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DREDD (USA 2012)

von André Becker

Original Titel. DREDD
Laufzeit in Minuten. 95

Regie. PETE TRAVIS
Drehbuch. ALEX GARLAND
Musik. MICHAEL O'CONNOR
Kamera. ANTHONY DOD MANTLE
Schnitt. MARK ECKERSLEY
Darsteller. KARL URBAN. OLIVIA THIRLBY. LENA HEADEY. WOOD HARRIS u.a.

Review Datum. 2012-10-31
Kinostart Deutschland. 2012-11-15

17 Jahre nachdem Danny Cannon mit Sylvester Stallone in der Hauptrolle die erste Leinwandadaption des weltweit gefeierten Comics Judge Dredd vorlegte, wagt sich mit DREDD erneut ein Regisseur an die Verfilmung der populären Comicfigur von John Wagner und Carlos Ezquerra. Auf der Basis des Drehbuchs von Alex Garland sollte es zurück zu den Wurzeln gehen. Stärker am Originalkonzept des Comics orientiert, weniger schrill und überdreht als die erste Interpretation von 1995 versteht sich die aktuelle Verfilmung von Regisseur Pete Travis vor allem als vollkommen humorfreie Verbeugung vor der politisch wenig korrekten ikonischen Einmannarmee Dredd. Doch auch wenn der Wille einen düsteren, ungeschliffenen Actionreißer zu inszenieren deutlich erkennbar ist, schafft es die Neuinterpretation im Endeffekt nicht über durchschnittliche Genrekost hinaus.

Amerikas Zukunft sieht düster aus. Die gigantische Metropole Mega City One wird von Drogenhandel, Gewalt und Kriminalität dominiert. Ein Ort manifester Bedrohung, in dem die Ausgestoßenen und Abgehängten der Gesellschaft in slumartigen Wohnblöcken ihr Dasein fristen. Für Recht und Ordnung sorgen mit harter Hand die sogenannten Judges, zugleich Gesetzeshüter, Richter und Vollstrecker. Besonders gefürchtet ist Judge Dredd (Karl Urban), der sich sowohl unter Verbrechern als auch bei seinen Kollegen einen Ruf als ausgesprochen harter und kompromissloser Judge erarbeitet hat. Zusammen mit der neuen Rekrutin Cassandra Anderson (Olivia Thirlby) soll Dredd einem Mehrfachmord in einem Wohnblock aufklären, der die Judges direkt in das Herrschaftsgebiet der mächtigen Drogenbaronin Ma-Ma (Lena Headey) führt. Als Dredd und Anderson nach einem ersten Schusswechsel in einer Dealer-Wohnung einen ersten Verdächtigen festnehmen und abführen wollen, ahnen sie noch nicht das Ma-Ma den Gebäudekomplex bis in die letzten Ecken kontrolliert. In kürzester Zeit wird der Wohnblock hermetisch abgeriegelt. Alle Ausgänge sind verschlossen und auch der Funkkontakt bricht vollständig ab. Dredd und Anderson sind auf sich allein gestellt. Ein erbarmungsloser Kampf gegen Ma-Mas Schergen beginnt.

Ähnlich wie der in jeglicher Hinsicht haushoch überlegene THE RAID nutzt, von der kurzen Anfangssequenz einmal abgesehen, der Film lediglich einen zentralen Ort als Schauplatz der Geschehnisse. Und wie bei Gareth Evans Reißer ist es ein heruntergekommener, ghettoisierter Wohnblock, der von Drogenhandel und Verbrechen beherrscht wird und in dem sich die Bewohner längst der kriminellen Obrigkeit gebeugt haben. Im Falle von DREDD ist die Wohnanlage allerdings in ein futuristisches Setting eingebunden, in dem zwar auch Dreck, heruntergekommene Treppenhäuser und ranzige Wände dominieren, das jedoch ebenfalls mit dem ein oder anderen technischem Schnickschnack daherkommt. Das Set-Design ist diesbezüglich von einer bunten, hyperdurchgestylten Glitzerwelt, wie sie dem Zuschauer zuletzt im TOTAL RECALL Remake bis zum Erbrechen um die Ohren gehauen wurde, meilenweit entfernt und wirkt mit der allgegenwärtigen Trostlosigkeit fast schon wie in einem nihilistischen Endzeitfilm. Die grimmige Atmosphäre ist dann auch einer der offenkundigen Pluspunkte des Films, denn hier punktet DREDD mit einer stimmigen ästhetischen Herangehensweise, die das sowieso schon triste Setting mit schmutzigen Farbtönen zu einer alptraumhaften Welt voller Gewalt, Schmutz und apokalyptischen Zügen verdichtet. Die oftmals in ein diffuses Halbdunkel getauchten Bilder unterstützen dabei den Aufbau einer Atmosphäre der Ausweglosigkeit noch zusätzlich.

