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BUG (USA 2006)

von Björn Eichstädt

Original Titel. BUG
Laufzeit in Minuten. 102

Regie. WILLIAM FRIEDKIN
Drehbuch. TRACY LETTS
Musik. BRIAN TYLER
Kamera. MICHAEL GRADY
Schnitt. DARRIN NAVARRO
Darsteller. ASHLEY JUDD . MICHAEL SHANNON . LYNN COLLINS . BRIAN F. O'BYRNE u.a.

Review Datum. 2007-07-03
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Tolle Filme hat William Friedkin zuhauf gemacht. Und trotzdem verbinden die meisten Filmfans den Namen des Regisseurs noch immer mit seinen beiden Megahits aus den frühen 70ern. THE FRENCH CONNECTION und DER EXORZIST betraten zwar Neuland, doch die Schnittmenge mit dem Mainstream-Rezipienten war noch groß genug, um die Filme zu Publikumsmagneten werden zu lassen. Was folgte war ein konsequenter Weg, der Friedkin eben gerade nicht zum Multimillionendollarumwälzer machte, sondern zu einem, der mit durchaus eigenwilligen Werken wie SORCERER, CRUISING oder JADE seine ganz persönlichen Leinwandpfade beschritt und immer wieder zu überraschen wusste. Die Abstände zwischen den einzelnen Titeln waren teilweise lang, doch Friedkin zog sein Ding durch.

Ein neuer Film des inzwischen 71-jährigen William Friedkin ist für Filmfreunde eine große Sache. Und so war die Spannung groß, als mit BUG ein neues Werk am Horizont erschien. Ein Horrorfilm, so hieß es, ein Kammerspiel nach einem Theaterstück, ein eigenwilliges, insektenartiges Etwas, das sich auch mit dem Trauma des Kriegs beschäftigt. Und ein Preis in Cannes, was für viele ja gleichzusetzen ist mit dem erhobenen Cineastendaumen. Und tatsächlich ist BUG all das, was man sich erhofft hat - und bei etwas genauerer Betrachtung noch viel mehr.

Ja, es geht auch um Insekten, um kleine Läuse und Wanzen (engl. Bug), die der Kriegsveteran Peter überall auf und vor allem in seinem Körper spürt und die ihn mit ihrem Gekrabbel an den Rand des Irrsinns bringen. Zu diesem Zeitpunkt hat er sich allerdings schon lange bei der vereinsamten Kellnerin Agnes in deren kleinem Motelappartement eingenistet. Die fürchtet sich zunächst vor allem vor dem gewalttätigen Ex-Freund, der jederzeit aus der Haftanstalt entlassen werden kann - ein Beschützer kommt also gerade recht. Gemeinsam entfesselt das zufällige Paar im weiteren Handlungsverlauf ein Paranoiatheater sondersgleichen, lebt Verschwörungstheorien aus und zeigt, wie weit Menschen gehen können, denen die nackte Panik im Nacken sitzt. Verfolgungswahn, verworrene Abwehrmethoden und schließlich brutalste Selbstzerstörung, die Friedkin gnadenlos in Szene setzt, sind Ausdruck des Umgangs mit vermeintlichen (oder echten?) Feinden, die von innen und außen auf die beiden eindringen.

BUG ist Kino der intensivsten Sorte. Vor allem dann, wenn dem Zuschauer im Laufe des Films klar wird, dass BUG eben nicht nur für kleine Krabbelviecher steht, sondern gleichzeit für alle anderen Lesarten des englischen Begriffs. Als da wären: Abhörsender, Wanze, Bazillus, Defekt, Störung oder Programmierfehler. Zwischen hervorragend fotografierte Bilder zwängen sich die Metaebenen, ritzen mit scharfer Klinge Bedeutungsvolles in die Leinwand und geben dem Zuschauer ein Gefühl der Machtlosigkeit, der Angst um die Protagonisten und ihr aus den Fugen geratendes System, wie man sie schon lange nicht mehr im Kinosaal erlebt hat. Spontane Gedanken an IRRÉVERSIBLE von Gaspar Noé, an das ein oder andere extremere Werk von Shinya Tsukamoto, an den frühen Cronenberg, das japanische Meisterstück BATTLE ROYALE oder auch À MA SOEUR! von Catherine Breillat stoßen aus dem Erinnerungszentrum von hinten durch die weit offenen Augen, die sich mehr als einmal von der vibrierenden Leinwand abwenden möchten. Doch sie können es nicht, solange bis der Film implodiert und sich die Schlußtitel gemächlich über die Leinwand bewegen.

Mit BUG ist William Friedkin ein Wunder von einem Film gelungen, ein Kommentar zum Zustand der westlichen Gesellschaft, zu Terrorismus und grundloser Panik, zu fehlgeleiteter Liebe, der das äußere Bezugssystem verloren gegangen ist sowie zum Zerfall der existierenden Systeme und Werte, wie ihn wohl nur einer auf die Leinwand bringen kann, der das letzte Lebensdrittel erreicht hat und sich schon davor keinen Deut um die Meinung der anderen gekümmert hat. BUG, und das ist keine Übertreibung, ist ganz ohne Zweifel einer der intensivsten Filme, die jemals über eine Leinwand liefen. Wer ihn gesehen hat, der wird dieses Meisterwerk so schnell nicht mehr vergessen können.











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