korea 2010)

von Benjamin Hahn

Original Titel. HANYO
Laufzeit in Minuten. 106

Regie. IM SANG-SOO
Drehbuch. IM SANG-SOO . KIM KI-YOUNG
Musik. KIM HONG JIP
Kamera. LEE HYUNG DEOK
Schnitt. LEE EUN SOO
Darsteller. JEON DO-YOUN . LEE JUNG-JAE . SEO WOO . AHN SEO-HYUN u.a.

Review Datum. 2011-03-03
Kinostart Deutschland. 2011-04-07

Nun ist es endlich soweit. Die vor allem in den USA momentan ziemlich angesagte Remake-Kultur hat nun auch die Länder erreicht, die bisher mit glänzenden originären Geschichten beeindrucken konnten. In diesem Fall handelt es sich dabei um (Süd-)Korea, ein Land dessen Filmwirtschaft so Perlen wie OLDBOY oder zumindest weltweit diskutierte Trash-Streifen wie THE HOST hervorgebracht hat. Doch nicht erst seit der Jahrtausendwende ist das koreanische Kino ein Garant für gute Unterhaltung. Einer der bedeutendsten Filmklassiker des Landes ist der 1960 in die Kinos gekommene HANYO, der zu den Lieblingsfilmen Martin Scorseses gehört. Scorsese war es auch, der die digitale Restauration des Originals vorantrieb und sich für eine Wiederaufführung bei den Filmfestspielen in Cannes im Jahr 2007 einsetzte und so HANYO fast fünf Jahrzehnte nach seiner Uraufführung wieder ins Gespräch brachte. Weil aber die Zeit auch an solchen Klassikern nicht spurlos vorübergeht und Handlung und porträtierte Gesellschaft bestenfalls angestaubt, schlimmstenfalls antiquiert wirken, ist so ein neu entflammtes Interesse immer eine Steilvorlage für Produzenten, hier genutzt von Jason Chae, der unter anderem Kiyoshi Kurosawas LOFT produzierte. Ihm gelang es gemeinsam mit Regisseur Im Sang-soo pünktlich zum 50. Geburtstag des Originals im Jahr 2010 das Remake fertigzustellen und dort der Weltöffentlichkeit zu präsentieren, wo drei Jahre zuvor der Grundstein für das Remake gelegt worden war: bei den Filmfestspielen in Cannes.

Zugegeben, der vorherige Absatz war lang ohne dass auch nur ein einziges Wort über die Qualität des 2010er HANYO gefallen wäre. Dennoch ist dieser Hintergrund bei der Einschätzung dieses Films nicht unerheblich, denn der 1960er HANYO galt zu seiner Zeit als durchaus kontroverser Film, der mit seiner gesellschaftskritischen Haltung Einfluss auf das Korea der 60er Jahre genommen hat. Das Remake eines solchen Films muss sich also auch am Potential für eine mögliche gesellschaftliche Einflussnahme messen lassen. Genau da aber liegt die Achillesferse der neuen Version, denn die Änderungen in der Handlung durch Regisseur und Drehbuchautor Im Sang-soo enden zwar einerseits in einer vielfach gelungenen Sozialstudie, bieten aber dem Publikum wiederum viel zu selten Identifikationsmöglichkeiten.

Was heißt das? Im aus der Sicht des Ehemanns erzählten Original kommt das neue Hausmädchen in eine Mittelschichtfamilie und geriert sich dort als femme fatale mit durch einer erzwungene Abtreibung zunehmend entrückter Psyche, die zum Sukkubus des von seiner schwangeren Frau entnervten Hausherrn wird. Das Remake indes konzentriert sich auf das Hausmädchen selbst. Eun-yi ist eine leicht naiv-verträumte, nach dem Tod ihrer Mutter in einem Fischrestaurant arbeitende Kindertherapeutin, die das neue Kindermädchen einer schwerreichen Familie werden soll. In einer Mischung aus Zwang und Eigenantrieb beginnt sie dort eine Affäre mit dem Hausherrn, einem ebenfalls von seiner schwangeren Frau genervtem Casanova.

Gleich ist beiden Versionen, dass das Hausmädchen schwanger wird, zur Abtreibung gezwungen wird und sich anschließend brutal für den Verlust ihres Kindes rächt. Doch während das Original diesen Rachefeldzug als psychologischen Amoklauf inszeniert, sieht das Remake darin die Chance zu einem verstörenden finalen Statement, das in seiner brutalen Qualität dem hier durch die betrogene Ehefrau und ihrer Mutter begangenen Horror angemessen erscheint. Doch nicht nur in diesem Moment ist das 2010er HAUSMÄDCHEN recht eindrucksvoll. Bereits die Schilderung eines Suizids im Prolog ist in all seiner tragischen Beiläufigkeit eine feine Sektion unserer zunehmend ihre Empathie einbüßenden Gesellschaft.

Doch leider endet an jenem Punkt aber auch die nachvollziehbare Gesellschaftskritik. Zwar schwingt sie immer dann mit, wenn es um den Umgang mit Kindern und vor allem um Themen wie Abtreibung geht, aber hier ist sie nur noch Unterton. Um aus der Darstellung der gefühlskalten und distanzierten schwerreichen Familie eine allgemein gültige Kritik an den brutalen Mechanismen unserer Gesellschaft ableiten zu können ist diese in einer schlossartigen Luxusvilla lebende Kleinfamilie dann doch zu weit weg von den im Prolog porträtierten Menschen des Großstadtnachtlebens. So mitreißend und erdrückend zugleich die Handlung auch sein mag - für wirkliche gesellschaftliche Relevanz und eine moralische Lehre hätte es erneut die Mittelschicht des Originals sein müssen.
Dass HANYO dennoch ein sehr gelungener Film geworden ist, liegt nicht nur an der starken Inszenierung, sondern vor allem an den Bildern von Lee Hyung Deok, die gekonnt mit der Architektur der Kulisse spielen und ein Gefühl konstanter Bedrohung und Irritation schaffen. Doch nicht nur die elegante Kameraführung sorgt dafür, dass DAS HAUSMÄDCHEN unterm Strich eine klare Empfehlung bekommt; es ist auch die schauspielerische Gesamtleistung, die gut genug ist, um manch ungelenk geschriebene Wendung geschmeidig wirken zu lassen.

Auch HANYO gelingt es nicht die Remake-Kultur sinnvoller oder notwendiger erscheinen zu lassen. Würden aber mehr Remakes eine so hohe Qualität wie DAS HAUSMÄDCHEN aufweisen, könnte man den ganzen Remake-Wahn entschieden weniger kulturpessimistisch betrachten.











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