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EIN PROPHET (Frankreich/Italien 2009)

von Florian Lieb

Original Titel. UN PROPHÈTE
Laufzeit in Minuten. 155

Regie. JACQUES AUDIARD
Drehbuch. THOMAS BIDEGAIN . JACQUES AUDIARD . NICOLAS PEUFAILLIT
Musik. ALEXANDRE DESPLAT
Kamera. STÉPHANE FONTAINE
Schnitt. JULIETTE WELFLING
Darsteller. TAHAR RAHIM . NIELS ARESTRUP . ADEL BENCHERIF . HICHEM YACOUBI u.a.

Review Datum. 2010-02-15
Kinostart Deutschland. 2010-03-11

"As far back as I can remember I always wanted to be a gangster”, verrät Ray Liottas Henry Hill in GOODFELLAS, dem Meisterwerk von Martin Scorsese. Der Mafia-Film ist schon lange ein eigenes Subgenre und Scorseses Einblick in den Aufstieg des Mobsters Henry Hill nimmt einen der vorderen Plätze in diesem Genre ein. Ein Genre, das für das Publikum nie uninteressant zu werden scheint, betrachtet man die zeitliche Brücke zwischen solchen Filmen wie Coppolas DER PATE (1972) und Scorseses GOODFELLAS (1990) bis hin zu den SOPRANOS (1999-2007) und Matteo Garrones GOMORRHA (2008). Mit seinem neuen Film EIN PROPHET verlagert der französische Regisseur Jacques Audiard nun den klassischen Mafia-Film in ein Gefängnis. Jenes alte (Film-)Rezept würzt er dann noch mit einigen kleinen Anleihen von Akira Kurosawas YOJIMBO.

Zu Beginn des Filmes ist Malik (Tahar Rahim) ein Niemand. Er kann weder richtig Lesen noch Schreiben, hat außerhalb des Gefängnisses keine Freunde und ist somit vollkommen allein. Dementsprechend wird ihm an seinem ersten Tag im Gefängnishof auch gleich sein Paar Schuhe geraubt. Malik ist ein Außenseiter, mit sechs Jahren Haft vor sich. Ein gefundenes Fressen in diesem mörderischen Haifischbecken. Und schon bald bewahrheitet sich für ihn das Sprichwort: Fressen oder gefressen werden. Der korsische Mafiosi César Luciani (Niels Arestrup) will sich eines unliebsamen Zeugen entledigen und nötigt Malik dazu, den Mord zu begehen. Dieser folgt der Drohung und steht fortan unter dem Schutz von Luciani. Was allerdings zur Folge hat, dass Malik nunmehr ein Kind zweier Welten ist. Für seine muslimischen Mithäftlinge ist er nur noch "der Korse" und für die italienischstämmigen Korsen bleibt er "der Araber". Aus dem Status des Lakaien vermag Malik erst auszubrechen, als Lucianis innerer Kreis in ein anderes Gefängnis verlegt wird.

Maliks Werdegang erinnert an Andy Dufresne aus DIE VERURTEILTEN. "I had to come to prison to be a crook", blickt dieser auf seine kriminelle Karriere hinter Gittern zurück. Über Maliks Vergangenheit erfährt man relativ wenig. Scheinbar sitzt er seine Haftstrafe wegen eines Angriffs auf einen oder mehrere Polizeibeamte ab, reklamiert jedoch, dass er unschuldig sei. Mit dem Eintritt in das Gefängnis schlägt Audiard das Kapitel zu Maliks Vorgeschichte auch zu. Egal, ob er zu Unrecht inhaftiert wurde oder nicht - wirklich in die Kriminalität rutscht Malik erst durch seine Haftstrafe und den Kontakt zu Luciani ab. Ein Außenseiter bleibt er jedoch weiterhin. Lediglich Ryad (Adel Bencherif) akzeptiert ihn als Freund, macht ihn später sogar zum Patenonkel seines Sohnes. Da Malik jedoch zu keiner der beiden Gruppen innerhalb des Gefängnisses wirklich dazugehören kann, beginnt er, seine eigene Gruppe zu sein und sich um sich selbst zu kümmern. An dieser Stelle beginnt Audiard Elemente aus Kurosawas YOJIMBO zu entlehnen, wenn Malik die unterschiedlichen Parteien gegeneinander ausspielt und für seine Vorteile benutzt.

In EIN PROPHET geht es dabei im Grunde weniger um den Aufstieg von Malik in der Gangster-Hierarchie, sondern vielmehr um seine Anpassung. Und sieht man von Ryad ab - der zudem in der Mitte des Filmes aus der Haft entlassen wird -, dann bleibt Malik weitestgehend auch allein, unabhängig von seiner Anpassung an seine Umgebung. Als einziger Begleiter stellt ihm Audiard Reyeb (Hichem Yacoubi), eine Ausgeburt von Maliks Fantasie, an die Seite. Reyeb war jener Zeuge, den Malik zu Beginn für Luciani ermorden musste. Bedauerlicherweise schenkt Audiard den Szenen der beiden nicht mehr Tiefe, denn dass Malik den Mord von damals nie völlig verarbeitet hat, wird durch das kontinuierliche Erscheinen von Reyeb überdeutlich. Einen gelungeneren Umgang mit Fantasiefiguren hatte im letzten Jahr erst Ken Loach mit LOOKING FOR ERIC veranschaulicht. Zwar wird Maliks Agenda auch ohne allzu viele Worte und charakterliche Einblicke deutlich, ein stärkerer Fokus auf sein sich veränderndes Innenleben hätte dem Film jedoch nicht geschadet.

So unterhaltsam Audiards Film letztlich auch ist, vielleicht gerade deshalb, weil er nicht so aufgeregt daherkommt wie PUBLIC ENEMY NO.1, verliert sich der Pariser Regisseur ab einem gewissen Zeitpunkt dann zu sehr in seiner eigenen Geschichte. Da werden immer mehr Figuren eingeführt, wie der mit Maliks Drogenkartell konkurrierende Latif der Ägypter oder Bahim Lattrache, ohne dass die Handlungsstränge zum einen zu Ende geführt werden und zum anderen überhaupt von gewichtiger Bedeutung für die eigentliche Geschichte wären. Auch die titelgebenden Prophezeiungen erweisen sich als nicht unbedingt zweckdienlich und zu unausgereift. All dies ändert jedoch wenig daran, dass EIN PROPHET ein überzeugender Vertreter des (französischen) Gangsterfilms ist, der gekonnt mit all jenen Elementen spielt, die er unterwegs für seine Inszenierung absorbiert. Und hätte Audiard eine Szene früher geendet, hätte er sich sogar mit einem wunderbaren Kontrast zu dem Beginn seines Filmes verabschieden können.











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