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BLADE OF THE IMMORTAL (Japan/Großbritannien 2017)

von Thorsten Hanisch

Original Titel. MUGEN NO JÛNIN
Laufzeit in Minuten. 140

Regie. TAKASHI MIIKE
Drehbuch. HIROAKI SAMURA . TETSUYA OISHI
Musik. KÔJI ENDÔ
Kamera. NOBUYASU KITA
Schnitt. KENJI YAMASHITA
Darsteller. TAKUYA KIMURA . HANA SUGISAKI . SÔTA FUKUSHI . HAYATO ICHIHARA u.a.

Review Datum. 2017-08-06
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

BLADE OF THE IMMORTAL wurde dieses Jahr in Cannes ganz groß als der 100. Film von Takashi Miike angepriesen. Mal ehrlich: Wen kümmert's? Als ob die einzige Lebensleistung dieses Genies darin besteht, besonders viel gearbeitet zu haben. Dieses ewige Rumreiten auf Miikes flottem Tempo (nahezu keine Kritik kommt mittlerweile ohne einen Hinweis drauf aus, was gerne noch mit dümmlichen Floskeln à la "Dutzendfilmer" oder "klar, dass da nicht alles gut sein kann" garniert wird) nervt allmählich ganz schön. Zum einen sind japanische Regisseure häufig schlichtweg fleißiger als ihre US-Kollegen was ganz einfach damit zu tun hat, dass in der japanischen Filmindustrie keine amerikanischen, gerne ganz schön obszönen Gehälter gezahlt werden, zum anderen ist gerade Miike Regisseur mit Leib und Seele, der halt nun mal keine Lust hat, jahrelang in der Botanik rumzuhocken, in der emsigen Hoffnung, dass irgendwann mal DAS Projekt aller Projekte ums Eck kommt! Also, wieso die Aufregung?

Wie wär's mal damit: Danke, Takashi Miike, danke, Du grandiose Mischung aus Fassbinder, Godard und Pippi Langstrumpf, danke, Du Beethoven der Filmkunst, danke, dass Du Dir seit rund einem viertel Jahrhundert die Welt machst, wie sie Dir gefällt und uns dran teilhaben lässt. Danke, dass es Dir piepegal war, dass deine idiotischen "Fans" nach deinem weltweiten Durchbruch mit Filmen AUDITION (1999) oder ICHI - THE KILLER (2001) mit jedem neuen Film, den nächsten krassen Überschocker verlangt haben. Danke, dass Dir die Flut an Vorwürfen, dass Du nun "kommerziell" geworden bist, weil Du eben diesen Erwartungen nicht entsprochen hast, ebenso völlig am Allerwertesten vorbeigegangen sind. Danke, dass Du den Ruf Hollywoods nie gefolgt bist, denn Hollywood ist einfach zu klein für solch einen großen Mann wie Dich und danke, dass Du trotz großer Box-Office-Hits in deinem Heimatland, doch auch immer wieder Zeit zum Rumtoben im schmalen Format findest.

Die meisten Stars werden von ihrem Publikum erzogen, Du hast Dir dein Publikum erzogen.

Mit Recht.

Danke, danke, danke!

BLADE OF THE IMMORTAL basiert auf der gleichnamigen Manga-Serie von Hiroaki Samura, die zwischen 1993 und 2012 publiziert und 2008 auch als Anime-Version veröffentlicht wurde. Eine zwei Jahrzehnte laufende Vorlage in einen Spielfilm zu gießen ist natürlich ein Problem, was aber von Tetsuya Oishi (DEATH NOTE) mit einem klar strukturierten, aufgeräumt-simplen, aber niemals doofen Skript hervorragend gelöst wurde: Machi, die Schwester des Samurai Manji wird von ultrafiesen Säbelschwingern gnadenlos niedergeschnetzelt. Der Superkämpfer lässt das natürlich nicht auf sich sitzen und rasiert die Rasselband im Alleingang vom Erdboden, kriegt dabei aber selbst auch schwer auf die Omme. Doch Manji überlebt, da ihn eine Hexe Blutwürmer verabreicht, die sämtliche Wunden im besten Wolverine-Stil in Nullkommanix wieder zusammenbasteln. Der unkaputtbare Krieger zieht fortan durchs Land und trifft 50 Jahre später auf die junge Rin, die ihn an seine gemeuchelte Schwester erinnert. Rins Vater wurde von Anotsus Gang getötet wurde, die zudem auch ihre Mutter verschleppt hat, weswegen die junge Frau natürlich nur eins will: Rache - da kommt ein meisterhafter Schwertschwinger mit Selbstheilungskräften natürlich gerade Recht! Der knurrige Mann beschließt nicht nur seine schützende Hand über die gelegentlich etwas zu temperamentvolle Waise zu halten, es entspinnt sich auch eine zarte Freundschaft zwischen den beiden.

