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FAIR GAME (USA/Vereinigte Arabische Emirate 2010)

von Michel Opdenplatz

Original Titel. FAIR GAME
Laufzeit in Minuten. 104

Regie. DOUG LIMAN
Drehbuch. JEZ BUTTERWORTH . JOHN-HENRY BUTTERWORTH
Musik. JOHN POWELL
Kamera. DOUG LIMAN
Schnitt. CHRISTOPHER TELLEFSEN
Darsteller. NAOMI WATTS . SEAN PENN . SAM SHEPARD . NOAH EMMERICH u.a.

Review Datum. 2010-11-25
Kinostart Deutschland. 2010-11-25

Gleich vorweg: Völlig ohne US-Pathos geht auch dieser Politthriller nicht vonstatten. Doch es bleibt im Rahmen. FAIR GAME ist kein revolutionäres Meisterwerk, das alle seine Vorgänger in den Schatten stellt, doch er erweist sich als überraschend spannend und kratzt zuweilen gekonnt an so manchen glattgeglaubten Oberflächen. Basierend auf den Memoiren der ehemaligen CIA-Mitarbeiterin Valerie Plame Wilson, zeichnet der Film die Täuschungs- und Vertuschungspolitik der Regierung unter George W. Bush nach, die auf die Attentate vom elften September folgte und maßgeblich wegbereitend für die noch heute, neun Jahre später, nicht beendeten Kriege in Afghanistan und im Irak waren.

Der Film beginnt im Jahr 2001 mit realer Medienberichterstattung über die Anschläge auf das World Trade Center, vermischt mit einer tosenden Politikerelite, die hauptsächlich mit den Worthülsen "Freiheit" und "Sicherheit" um sich wirft und beim besten Willen nicht beruhigend wirkt sondern im Gegenteil eine noch wesentlich beklemmendere Stimmung erzeugt. Die Protagonistin Valerie Plame (Naomi Watts, FUNNY GAMES) wird eingeführt als effiziente CIA-Agentin auf Außenmission im Mittleren Osten. Sofort wird klar: Sie hat Ahnung, sie kann durchgreifen, sie scheut sich nicht vor Krisengebieten, und sie glaubt an die Wichtigkeit und Richtigkeit ihrer Arbeit. In ihrem privaten Unfeld weiß niemand von dieser Tätigkeit außer ihrem Mann Joseph Wilson (Sean Penn, wie in MILK wieder einmal unübertroffen), dem ehemaligen US-Botschafter in Niger. Der wird auf Grund seiner diplomatischen Erfahrungen in die Ermittlungen seiner Frau eingebunden, was den Beginn der mittlerweile bekannten Kontroverse über eventuelle Massenvernichtungswaffen als Grund der Irakinvasion durch US-Truppen markiert. Wilson kommt bezüglich des vermuteten Uranhandels zu einem Schluss, der gewissen Regierungsakteuren ganz und gar nicht in den Kram passt. Als er sich jedoch weigert, den Mund zu halten, wird Valerie von höchsten Kreisen enttarnt. Damit nimmt nicht nur eine mediale Hetzkampagne gegen das Paar sondern auch eine saftige Ehekrise im Hause Plame Wilson ihren Lauf.

Was FAIR GAME hauptsächlich exzellent herausarbeitet, sind Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung sowie allgemeine Mechanismen politischer und medialer Panikmache. Josephs und Valeries Freundeskreis ergeht sich mehrmals in geselliger Runde über die für sie aktuellen Themen islamistischer Bedrohung und stellt vor dem Hintergrund vollkommener Ratlosigkeit eine plakative Stammtischargumentation zur Schau, die Joseph gegen seinen Willen mehr als einmal auf die Palme treibt. Auf der anderen Seite muss er sich - was ihn nicht minder zur Weißglut bringt - von einem afrikanischen Taxifahrer anhören, wie korrupt doch die herrschende Klasse in Sierra Leone sei, während in den USA alles mit rechten Dingen zugehe. Doch auch die emotionalen Ausbrüche gehören zur Bravado, die Sean Penn dem Äußeren seiner Figur verleiht: entweder gelassen und zynisch oder aufbrausend und zielstrebig. Darunter verborgen liegt allerdings immer eine Zerbrechlichkeit, die sich Joseph nur vor Valerie zu zeigen traut und derentwegen man dieser Figur auch abnimmt, dass sie am Streit mit der Ehefrau durchaus zu Grunde gehen kann. Penn stielt Watts hier beinahe die Show.

