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GANTZ (Japan 2011)

von Alexander Karenovics

Original Titel. GANTZ
Laufzeit in Minuten. 150

Regie. SHINSUKE SATO
Drehbuch. YUSUKE WATANABE
Musik. KENJI KAWAI
Kamera. TARO KAWAZU
Schnitt. TSUYOSHI IMAI
Darsteller. KENICHI MATSUYAMA . KAZUNARI NINOMIYA . NATSUNA WATANABE . YURIKO YOSHITAKA u.a.

Review Datum. 2011-07-23
Kinostart Deutschland. direct-to-video

Am Anfang war das Wort, bzw. die Kugel. Ein massives, schwarzes Gebilde von perfekter Geometrie in einem weißen Raum, der nur darauf wartet, mit Leben gefüllt zu werden. Fast schon ein biblisches Motiv.

Nach und nach materialisieren sich Menschen im Raum - einige wenige wissen bereits, was sie erwartet, die meisten sind jedoch verängstigt und verunsichert. Nach Außen haben sie wenig gemeinsam: vom Super-Babe, dem schwitzenden Anzugträger, bis hin zum Highschool-Mädchenschwarm mit poppiger Emo-Frisur sind alle Archetypen einer exemplarischen Anime-Seifenoper vertreten. Einige scheinbar wahllos entführt, andere hat es im Todesmoment hierher verschlagen. So auch die beiden Freunde Kei (Kazunari Kinomiya) und Kato (Kenichi Matsuyama), die gerade im Begriff waren von einer U-Bahn überrollt zu werden, als sie einem Obdachlosen von den Schienen helfen wollten.

Eine Review über einen Film mit dem Titel GANTZ zu schreiben ohne einen einzigen preiswerten Kalauer rauszuhauen - eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, schon weil der vorliegende Film gar nicht die vollständige (respektive: ganze) Geschichte erzählt - die erreicht erst im zweiten Teil GANTZ: PERFECT ANSWER ihren Höhepunkt, Epilog und Abblende.

Basierend auf einer mittlerweile 31-bändigen, fortlaufenden Manga-Reihe wird in der Realverfilmung der Kampf einer Gruppe Auserwählter (zwangsweise rekrutiert von einer mysteriösen Intelligenz namens "Gantz") gegen eine feindliche Alien-Rasse thematisiert. Gefangen im Körper eines Menschen, mit allerhand Schläuchen und Kabel an lebenserhaltende Systeme im Innern der Kugel angeschlossen, kommuniziert das komatöse Wesen mittels eines Computer-Displays mit der Außenwelt. Nach einem mehr kryptischen als erhellenden Briefing öffnet sich ein Teil der Kugel und gibt den Blick aufs Innere frei; zu beiden Seiten wird ein Depot mit futuristisch anmutenden Feuerwaffen und Kampfanzügen ausgefahren.

Der Kampf gegen die außerirdischen Invasoren erinnert an ein RPG-Computerspiel: das gekidnappte Squad wird in ein Parallel-Universum teleportiert, optisch unserer Welt nachempfunden, außer Kämpfern und feindlicher Zielperson jedoch menschenleer. Ein Zeitlimit wird initialisiert, und nach erfolgreich absolvierter Mission werden individuelle Leistungen bewertet und auf ein Punkte-Konto gutgeschrieben. Wer 100 Punkte gesammelt hat, darf entweder aussteigen oder einen verstorbenen Kameraden zurückbringen. Anschließend geht's zurück in die reale Welt, an den Arbeitsplatz, die Schulbank oder das College, mitsamt deren schnöden Reizen und Herausforderungen - bis zum Anbruch der nächsten Nacht.

Hier wird bereits das billige, aber geniale Konzept offenbar, welches GANTZ geradezu prädestiniert für ein endloses Serien-Format: tagsüber wird geflirtet und über den Sinn des Lebens schwadroniert, nachts gibt's was auf die Fresse: immer neue Monster, immer neue Spieler. Zwischendurch verabschiedet man sich melodramatisch von liebgewonnenen Mitstreitern - solange, bis man selbst mit dem moralischen Dilemma konfrontiert wird, wie mühsam erarbeitete Punkte möglichst gewinnbringend anzulegen sind: Bin ich asoziales Arschloch und verpisse mich galant aus der Affäre? Oder belebe ich einen gefallenen Kameraden wieder? Und wenn ich mich für Letzteres entscheide: wer verdient eine zweite Chance? Akzeptieren die anderen meine Wahl?

Klingt toll? Spannend, innovativ? Ist es aber leider nur auf dem Papier. Statt nämlich bequem einzulochen, semmelt die Live Action-Adaption die Kugel mit Verve vor die Bande; statt sich hingebungsvoll aufs soapige Potential zu stürzen und die Bindungen zwischen Charakteren auszubauen, verschwendet das Skript Zeit mit ausufernden CGI-Schlachten, die zwar erstaunlich sauber und effektvoll getrickst wurden, aber stets nach gleichem Muster ablaufen und so schnell langweilen. Eigentlich gibt es nur eine einzige Möglichkeit, das Monster der Stunde auszuschalten: ein Schuß aus der Sci-Fi-Knarre; Sniper-Fähigkeiten braucht hierfür keiner, denn so was wie Hit-Zones scheinen nicht zu existieren: egal ob Kopfschuß oder Rumpftreffer - nach kurzem Delay wird jedes Bulls Eye mit einer blutigen Explosion belohnt.

