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ANGEL - EIN LEBEN WIE IM TRAUM (Großbritannien/Belgien/Frankreich 2007)

von Matthias Mahr

Original Titel. ANGEL
Laufzeit in Minuten. 134

Regie. FRANҪOIS OZON
Drehbuch. FRANҪOIS OZON . MARTIN CRIMP
Musik. PHILIPPE ROMBI
Kamera. DENIS LENOIR
Schnitt. MURIEL BRETON
Darsteller. ROMOLA GARAI . SAM NEILL . LUCY RUSSELL . MICHAEL FASSBENDER u.a.

Review Datum. 2007-07-14
Kinostart Deutschland. 2007-08-09

Aber irgendeinen Autor müssen Sie doch verehren.
Ich mag Shakespeare ganz gerne. Außer, wenn er versucht lustig zu sein.

Angela Deverell (Romola Garai) hat ein allgemeines Problem mit Humor. Die junge Kitschautorin nimmt buchstäblich alles ernst und verträgt auch keinerlei kritische Anmerkungen an ihrem Werk. Ihr Verleger (Sam Neill) glaubt unter den spöttischen Blicken seiner Frau (Charlotte Rampling) bedingungslos an sie, veröffentlicht ihr erstes Buch, obwohl sie sich weigert, auch nur das Öffnen einer Sektflasche mit Korkenzieher abzuändern.

François Ozon hat kein Problem mit Humor. GRINDHOUSE oder THE GOOD GERMAN nicht ganz unähnlich imitiert sein neuer Film das Kino vergangener Zeiten, konkret die Melodramen von Douglas Sirk und Co. Folglich lässt er die Farbgebung alter Technicolor-Filme nachahmen, bietet üppige Kostüme und Ausstattung und setzt auch ein paar Rückprojektionen im ausgewiesenen Retrolook ein. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Tarantino/Rodriguez/Soderbergh scheint er mit ANGEL weit weniger eine Hommage als eine Persiflage im Sinn gehabt zu haben. Ozon macht sich sichtlich über das Genre lustig, lässt Garai auch geradezu hemmungslos chargieren.
Dem zum Trotz setzt er die Romanvorlage recht frei um, strafft nicht nur die Zeitspanne der Handlung um mehrere Jahrzehnte, sondern entfernt sich auch mit der Zeit zusehends von der bissig-bösen Charakterzeichnung von Angel und deren berechnenden Gatten Esmé (Michael Fassbender). So kann man Angela bei aller narzisstischen Egozentrik durchaus Sympathie oder zumindest Bewunderung entgegen bringen, fast vergleichbar mit Scarlett in GONE WITH THE WIND. Selbst Hermione (Rampling) lässt sich dazu hinreißen, wenn Angel wegen eines (aus egoistischem Motiv) pazifistisch ausgelegten Romans während des 1. Weltkriegs ihre patriotische Leserschaft vor dem Kopf stößt. Esmé hingegen kann einem nur leid tun. Bei Elizabeth Taylor (nicht der Schauspielerin) noch ein kalter Verführer, der die erfolgreiche Autorin des Geldes wegen umgarnt, gibt er im Film völlig das Ruder aus der Hand, während Angela ihm im strömenden Regen den Heiratsantrag macht. Auch bei Ozon ist er Maler, der Fabrikhallen und dunkle Farben bevorzugt, doch wenn ihm seine Gattin einmal vorhält, wie schön doch die Farben der wirklichen Welt sind, bekommt das im (recht gut gefaketen) Technicolor eine eigene Bedeutung. Und obwohl im Kern eine Posse, schlägt der Film in der Mitte durchaus ernste Töne an. (Ehe er gegen Ende wieder vollends zur Farce wird.) Der Grund dürfte im niedergeschlagenen Gemütszustand Angels liegen, in Zeiten, in denen sie das Gespür für die Leser verloren hat. So entsteht stark der Eindruck, Ozon hätte weniger die Figuren umgestaltet als die Perspektive geändert und zeichnet die Handlung aus der Sicht seiner Hauptperson, auch wenn dies nicht in letzter Konsequenz durchexerziert wird, man auch Sachen erfährt, die Angel nicht wissen kann.

Inkonsequent auch seine Art, den Film mit seinem postvictorianischen Sujet in Englisch zu drehen. Gewiss, die natürliche Umgebung der verwendeten Sprache war ihm immer schon wichtig, so streute er in früheren Werken je nach Kontext immer wieder englische oder auch anderssprachige Passagen ein. Spätestens bei SWIMMING POOL ist das Bilinguale gar ein bestimmendes Stilmittel. Dass er diesem Prinzip aber auch hier treu blieb und seinen ersten komplett englischen Film drehte, erinnert eher an die von Mel Gibson initiierte "Neue Natursprachlichkeit", der ja auch Eastwood nach IWO JIMA gefolgt ist. Zu Zeiten der von ihm parodierten Melodramen drehte man aber prinzipiell vom Thema unbeeinflusst in der Landessprache. Obwohl ANGEL zumindest in zweiter Linie in Frankreich synchronisiert in die Kinos kam, ungeachtet des Umstandes, dass es sich um eine Co-Produktion handelt und ohne jetzt frankophile Motive zu hegen: Diesen Film auf Französisch zu realisieren wäre formalistisch das I-Tüpfelchen gewesen, THE GOOD GERMAN wurde schließlich auch nicht in Farbe gedreht.

Doch auch so ist ANGEL eine bezaubernd fiese Komödie geworden, die dem Film von Soderbergh weit überlegen ist. Er wird es dennoch schwer genug haben auf Verständnis zu stoßen. Die Welt ist auch heute voller humorloser Engel, denen der bewusst gegen sich selbst eingesetzten Kitsch zuviel werden wird und die vielleicht sagen würden: Ich mag Ozon ganz gerne. Außer...











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