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ENGEL DES BÖSEN - DIE GESCHICHTE EINES STAATSFEINDES (Italien/Frankreich 2010)

von Martin Eberle

Original Titel. VALLANZASCA - GLI ANGELI DEL MALE
Laufzeit in Minuten. 125

Regie. MICHELE PLACIDO
Drehbuch. MICHELE PLACIDO . KIM ROSSI STUART
Musik. nicht bekannt
Kamera. ARNALDO CATINARI
Schnitt. CONSUELO CATUCCI
Darsteller. KIM ROSSI STUART . FILIPPO TIMI . MORITZ BLEIBTREU . VALERIA SOLARINO u.a.

Review Datum. 2011-02-17
Kinostart Deutschland. 2011-02-24

Bei uns im Betrieb geht es sooo lustig zu! Da passiert so viel, da bräuchten Sie sich gar nichts ausdenken, einfach eine Kamera aufstellen und laufen lassen! Wenn der Pachulke dann einen Spruch bringt oder wenn die Schadowski wieder vom Wochenende erzählt... also köstlich!

Warum sich umständlich selbst was ausdenken, wenn doch das pralle Leben selbst die unglaublichsten Geschichten bietet? Natürlich gibt es tendenziell spannenderes als den Pachulke vom Amt, zum Beispiel das Leben und Wirken von Verbrechern und Gewalttätern. Im europäischen Film haben sich jüngst Deutschland und Frankreich mit großen Produktionen profiliert, wobei die Ansätze doch recht unterschiedlich waren. Das bundesrepublikanische Biopic mit politischem Anspruch arbeitet sich am gesamtgesellschaftlichen BAADER-MEINHOF-KOMPLEX ab, Frankreich dagegen blickt zwischen nüchtern und fasziniert auf das facettenreiche Persönlichkeitsprofil des STAATSFEIND NR. 1, und nun zieht Italien katholisch-düsterkitschig mit dem ENGEL DES BÖSEN nach.

Dieser böse Engel ist Renato Vallanzasca, ein charismatischer Gewaltverbrecher, der durch gewagte Coups in den 1970ern nachhaltig seinen Ruhm begründete. Auf dem Höhepunkt seiner kriminellen Karriere kontrollierte er schließlich die Mailänder Unterwelt. Ein Leben also, das an Schauwerten (Banküberfälle, Entführungen, Bandenkriege, spektakuläre Ausbrüche und sogar Sex!) viel Stoff zu bieten hat. Noch dazu in einer Zeit, in der in Italien viel passierte: die Roten Brigaden, rechter Bombenterror, Kulturkampf... eine spannende Zeit.

I guess you had to be there...

ENGEL DES BÖSEN ist ein sehr schönes Beispiel dafür, dass selbst das aufregendste Leben eine dramaturgische Aufarbeitung nötig hat, gerade für die große Leinwand. Regisseur und Drehbuchautor Michele Placido und seine immerhin fünf Co-Autoren (!) machen nämlich so ziemlich nichts aus ihrer Hauptfigur oder aus dem zeitgeschichtlichen Umfeld. Beziehungslos und sich selbst genug zieht Kim Rossi Stuart als Vallanzasca seine Runden durch Raum und Zeit, sieht dabei vor allem sehr gut aus (die wahrscheinlich strahlendsten Augen seit Franco Nero Särge durch den Schlamm zog!) und lässt einen doch komplett kalt. Seine Aktionen sind skrupellos und unsympathisch, trotzdem wird behauptet, er sei einer der guten, der Gentleman-Gangster. Auch sein Aufstieg zum Sinnbild eines freien und ungebundenen, der Gesellschaft nicht verantwortlichen Lebensentwurfs wird behauptet aber nicht gezeigt. Episodisch und ohne inneren Zusammenhang werden die Ereignisse abgespult, die Momentaufnahmen selbst ohne jedes Gespür für den Moment oder das Gefühl zerhackmessert. Wenn zum Beispiel Vallanzascas Braut bei einer opulenten Hochzeitsfeier im Gefängnis in die Arme einer Freundin zusammen bricht und davon stammelt, wie sehr sie diese Situation überfordert, wird gnadenlos nach dem Aushauchen der letzten Silbe millisekundenschnell zu Vallanzasca und seinen Kumpels umgeschnitten. Das ist grob, das ist menschenfeindlich und das ist das eigentliche Stilelement des Films.

Hier sind wir in Bolivien. Man sieht's nicht so genau, aber da hinten links geht es zu einem ganz zauberhaften Dörfchen mit ganz authentischen Einwohnern. Und das hier ist dann im... ähhh... doch nicht, das ist gar nicht Bolivien. Das ist noch Mexiko. Also, hier seht ihr...

Seltsam, diese grobe Montage wirkt noch nicht mal gehetzt oder hektisch. Sie wirkt gar nicht. Und das ist so mit das Schlimmste, was einem Film passieren kann: Gefühle, Emotionen killen. ENGEL DES BÖSEN macht das exzessiv. Das fehlende Gespür für timing und Figuren, die hilflose Simulation einer elliptischen Erzählstruktur, unmotivierte Sprünge zwischen den Zeiten, das gelegentliche Abdriften in pathetischen Kitsch, der Film wirkt wie eine beim Nachsitzen lieblos hingeschluderte Strafarbeit. Man wünscht sich geradezu Onkel Werners durcheinander geratenes Dia-Kästchen zurück. Da sieht man wenigstens Menschen, zu denen man einen Bezug hat und kann sich nebenbei noch mit Cousine Kerstin unterhalten.











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