Gerade diese sehr intime, emotionale Seite des Films wirft an mehreren Stellen die Frage auf, ob man hier nicht eher eine kuriose Mischung aus Politthriller und Familiendrama vor sich hat. Nicht kurios, weil diese Elemente unvereinbar wären (Misstöne gibt es nur an sehr wenigen Stellen), sondern weil die schiere Übermacht der außerfamiliären Bedrohung für den alltäglichen Kinogänger kaum fassbar scheint. Bush und Konsorten sind trotz physischer Abwesenheit omnipräsent: als Archivmaterial im Fernsehen, in Tonaufnahmen oder in Gesprächen; ein ebenso bekannter wie wirkungsvoller Trick, dessen sich der Film jedoch gekonnt bedient und so beide Protagonisten absolut unterlegen und verloren wirken lässt. Neben Karl Rove (Adam LeFevre) tritt als einziges schauspielerisch repräsentiertes Organ der Regierung (fast wie ein ranghoher Oberschurkenhandlanger in einem Actionkracher) der ebenfalls reale Scooter Libby, Mitarbeiter des Vizepräsidenten, in Erscheinung, der Josephs Torpedierung und Valeries Enttarnung orchestriert. David Andrews spielt ihn so, dass man gar nicht anders kann, als ihm dieselbe Verachtung entgegenzubringen, mit der er selbst alles bedenkt, was er auch nur ansieht.

Das führt letztlich zum einzigen signifikanten Schwachpunkt des Films: Auch er kommt leider nicht ohne stereotype Lagerbildung aus. Libby und die ihn kommandierende Bush-Regierung sind böse, mächtig und niederträchtig. Valerie und Joseph hingegen sind die lauteren Einzelkämpfer, die für Wahrheit und Gerechtigkeit eintreten. Die CIA wabert nebulös irgendwo dazwischen herum, doch auch hier ist von Anfang an klar, dass Valerie im Zweifel von ihren Kollegen fallen gelassen werden wird. Natürlich darf sie Gewissensbisse haben, schwere Entscheidungen fällen, wissen, dass nicht alles in ihrer Organisation so legal abläuft, wie sie das gerne hätte. Doch genau hier liegt das Problem: Ihre Figur büßt Glaubwürdigkeit dadurch ein, dass behauptet wird, jemand, der derartige Informationen an die Öffentlichkeit bringen kann wie sie, sei immer nur ein unschuldig Involvierter gewesen. Nahezu in ihrer Menschlichkeit überzeichnet wirkt sie daher, wenn ihr größtes moralisches Problem am Ende darin besteht, wie sie sich wieder mit ihrem Mann versöhnen soll (sie bespricht es mit ihrem Vater, während die Kleinen im Garten metaphernschwanger Lassowerfen üben). Joseph fällt auf der anderen Seite passgenau die eingangs angedeutete Rolle als Pathosgenerator zu, wenn er vor versammelten Studenten die amerikanischen Grundwerte beschwören darf.

Aber damit muss und kann man trotzdem leben, denn schließlich ist ja das Ziel dieses Films eine klare politische und moralische Aussage. Daher ist man durchaus erleichtert und freut sich mit den Protagonisten, wenn Valerie am Ende den Gerichtssaal betritt und endlich öffentlich Stellung bezieht zu dem, was sie und ihr Mann aufgedeckt haben. In einem letzten gelungenen Kniff gelingt die stilistische Schleife zurück zum Anfang, wenn eben plötzlich nicht mehr Naomi Watts hinter den Mikrofonen sitzt sondern die echte Valerie Plame in einer Archivaufzeichnung der Verhandlung. Die wirklich großen Probleme sind nicht gelöst, die Kriege wüten immer noch, doch der Kinobesucher fühlt sich immerhin um eine gelungene Gesellschaftsstudie bereichert.











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