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BABYLON A.D. (USA/Frankreich 2008)

von Edda Baumann-von Broen

Original Titel. BABYLON A.D.
Laufzeit in Minuten. 90

Regie. MATHIEAU KASSOVITZ
Drehbuch. ERIC BESNARD . MATHIEAU KASSOVITZ . JOSEPH SIMAS
Musik. ATLI ÖRVARSSON
Kamera. THIERRY ARBOGAST
Schnitt. BENJAMIN WEILL
Darsteller. VIN DIESEL . MICHELLE YEOH . CHARLOTTE RAMPLING . GÉRARD DEPARDIEU u.a.

Review Datum. 2008-07-28
Kinostart Deutschland. 2008-09-11

Nun kommt er also endlich ins Kino, der Sci-Fi Action Thriller von Mathieu Kassovitz, der in drei Jahren Stop and Go Produktionszeit die Gerüchteküche mächtig angeheizt hat. Nachdem lange die Rede davon war, dass Kassovitz ein 2 Stunden 40 Minuten Drehbuch verfilme, sich das dann aber als "Gag" entpuppt hat, liegen jetzt zwei Versionen vor: Einmal eine amerikanische mit 90min und einmal die europäische Version mit 101min Laufzeit.

Es ist wirklich schade, dass dieser Film diese lange Produktionszeit hinter sich hat. So hat man ständig CHILDREN OF MEN, den anderen Weltuntergangsfilm mit einer jungen Frau, die die Welt erlösen soll, von 2006 vor Augen. Man hat das Gefühl, das Kassovitz bekanntes Terrain abarbeitet, obwohl die Romanvorlage "Babylon Babies" bereits 1999 erschien. Zwar heißt die junge Frau in Babylon AD nicht mehr wie in im Buch Mary, sondern Aurora, aber das religiöse Motiv der jungfräuliche Maria ist hier genauso präsent.

Den Film plagen aber nicht nur die Probleme des Nachzüglers. Auch am Set soll es mitunter hoch hergegangen sein. Kassovitz gilt nicht als einfachster Regisseur, Vin Diesel wiederum war wahrscheinlich nicht klar, wie sich sein von ihm gewünschter Ausflug in den europäischen Autorenfilm wirklich anfühlen würde. Und das bei einem Projekt, das mit 90 Millionen Euro budgetiert war, nach Kassovitz' Aussage Euro 150 Millionen gebraucht hätte, und tatsächlich nur mit Euro 60 Millionen finanzierbar war. Man kann nur ahnen, wie toll "Ich krieg den größten Trailer"-Vin Diesel die Arbeit mit dem französischen Auteur fand.

Schon in den ersten Minuten des Films wird klar, dass hier ein Europäer Regie führt und das ist über lange Strecken sehr schön. Vin Diesel, Amerikas letzter Action Hero unter 60, raucht, trinkt Rotwein zum selbst geschlachteten Kaninchen und scheint von einer existenziellen Sinnlosigkeit geplagt, die in europäischen Filmen immer ein wenig weniger pathetisch wirkt. Toll sieht er aus als Kriegsveteran und Söldner Toorop, hart und gebrochen zugleich, ein Mann auf dem Zenit seiner Männlichkeit. Der Film lässt sich Zeit, den character und die Welt um ihn herum aufzubauen.

Kassovitz hat den ersten Akt in Osteuropa sehr ökonomisch, aber dennoch düster und bedrohlich gedreht; wie auch schon in CHILDREN OF MEN geben Video-Screens Aufschluß über die Kriege und die Zivilisation der Zukunft. Immerhin: zum Dinner wird der Touch Screen aber abgestellt.

Zum Essen kommt Toorop aber nicht mehr, da er von Superbaddy Gorsky (Gérard Depardieu) einen Job aufs Auge gedrückt bekommt, der ihm vor allen Dingen per Injektion eine neue Identität und damit die Rückkehr nach Amerika ermöglichen soll. Der Auftrag: er soll ein junges Mädchen aus Osteuropa nach New York schmuggeln. Fast märchenhaft erscheint das Auftreten der jungen Aurora (toll besetzt mit dem bei uns unbekannten Model Mélanie Thierry) und ihrer Begleiterin Schwester Rebecca (Hurra: Michelle Yeoh), die ein in Fels gehauenes Kloster in wahnsinig schöner Landschaft verlassen, um sich auf eine Reise durch die Barberei zu machen. Leider ist Michelles Schönheit extrem gedrosselt. Vin darf nicht einer der schönsten Frauen der Welt an die Wäsche, denn er ist zu höheren Weihen bestimmt.

