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TOTAL RECALL (USA/Kanada 2012)

von David Leuenberger

Original Titel. TOTAL RECALL
Laufzeit in Minuten. 118

Regie. LEN WISEMAN
Drehbuch. KURT WIMMER . MARK BOMBACK
Musik. HARRY GREGSON-WILLIAMS
Kamera. PAUL CAMERON
Schnitt. CHRISTIAN WAGNER
Darsteller. COLIN FARRELL . KATE BECKINSALE . JESSICA BIEL . BRYAN CRANSTON u.a.

Review Datum. 2012-08-21
Kinostart Deutschland. 2012-08-23

Preisfrage: Was wackelt stärker?
1. Die Brüste einer dreibrüstigen Prostituierten?
2. Wackelpudding auf hoher See?
3. Das Remake von TOTAL RECALL?
Schwer zu sagen! Sicher ist nur, dass die Brüste bei weitem interessanter anzuschauen sind und Pudding schneller gegessen (und wohl ebenfalls ansehnlicher) ist als Len Wisemans neuestes Machwerk. Andererseits ist TOTAL RECALL auch sehr viel teurer und enthält auch sehr viel mehr künstliche Zutaten als die beiden anderen...

Aber jetzt im Ernst: Welch totaler Reinfall! Welche totale Verschwendung an Ressourcen und Zeit! Welch totaler Blödsinn! Grundsätzlich haben es Remakes ja nie leicht, da sie unter einer doppelten Belastung leiden. An ihnen haftet das Stigma der fantasielosen Wiederverwertung, der gierigen Geldmacherei, schlimmstenfalls gar der arroganten, masturbatorischen Selbstbeweihräucherung - ganz nach dem Motto "Der alte Film ist doch veraltet, wir können das besser". Dieses Stigma müssen sie nicht nur überwinden (indem sie etwa mit dem alten Stoff tatsächlich neue Akzente setzen), sondern zusätzlich auch noch als Filme "eigenen Rechts" einer Bewertung Stand halten. Damit, dass viele Zuschauer nicht "unbedarft" an TOTAL RECALL herantreten würden, mussten die Macher rechnen. Tatsächlich hat der Film jedoch die allerschlimmsten Befürchtungen bei weitem übertroffen.

Der rote Faden der Story ist Kennern von Paul Verhoevens umstrittenen Kultklassiker ja hinlänglich bekannt und wurde in den Grundzügen auch so abgekupfert. Lediglich Mars und seine Mutanten spielen keine Rolle mehr. Es geht nur noch um einen riesigen Fahrstuhl zwischen zwei Erdteilen, die nach einer atomaren Apokalypse noch intakt geblieben sind. Die Erinnerungs-Implantierung kommt zwar vor, aber genauso wie der Rest der Geschichte spielt diese bald keine Rolle mehr. Sehr schnell geht es nur noch darum, dass Colin Farrell prügelnd und ballernd vor seiner Ex- bzw. Nicht(mehr)-Ehefrau und ihren Schergen flüchtet. Interessante subtextuale Ansätze wie die anfängliche Thematisierung von Sicherheitswahn und Invasionsfantasien waren den Machern im Gegensatz zu den letztlich vergeblich eingesetzten Spezialeffekten keinen Pfifferling Wert. Aber Spezialeffekte kann man halt einfach kaufen, gute Drehbücher brauchen hingegen Talent.

