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CHRONICLE - WOZU BIST DU FÄHIG? (USA 2012)

von Fabian Olbrich

Original Titel. CHRONICLE
Laufzeit in Minuten. 84

Regie. JOSH TRANK
Drehbuch. MAX LANDIS
Musik. ANDREA VON FOERSTER
Kamera. MATTHEW JENSEN
Schnitt. ELLIOT GREENBERG
Darsteller. DANE DE HAAN . ALEX RUSSELL . MICHAEL B. JORDAN . ASHLEY HINSHAW u.a.

Review Datum. 2012-03-18
Kinostart Deutschland. 2012-04-19

Nach den beiden Anti-Superhelden-Filmen KICK-ASS von Matthew Vaughn und dem wesentlich gelungeneren SUPER von James Gunn kommt nun ein weiterer Versuch, das Superheldentum aus der Nachbarschaft heraus entstehen zu lassen, in die Kinos: CHRONICLE, die erste Regiearbeit des zum Drehzeitpunkt erst 26jährigen Josh Trank, wird uns im seit THE BLAIR WITCH PROJECT bekannten Found-Footage-Format präsentiert. Was bei vielen Filmen, die bisher in diesem Stil gedreht wurden, ein Gefühl von Übelkeit und Orientierungslosigkeit hervorgerufen hat, verhilft dem Superheldengenre jedoch in diesem Fall zu einer recht reizvollen Filmästhetik.

Mit einem herrlich anachronistischen Bild beginnt das Filmen im Film: Andrew (Dane de Haan), ein durchschnittlich nerdiger Teenager, schaltet eine alte Videokamera ein und filmt sich selbst durch den an seiner verschlossenen Zimmertür angebrachten Spiegel. Und wir erfahren auch sogleich den Grund für sein Tun und damit - in der Übertragung - die Legitimation für das von nun an konsequente Aufzeichnen seines Alltags. Die Kamera verschafft Distanz und bietet (scheinbar) Schutz vor der sich ihm feindlich darstellenden Umwelt. In den Augen eines Teenagers sind das also Familie und Highschool. Zumindest sein besoffener Vater, der ihn zwingen will, die verschlossene Tür zu öffnen, verschwindet auf die fast schon wie eine Drohung klingende Ansage: "I'm taping this from now on!" In der Schule bekommt der Außenseiter Andrew mit seiner riesigen Videokamera allerdings noch mehr als sonst auf die Hucke.

Im Gegensatz zu KICK-ASS und SUPER findet sich der Ausweg aus der Alltagshölle für Andrew nun nicht in Form der simplen wie größenwahnsinnigen Idee, das Superheld-Sein aus dem Comic-Universum in die Tat umzusetzen. Ganz nach der Devise, dass das Superheld-Sein eher eine Frage der Einstellung ist als all der Superkräfte drumherum. Diesen Charme machte KICK-ASS und SUPER zu einer Satire, man könnte auch sagen, zu Anti-Superhelden-Filmen. In CHRONICLE gibt es überraschenderweise kein Comicunsiversum, dessen Superheldengeist Kraft der Frustration und Einbildung der Loser antizipiert wird. Ähnlich wie (bei einigen Superhelden) in WATCHMEN erlangen die Figuren durch Zufall tatsächlich Superkräfte.

Eines Abends, während einer Highschool-Party, finden Andrew, sein Cousin Matt (Alex Russell) und der angehende Schulsprecher und Everybody's Darling Steve (Michael B. Jordan) etwas abseits ein geheimnisvolles Loch im Wald. Andrew lässt sich widerwillig dazu überreden in dieses hinabzusteigen, um zu filmen, was die drei dort entdecken könnten. Die Kamera - anders ist es nicht zu erwarten - setzt irgendwann aus und das hier verborgene Geheimnis bleibt so unergründlich. Als Andrew seine Videokamera wieder einschaltet, sehen wir die drei in einem Garten, wie sie einen geworfenen Baseball mit reiner Gedankenkraft in seiner Flugbahn stoppen. Nach den telekinetischen Fähigkeiten kommen später auch noch eine Art verminderte Verwundbarkeit und die schönste Sache von allen, das Fliegen, hinzu. Wie die drei ihre neuen Fähigkeiten zunächst nur dazu gebrauchen, um Leuten auf Parkplätzen und im Supermarkt Streiche zu spielen, ist spaßig anzuschauen.

Dank einer Talent-Show entwickelt sich der scheue Andrew vom Nerd zum, nun ja, beliebten Schüler. Bis hierin verläuft die Story nach der Art der in den USA wohl so beliebten Highschool-Filmen. Andrew und seine beiden Freunde erscheinen hierbei wie Inkarnationen der fünf Anti-Schulhelden aus John Hughes' THE BREAKFEAST CLUB von 1985 (Trank und auch Drehbuchautor Max Landis sind beinahe vom gleichen Jahrgang). Beiden Filmen ist gemein, dass ihnen die Idee zu Grunde liegt, dass Menschen, die sich nicht kennen und unterschiedlicher nicht sein könnten, zufällig eine bestimmte Gemeinsamkeit entdecken, durch die sie sich letztendlich aber nur noch mehr unterscheiden. Bei Hughes lief es darauf hinaus, dass sich jeder in seinem Teenager-Dasein als Loser sieht. Die fünf gehen danach (fast alle) wieder ihrer eigenen Wege. Bei den drei Freunden in CHRONICLE ist diese Identitätsproblematik nun auf das Superheldentum übertragen. Als wäre die Coming-Of-Age-Problematik nicht Problem genug für die labilen Teenie-Seelen.

Man merkt es dem Film nun an, dass dieser Konflikt nicht wirklich das tragende Element sein kann, hier zwei Genres zusammen zubringen. Nach dem Prinzip "Hochmut kommt vor dem Fall" suchen Trank und Landis schließlich einen Ausweg, der die Figuren auch hier - trotz gemeinsamer Superkräfte - voneinander trennen muss. Am Ende haben wir daher wieder die beinahe schon kategorische Gut-gegen-Böse-Situation. Der Found-Footage-Stil bebildert diesen obligatorischen Last Stand der Helden recht einfallsreich: Da Andrew seine Kamera irgendwann zur Seite legen muss, das Format aber konsequent durchgezogen wird, kann man auf einige schöne Perspektivenspielereien gespannt sein.

Überraschend ironiefrei entwerfen Josh Trank und Max Landis ihre Superhelden dennoch. Die amerikanische Teenage-Angst, die angesichts der Wunderlichkeit der ganzen Welt zu entstehen scheint, wird am Ende schließlich doch knallhart durch eine klare Identitätsfindung der Figuren in geordnete Bahnen gelenkt. Das eindeutige Superhero- und Supervillain-Schema ist wohl einfach unverzichtbar, doch wurde dieses selten so nah an den Figuren inszeniert.
Man kann auch gespannt sein, was da in Zukunft noch von Josh Trank zu erwarten ist. Er wird als Regisseur für den Spider Man-Spin-Off VENOM gehandelt und eine Fortsetzung zu CHRONICLE, was der Film auch hergibt, ist auch schon in der Mache.











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