Weiterhin überzeugt der Film insbesondere durch die weiblichen Darstellerinnen. Lena Headey spielt die diabolische Drogenkönigin verdammt überzeugend und sorgt mit einer Mischung aus Punkattitüde und eiskalter Grausamkeit für einige erinnerungswürdige Szenen. Weitaus zurückhaltender agiert Olivia Thirlby als Cassandra Anderson, die Dredd als scheue Polizeianwärterin begleitet und zwischen Verletzlichkeit und Stärke genau die richtige Dosis Weiblichkeit in den Film bringt und als klarer Gegenpol zur todbringenden Ma-Ma funktioniert. Karl Urban als stoischer und nicht wirklich redseliger Dredd fällt dagegen nicht weiter auf und vermeidet glücklicherweise mimische Entgleisungen wie einst Stallone.

Was den Film jedoch in die Mittelmäßigkeit und somit fast in die absolute Bedeutungslosigkeit reißt, ist dass DREDD als Actionfilm einfach in keiner Szene so richtig rocken will. Dramaturgisch gesehen könnten die Voraussetzungen nicht besser sein: Fiese Bösewichter, eine Armee schwerbewaffneter unter Drogen stehender Feinde und das alles auch noch in einem hermetisch abgeriegelten Wohnblock gänzlich ohne Aussicht auf Verstärkung. Das alles schreit doch geradezu nach nervenaufreibenden Shoot-outs, einem hohen Spannungslevel und jeder Menge Radau. Die Actionszenen in DREDD sind jedoch leider wenig mitreißend inszeniert, meistens viel zu kurz und ohne richtigen Verve von der Kamera eingefangen. Selbst der Showdown enttäuscht und bleibt hinter den Erwartungen zurück. Zu keinem Zeitpunkt gibt es so etwas wie wirklich brenzlige Situationen, Dredd und Anderson strecken die Feinde meist mit gezielten Schüssen nieder und wenn die Menge der Feinde mal ausnahmsweise überhand nimmt, wird einfach an der Knarre der Supermodus eingestellt, der mit einem Schuss alle Fieslinge ins Jenseits befördert. Gähn!

Zwischenzeitlich gelingt es zwar mit einzelnen Einstellungen oder (selten, aber vorhanden) ganzen Sequenzen (z.B. die mit extremer Zeitlupe eingefangene Ballerei in einer Junkie-Wohnung), den Adrenalinpegel beim Publikum ein wenig nach oben zu bewegen, aber diese Szenen sind rar gesät und helfen nicht über den enttäuschenden Rest hinweg. Ziemlich vorhersehbar sind zudem die erwartbaren One-Liner, die sich im Laufe der Zeit leider gehörig abnutzen und gegen Ende einfach nur noch überflüssig erscheinen.

Seltsam uninspiriert ist außerdem das dünne Drehbuch, das von Alex Garland geschrieben wurde, auf dessen Konto immerhin die Drehbücher zu 28 DAYS LATER oder SUNSHINE gehen. Vorhersehbar, überraschungsarm und ohne Gespür für die Charakterisierung der Figuren entwickelt sich die Handlung. Das mag für einen brachialen Actionreißer nicht erwähnenswert sein, aber angesichts von Garlands früheren Drehbüchern fragt man sich schon, ob der gute Mann vielleicht einfach keinen Bock hatte. Anders kann das lustlose Skript eigentlich nicht erklärt werden.

Was bleibt ist ein harter und schonungsloser, klar an einer erwachsenen Zielgruppe orientierter Actionfilm, mit einigen Pluspunkten, aber auch einfach zu vielen verschenkten Möglichkeiten. Die guten (weiblichen) Darsteller, das tolle Set-Design und die konsequent düster skizzierte Darstellung einer postmodernen Zukunft, helfen leider nur bedingt über die wenig überzeugenden Actionszenen, die kaum vorhandene Spannung und das vorhersehbare (Alibi)-Drehbuch hinweg. Insgesamt nicht gänzlich uninteressant, aber definitiv kein Must-see und somit ein Film, der letztlich als durchschnittliche Genrekost keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.











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