Zwischendurch wird dem Zuschauer immer wieder Anspielungen auf die Filmvorlage lieblos ins Gesicht geworfen bzw. gar mit einem Mastschlauch eingeführt: Die leichten Variationen - die dicke Frau erscheint auch bei der Identitätskontrolle, aber Quaid ist "überraschend" als jemand anders verkleidet - zeugen von der völligen Fantasielosigkeit der Remaker. Der im Gegensatz zu Verhoevens Klassiker so unglaublich verkrampft ernsthafte Film wird dadurch nur noch lächerlicher. Auch die Figuren, die im Original alle erkennbare Individuen waren, sind nur noch blässliche Pappkameraden: Coohagen ist nur noch wenige Minuten - meist in TV-News-Schnippseln - zu sehen. Der Führer der Rebellen, hier von Bill Nighy gespielt, wird hingegen nach einem kurzen philosophischen Beitrag über Identität sogleich in die ewigen Jagdgründe geschickt. Und die beiden antagonistischen Frauen sehen mit ihrem Jura-Studentinnen-Look irgendwie gleich und ziemlich langweilig aus. Auch Colin Farrell scheitert in der Hauptrolle, was nicht zuletzt daran liegt, dass man eben Arnie als "echten" Douglas Quaid (von mir aus auch als "echten" Carl Hauser) im Hinterkopf hat. Mit dem Körper eines ehemaligen Bodybuilders war der gebürtige Österreicher sowohl als Schichtarbeiter wie auch als prügelnder Geheimagent nunmal etwas glaubwürdiger als der mickrige Ire - sein Akzent war ebenfalls viel witziger.

Die originale, überdreht-groteske, fast cartoonhafte Inszenierung mit der entsprechenden Atmosphäre ist im Remake völlig verloren. Das PG-13-Rating verspricht mehr Einnahmen als das R-Rating, weshalb auf Grand-Guignol-Splatter-Einlagen verzichtet wird: Die Roboter-Polizisten, die wie aus STAR WARS ausgeliehene Klonkrieger aussehen, bluten ja naturgemäß nicht, wenn man sie auseinandernimmt. Stattdessen macht Len Wiseman einen auf "düster" und hat sich bei der Darstellung der Megastadt und der post-apokalyptischen Ruinenwüste so schamlos bei BLADE RUNNER und TWELVE MONKEYS bedient, dass man ihm am liebsten "Gutenplag" auf den Hals hetzen möchte. Ob das völlig überteuerte Setdesign gut aussieht, ist schwierig zu beurteilen, denn die Macher haben von "deep focus photography" anscheinend noch nie was gehört: Totale und Establishing Shots sind sehr selten, die meiste Zeit sieht man blasse Figürchen in Nah- und Extremnaufnahmen vor einem verschwommenen Hintergrund. Da hätte man sich sehr viel Budget sparen oder aber einige zusätzliche Dollars in Weitwinkelobjektive investieren können.

Und dennoch! Mit diesen Problemen musste der Zuschauer im Grunde rechnen, und eigentlich hätte alles gar nicht so schlimm sein müssen: es hätte ein guter Action-Film übrig bleiben können. Doch selbst als hirnloser, aber potentiell unterhaltsamer Run-and-shoot-Actioner ist TOTAL RECALL eine totale Gurke. Die zahlreichen Faust- und Messer- und sonstigen Kämpfe werden so nahe und verwackelt gefilmt, dass man überhaupt nichts erkennen kann, und dann auch noch gefühlte drei Mal pro Sekunde geschnitten. Auch eine Verfolgungsjagd mit Schwebeautos - DAS FÜNFTE ELEMENT lässt grüßen! -, die anscheinend als ein visueller Höhepunkt konzipiert sein sollte, wird mittels hysterischem Rumgewackel und einem hirnverbrannten Editing zu einem unübersichtlichen und spannungsfreien Schnittgewitter. Das ist zwar gerade modisch und "hip" (siehe zum Beispiel die Fledermaus-Filme), sieht aber trotzdem beschissen aus: "Total Wobble" wäre als Titel ehrlicher gewesen.

Manchmal haben Remakes die unangenehme Tendenz, das Original im filmhistorischen Kollektivgedächtnis in Vergessenheit zu drängen. Bei schlechten Remakes von sehr guten Filmen macht dies umso zorniger. Auch wenn der rote Planet nun nicht mehr vorkommt: Wisemans TOTAL RECALL gehört so schnell wie möglich auf den Mars geschossen!











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