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DJANGO UNCHAINED (USA 2012)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. DJANGO UNCHAINED
Laufzeit in Minuten. 165

Regie. QUENTIN TARANTINO
Drehbuch. QUENTIN TARANTINO
Musik. diverse
Kamera. ROBERT RICHARDSON
Schnitt. FRED RASKIN
Darsteller. JAMIE FOXX . CHRISTOPH WALTZ . LEONARDO DICAPRIO . SAMUEL L. JACKSON u.a.

Review Datum. 2012-12-26
Kinostart Deutschland. 2013-01-17

Angesichts der unzähligen Western-Referenzen und -Motive in Quentin Tarantinos Werk war es nur eine Frage der Zeit, bis der Regisseur tatsächlich im Western-Genre arbeiten würde, und man musste wohl keine Zweifel daran haben, dass er seiner Verehrung für das Genre zumindest in einem routiniert inszenierten Western Ausdruck verleihen könnte. Tatsächlich konnte man angesichts des mal wieder mit Tarantino'schen Coolness-Posen vollgestopften Trailers und Vorab-Infos zum Inhalt von DJANGO UNCHAINED befürchten, dass Tarantino hier ein Wenig zu routiniert die selbstentwickelte Formel abspult: Nach KILL BILL und INGLOURIOUS BASTERDS erwartete uns mit DJANGO UNCHAINED erneut eine Rachefantasie, erneut widmete sich Tarantino einem dunklen Kapitel der (diesmal US-amerikanischen) Geschichte, erneut hatte er Christoph Waltz als eloquenten Killer besetzt und auch Jamie Foxx schien nur deshalb den Django geben zu dürfen, weil Samuel L. Jackson für die Bad Motherfucker-Rolle langsam zu alt wird.
All das ist irgendwie wahr. Und doch fühlt sich DJANGO UNCHAINED anders an als die meisten von Tarantinos bisherigen Filmen - fast möchte man schreiben: erwachsener, wäre DJANGO UNCHAINED nicht auch der albernste (und komischste) Film, den Tarantino je gedreht hat.

Django (Jamie Foxx) wird zu Beginn des Films vom deutschen Zahnarzt/Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) aus der Sklaverei befreit. Schultz ist auf der Suche nach drei Verbrechern, deren Gesichter er nicht kennt und die ehemalige Aufseher auf einer Plantage waren, auf der Django einmal gearbeitet hat. Im Austausch gegen seine Hilfe bei der Identifizierung der Verbrecher verspricht Schultz Django seine Freiheit. Als er davon erfährt, dass Django auf der Suche nach seiner Frau Broomhilda von Shaft (Kerry Washington) ist - und dass diese Deutsch spricht - sichert er Django seine Hilfe zu. Ihre Suche führt sie zur Plantage von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio).

Was DJANGO UNCHAINED gerade Tarantinos jüngsten Werken (DEATH PROOF - TODSICHER und INGLOURIOUS BASTERDS) voraus hat, ist eine gewisse Selbstkontrolle seines Regisseurs (mal abgesehen von der Laufzeit von 165 Minuten, die Tarantino diesmal allerdings durchaus zu füllen weiß). Die ausufernden Dialoge, die inszenatorischen Spielereien, die anachronistische Musikauswahl gibt es auch hier, doch sie sind nie Selbstzweck, sondern stehen zu jeder Zeit im Dienste der Geschichte, die Tarantino diesmal recht schnörkellos, ohne größere nennenswerte narrative Experimente erzählt, sowie den präzise und liebevoll gezeichneten Charakteren - und "liebevoll" ist hier tatsächlich eine angemessene Beschreibung: So faszinierend und vielschichtig Tarantinos Charaktere immer waren, so sehr mitfühlen wie in DJANGO UNCHAINED konnte man mit ihnen bisher nur beim großartigen JACKIE BROWN. Nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Django und Broomhilda, wenn auch in erster Linie in einigen wenigen Flashbacks erzählt, ist von echter, spürbarer Zärtlichkeit geprägt, auch die Beziehung zwischen Django und Dr. King Schultz hat Momente der Wärme, wie man sie bei Tarantino nur selten zu sehen bekommt. Diese Beziehung steht im Mittelpunkt von DJANGO UNCHAINED und ihre Entwicklung ist die größte Stärke des Films: Ist zunächst Christoph Waltz' Dr. King Schultz so dominant, dass Tarantino Gefahr läuft, eine weitere Geschichte über einen privilegierten Weißen, der einen gepeinigten Schwarzen aus der Sklaverei befreit, zu erzählen, gewinnt Django im Laufe des Films an Eigeninitiative, die Beziehung entwickelt sich von einer Art Ersatz-Vater-Sohn-Beziehung zur gleichberechtigten Partnerschaft und Freundschaft. Mehr noch: Tarantino ist klug genug, um zu wissen, dass, will er die white man's burden-Falle wirklich ganz umgehen, sich Django letztlich nicht nur von seinen Unterdrückern, sondern auch von seinem Befreier emanzipieren muss.
Man muss an dieser Stelle die Leistungen der Darsteller erwähnen, denn was Waltz und Foxx hier leisten, ist beeindruckend und, zumindest in Foxx' Fall, durchaus überraschend. Waltz spielt über weite Strecken eine good guy-Variation seines INGLOURIOUS BASTERDS-Charakters, muss diesem allerdings in leisen, emotionalen Momenten neue Facetten hinzufügen und meistert auch das mit Bravour. Und so wie Django sich nach und nach von Dr. King Schultz emanzipiert, so spielt sich auch Foxx im Laufe des Films von Waltz frei, tritt aus dessen Schatten und ist am Ende genau der überlebensgroße, ikonische, bad ass Held, als den Tarantino ihn inszeniert. Unterstützt werden sie von einem wunderbar over-the-top aufspielenden Leonardo DiCaprio (der zum ersten Mal in seiner Karriere Spaß an einer Rolle zu haben scheint) sowie Samuel L. Jackson, der - wer hätte das nochmal von ihm erwartet? - hier tatsächlich eine Rolle spielen darf: Als Candies Haussklave Stephen - dem eigentlichen Bösewicht des Films - ist Jackson kaum wiederzuerkennen, was nicht nur an seinem Alters-Makeup liegt, sondern auch daran, dass er hier wie selten zuvor hinter einer Figur verschwindet. Stephen hat die Rolle des Haussklaven für sich angenommen und die rassistischen Hierarchien seiner Zeit verinnerlicht. Für Candie ist er rechte Hand und Vertrauter, aber letztlich doch irgendwie Untergebener - eine perverse Beziehung, die einen interessanten Gegensatz zu der von Django und Dr. King Schultz bietet.