Mit der Idylle und lustigen Wortgefechten ist es aber dann schnell vorbei. Der lange Weg über die Behringstraße und das freie Kanada müssen angetreten werden. In üblen Spelunken müssen Überfahrten gekauft werden, nicht alles, was nach Lebewesen aussieht, ist auch echt und die drei werden ständig beobachtet, da auch andere Interesse an dem jungfräulichem Mädchen haben. Die scheint nicht ganz richtig im Kopf, weiß alles, kann alles und scheint ein bedrohliches Geheimnis in ihrem Körper zu tragen. Da gibt es tolle Szenen, die an BLADE RUNNER, STAR WARS, BRASIL und den bahnbrechenden französischen Comic Metal Hurlant erinnern. Das Düstere hat Kassovitz einfach drauf, das amerikanische Kino liebt er sowieso.

Aber - wie so oft bei Sci-Fi Action Thrillern - irgendwann ist die Reise zu Ende, das Geheimnis muss gelüftet werden und der Film kommt ins Schlingern. Die Reise unseres Trios findet ihr Ziel in New York und hier machen sich dann die finanziellen, aber auch inhaltlichen short comings bemerkbar. Der Film schafft den Sprung von der Gesetzlosigkeit der Schwellenländer zur genmanipulierten Zukunft der USA nicht. Im Gegensatz zum – sogar in der Musik – allgegenwärtigen BLADE RUNNER gelingt es Kassovitz zumindest in dieser Version nicht, New York als Metropolis der Zukunft wirklich zu etablieren und den Kern der Geschichte freizulegen: die Frage nach dem Göttlichen, unserer Existenz und der Schöpfung.

Am Ende hätte man Vin Diesel doch einen gradlinigeren Regisseur gewünscht, der sich mehr auf die Action konzentriert hätte, oder Kassovitz einen Schauspieler, der ihm über die Unwahrscheinlichkeiten im Drehbuch hinweghelfen kann. Als Babysitter kann man sich Vin Diesel inzwischen ja hinreichend vorstellen, aber das große Ganze spiegelt sich in seinem Gesicht nicht. Auch die beiden Giganten des französischen Kinos, Gerard Depardieu und Charlotte Rampling, können dem Film nicht helfen. Depardieu gibt einen bösen Obelix und Ramplings Rolle engt sie ein wie eine Zwangsjacke. Einzig Michelle Yeoh, die Grande Dame des asiatischen Action-Kinos vermag es, Ballerei und existentielle Tiefe in sich zu vereinen. Aber sie ist eben nicht Rachael und man ahnt schon früh, dass nicht sie an Vins Seite der Zukunft entgegen fliegt. Obwohl man dann mehr Hoffnung für die Zukunft der Menschheit gehabt hätte.

Ohne Frage ist Kassovitz ein bildstarker Regisseur, dessen Welt in BABYLON A.D. aber nicht so konsequent geschlossen ist wie die in CHILDREN OF MEN. Trotz streckenweise phantastischem Set Design und schöner Cinematographie hat es insgesamt an Geld gefehlt, um das visuelle Niveau eines Hollywood-Blockbusters zu erreichen und der Mut oder die Freiheit, 60 Millionen Euro in einen Autorenfilm zu stecken. Kassovitz hat die Produktion als "Guerilla-Filmmaking" bezeichnet. Vielleicht hätte er diese Stimmung in den Film einbauen sollen. Ein bisschen mehr Terry Gilliam hätte dem letzten Akt gut getan. Aber gemessen an den großen Meilensteinen der düsteren Zukunftsvisionen scheitern ja fast alle neueren Sci-Fi Thriller am Finish. Wir warten weiter auf den nächsten Messias.











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