Wären nicht die nach Aufmerksamkeit schreienden Kostüme und die extravaganten Waffen könnte man direkt meinen einen klassischen (Samurai-)Film vor sich zu haben, denn Miike inszeniert den Stoff als fast schon ein bisschen introvertiertes Quasi-Dreipersonenstück (praktisch alle Figuren außer Manji, Rin und Anotsu scheiden innerhalb kürzester Zeit aus dem Leben) und ist dabei - trotz massig (blutiger!) Action - eher an der Frage nach dem Sinn und Zweck von Vergeltung interessiert. So entpuppt sich auch Antagonist Anotsu als Opfer, dessen Beweggründe durchaus nachvollziehbar sind, allerdings löst natürlich jede Gewalt auch wieder Gegengewalt aus, ein ewiger Kreislauf, den Manji schon zu oft erlebt hat, aus dem er aber auch nicht ausbrechen kann, obwohl er längst des Lebens und vor allem des ewigen Tötens müde ist, was der 140 Minuten lange Film mit seinen zahlreichen Kampfszenen regelrecht fühlbar macht: Manji ist mitnichten der strahlende Held, der endlässig einen Fight nach dem Anderen bestreitet, sondern er hält sich immer schwerer auf den Beinen und schleppt sich zum Schluss regelecht ins ausufernde Finale. BLADE OF THE IMMORTAL wurde in Cannes Überlänge vorgeworfen, aber die erschöpfende Redundanz ist - und da knüpft Miike ein bisschen an seinen heftig umstrittenen IZO (2004) an - hier durchaus Programm: Die ewige Gewalt laugt nicht nur die Figur auf der Leinwand aus.

Trotz der existenzialistischen Breitseite lässt das ewig besonnenbrillte Arbeitstier seinen technisch mal wieder exzellent umgesetzten Film aber nie zu schwermütigen Grübel-Nummer verkommen. Einer der subversivsten Gags dürfte an westliche Zuschauer wohl vorbeizischen, so wird der lebensmüde, dutzende Opponenten niedermetzelnde Manji von Takuya Kimura gespielt, Mitglied der 2016 aufgelösten erfolgreichsten japanischen Boyband aller Zeiten, SMAP. Dass es für den ewigen Regie-Lausbub natürlich verführerisch war, ein Boygroup-Schmusebärchen für allerlei abgehackte Gliedmaße Sorgen zu lassen, ist klar, allerdings dürfte der Abschied der Truppe seinen sinistren Plänen in die Quere gekommen sein, die Schwertkampf-Orgie ging im Heimatland an der Kinokasse gnadenlos unter, Teenies vergessen eben schnell. Aber auch darüber hinaus sorgen punktgenau eingestreute trockene Sprüche und groteske Situationen (was macht man, wenn einen Böswatze ans Leder wollen, man aber mit einer Hand angekettet ist? Man hackt sich die Hand kurzerhand ab, wächst ja eh wieder nach!) für die nötige Portion Heiterkeit im Schlachthaus und die beiden Hauptfiguren wachsen einen schnell ans Herz - das ist ohnehin das eigentlich Erstaunliche: Hinter dem martialischen, gewalttätigen Äußeren verbirgt sich paradoxerweise ein warmherziger, charmanter Film, der es fertig bringt unter Wasserfällen von Blut die Sonne scheinen zu lassen.

BLADE OF THE IMMORTAL ist ein absolut mitreißender Samurai-Actioner und ein weiterer, absolut würdiger Eintrag ins Werkverzeichnis eines einzigartigen Künstlers - auf die nächsten 100. Filme!











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