Und so, wie man die emotionalen Verbindungen der Figuren spürt, so spürt man auch die Gewalt in DJANGO UNCHAINED stärker als in Tarantinos anderen Filmen. Sicher, es gibt auch die überhöhte Gewalt, die Tarantino nach wie vor als Stilmittel einsetzt und die genauso schockierend wie komisch, manchmal sogar von einer farbenfrohen Schönheit sein kann. Doch daneben stehen Sequenzen - wenn Sklaven ausgepeitscht oder von Hunden zerfleischt werden oder gezwungen werden, bis zum Tod gegeneinander zu kämpfen - in denen es schwierig wird, zuzusehen. Doch Tarantino zwingt uns, hinzusehen, er zeigt diese Szenen teils in schmerzhaftem Detailreichtum: Mehr als in INGLOURIOUS BASTERDS legt er diesmal Wert darauf, das Unrecht, für das seine Protagonisten am Ende brutale Rache nehmen, auch zu zeigen, spürbar zu machen, und er tut dies äußerst effektiv, aber, bei Tarantino durchaus überraschend, ohne allzu sehr ins voyeuristische zu verfallen - einfach dadurch, dass diese Momente im Vergleich zu der ansonsten nach wie vor äußerst verspielten Inszenierung in ihrer Schmucklosigkeit geradezu nüchtern, matter-of-fact wirken.

Das Verspielte, um alle zu beruhigen, die jetzt ein todernstes Drama über die Sklaverei erwarten, hat Tarantino glücklicherweise nicht verloren: In erster Linie macht auch DJANGO UNCHAINED eine Menge Spaß. Weil Tarantinos Protagonisten nach wie vor einfach coole Säue und seine Bösewichte faszinierende Sadisten sind, weil die Referenz- und Cameo-Dichte hoch ist und weil Tarantino auch das andere Ende der Skala, weit weg von realistischen Gewaltdarstellungen, ausreizt: Die Albernheit, die DJANGO UNCHAINED in manchen Szenen an den Tag legt, erinnert an Mel Brooks-Komödien und ist auch ähnlich lustig. Es darf bezweifelt werden, dass man im kommenden Jahr eine lustigere Szene im Kino sehen wird als die, in der Tarantino den Ku-Klux-Klan auf den Plan treten lässt.
Dass Tarantino diesen Balance-Akt zwischen den verschiedenen Tonfällen meistert und DJANGO UNCHAINED dennoch homogener wirkt als zum Beispiel INGLOURIOUS BASTERDS ist ein kleines Wunder. Ebenso, dass er einen Film geschrieben und gedreht hat, in dem ein Weißer namens Dr. King die Figur mit der fortschrittlichsten Weltsicht und der schwarze Sklave Stephen die abscheulichste Figur ist, der aber dennoch irgendwie ein kluger, sensibler Kommentar zu Sklaverei und Rassenbeziehungen geworden ist.

DJANGO UNCHAINED mag verhältnismäßig arm sein an den wirklich überwältigenden, typischen Tarantino-Momenten wie der Eröffnungssequenz von INGLOURIOUS BASTERDS und könnte daher für so manchen Fan eine Enttäuschung sein. Andere (diejenigen, für die JACKIE BROWN noch immer der beste Film des Regisseurs ist) könnte DJANGO UNCHAINED dagegen daran erinnern, dass Tarantino in seinen besten Momenten auch mehr kann, als relativ lose, wenn auch virtuos inszenierte Ansammlungen von Szenen und Ideen zu verfilmen: Von vorne bis hinten involvierende Geschichten erzählen, die nicht für ihren "Wow!"-Effekt, sondern ihre Charaktere und ihre emotionale Resonanz im Gedächtnis bleiben.










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