Eigentlich nicht besonders schwierig - kompliziert wird es erst dadurch, wenn alle Beteiligten (Veteranen inklusive) sich ausnahmslos wie Sudoku-Spieler in einem Ego-Shooter aufführen: Waffen dürfen nur abgefeuert werden, wenn der Regisseur "Action" ruft, den Rest der Zeit wird mit bloßen Fäusten draufgeknüppelt, sich minutenlang angestarrt, Namen in den Raum gebrüllt, etc. Beim ersten Encounter, wenn niemand recht weiß was eigentlich zu tun ist, mag das noch als halbwegs nachvollziehbare Panik-Reaktion durchgehen. Beim zweiten Gefecht gerät man aber bereits ins Grübeln: "Hey, ein unkaputtbarer Terminator-Clown. Cool. Woah, der Tritt saß aber - hatten die nicht Knarren?" Und beim dritten Gegner, einem Tag-Team aus Marmor-Riesen und bronzenem Buddha mit 12 Säbeln, nervt das irgendwann. Wie Sau. Derlei Unzulänglichkeiten mag es schon in der gezeichneten Vorlage gegeben haben, so richtig häßlich treten die aber erst ohne schwarze Umrandungen zutage. An knapper Munition, langer Auflade-Zeit oder einem besonders diffizilen Target Lock-System kann es nicht liegen, denn wenn's gerade im Skript steht, kann Kato durchaus mal drei aufeinanderfolgende Schüsse abfeuern. Sicher, in einer Review zu einem Action-Film die engärschige Logik-Karte zu ziehen, ist kein feiner Zug; wenn solche Schlampereien jedoch auf Kosten der Zeit für das eigentlich reizvolle Element der Grundidee gehen, erwacht im nachsichtigsten Filmfan der verbale Amokläufer.

Satte 45 Minuten dauert der Showdown, dabei muß nur eines geleistet werden: einen Koloß mit den Ausmaßen von Optimus Prime irgendwie annähernd ins Fadenkreuz zu kriegen und den Zeigefinger ein paar Millimeter weit zu krümmen - alles andere ist verschwendete Zeit. Dementsprechend oberflächlich müssen notwendige Eckdaten der Charakterentwicklung abgehakt werden - die im Grunde spannendste Konsequenz der Ausgangssituation verkommt zur Hintergrund-Berieselung ... in einer Szene sucht Keis introvertierte Kommilitonin noch schüchternen Blickkontakt, in der nächsten klammert sie sich bereits mit pathetischer Geste an ihn und versichert ihm, daß er ein wichtiger Teil in ihrem Leben sei. Zu einem anderen Zeitpunkt scheinen sich Kei und Kato in unterschiedliche Richtungen zu entwickeln: während Kato als Team-Player auftritt und insbesondere Newcomern den Einstieg erleichtern möchte, läßt Kei den zynischen Einzelgänger raushängen: "Laß sie doch draufgehen, wir schaffen das alleine." Bevor aber der Konflikt anständig entwickelt werden kann, geschweige denn eskaliert, stehen bereits Kali und Rübezahl auf der Matte: Rumms, Bumms, inklusive ewig langer Close-Ups von dramatisch dreinblickenden Augenpaaren - da einer tot, hier noch einer, und dann laufen auch schon die Credits. Ohne daß jemand nur annähernd die 100 Punkte erreicht hätte.

Auch die keimfreie Blockbuster-Optik wird Fans der Vorlage nicht gerade Ovationen abverlangen: im Manga herrschen Sodom und Gomorrha, wird gefickt, geflucht und geblutet, einstige Identifikations-Figuren mutieren zu perversen Soziopathen, während in der Realverfilmung egales Kanonenfutter ziellos herumstolpert, angeführt von zwei blassen Reißbrett-Helden, die sich lediglich in der Haartracht unterscheiden. Schade um einige talentierte Jungstars, allen voran Kenichi Matsuyama, der nach zwei mal DEATH NOTE und einem Spin-Off eigentlich alle Sympathien auf seiner Seite haben sollte. Die sexy Kurven von TV-Sternchen Natsuna Watanabe streuen eine Prise jugendfreie Erotik in den faden Eintopf, eklatante Inszenierungs-Schwächen und Handlungslöcher kann man damit jedoch nicht stopfen.

GANTZ ist eine freche Mogelpackung - viel mehr als eine auf Überlänge aufgepumpten Exposition findet nicht statt; ein zu allem Unglück visuell äußerst attraktiver Big Budget-Teaser für den vermutlich aus allen Fugen berstenden zweiten Teil. Woher kommen die Aliens? Wer zieht die Fäden? Was ist die Kreatur im Inneren der Kugel und spricht sie wirklich die Wahrheit? Viel verlange ich ja gar nicht - ein vager Fingerzeig, daß überhaupt Antworten zu jenen Fragen existieren, würde ausreichen. Aber in dieser Hinsicht läuft GANTZ ab wie ein 2,5-stündiger Striptease, bei dem irgendwann das Licht ausgeht, bevor auch nur ein einziges Kleidungsstück gefallen ist. Um die Geldscheine im Strumpfband tut's einem da weniger leid als um die Zeit, in der man weiß Gott was Sinnvolleres hätte anstellen können: ein Killerspiel durchzocken, zum Beispiel; ein Sudoku lösen. Oder sich 100 schwarze Murmeln in die Nase drücken.

Und wie geht es weiter? Für GANTZ: PERFECT ANSWER sind zwei Szenarien denkbar: entweder ein fragmentarisches Desaster, welches alle offenen Enden des Vorgängers in Rekordzeit abackern muß, oder die Antwort fällt tatsächlich derart banal und simpel aus, daß man sich zwangsläufig fragen wird, warum die Geschichte überhaupt in zwei Hälften aufgeteilt werden mußte. Beides keine sonderlich sexy Aussichten.

Gantz im Gegenteil.











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