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AMERICAN PIE - DAS KLASSENTREFFEN (USA 2012)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. AMERICAN REUNION
Laufzeit in Minuten. 113

Regie. JON HURWITZ . HAYDEN SCHLOSSBERG
Drehbuch. JON HURWITZ . HAYDEN SCHLOSSBERG
Musik. LYLE WORKMAN
Kamera. DARYN OKADA
Schnitt. JEFF BETANCOURT
Darsteller. JASON BIGGS . ALYSON HANNIGAN . SEAN WILLIAM SCOTT . THOMAS IAN NICHOLAS u.a.

Review Datum. 2012-04-15
Kinostart Deutschland. 2012-04-26

Meine erste Begegnung mit der AMERICAN PIE-Reihe hatte ich wahrscheinlich irgendwann mit zehn oder elf, was manche sicher als zu früh ansehen werden, im Grunde aber genau richtig ist, denn seien wir mal ehrlich: AMERICAN PIE ist nicht gerade THE BREAKFAST CLUB. Wer seine Teenager-Jahre schon hinter sich hat (oder sie gerade erlebt), sollte eigentlich erkennen, dass der Film die Probleme des Heranwachsens mindestens grob simplifiziert und auch der Humor eigentlich nicht mal pubertär ist, sondern sich eher an, nun ja, 11jährige richtet, die noch nicht sicher sind, ob sie beim Gedanken an Sex kichern oder geil werden sollen. Jedenfalls fand ich es immer eher befremdlich, wenn Menschen in nominell erwachsenem Alter noch "Der Stifmeister!" rufen und AMERICAN PIE zitieren, wenn in irgendeinem Film Sean William Scott auftaucht.
Man kann der Reihe allerdings zugute halten, dass sie sich in ihren beiden Fortsetzungen tatsächlich steigern konnte: Unbedingt lustiger sind Teil 2 und 3 auch nicht, doch sie haben immerhin etwas zu erzählen und balancieren die Mischung aus Obszönität und Sentimentalität, die später Judd Apatow und co. perfektionierten, deutlich gekonnter.

Seinen Platz in der Popkultur-Geschichte kann man AMERICAN PIE ohnehin kaum streitig machen: Für eine gewisse Generation waren der Film und seine Fortsetzungen durchaus prägend - und sei es nur durch die Einführung des Begriffes "MILF" in den Sprachgebrauch. AMERICAN PIE - DAS KLASSENTREFFEN setzt nun auch voll und ganz auf die Nostalgie ebendieser Generation. Der Film beginnt ein paar Tage vor der Highschool Reunion der Klasse von '99 - zu der Jim und seine Freunde ein paar Tage vorher in die alte Heimat reisen, um gemeinsam in Erinnerung zu schwelgen - und endet mit ebendieser Reunion-Party. Zentraler Konflikt des Plots ist das eingeschlafene Sexleben von Jim (Jason Biggs) und Michelle (Alyson Hannigan), die mittlerweile Eltern von zwei Kindern sind. Damit nähert sich der Film relativ plump an Plot und Struktur des ersten Teils an und setzt durch das penible Abhaken der alten Locations und Paraphrasieren von Schlüsselszenen konsequent auf den "Wisst ihr noch, damals?"-Effekt.
Und im Gunde ist dagegen ja nichts einzuwenden. Das Nostalgie-Geschäft boomt zur Zeit ohnehin und hat auch schon wunderbare Filme wie DIE MUPPETS hervorgebracht. Kevin Smith fragte sich in CLERKS 2 schon 2006, was aus den Helden seines ersten Films geworden ist und drehte damit einen seiner besten Filme. Doch AMERICAN PIE - DAS KLASSENTREFFEN geht weiter als der wehmütige Blick zurück. Das Drehbuch klammert sich - vielleicht, weil die Autoren, HAROLD & KUMAR-Macher Jon Hurwitz und Hayden Schlossberg, einfach zu große Fans sind - verzweifelt an die Vergangenheit der Reihe. Dieselben Beziehungen derselben Charaktere werden abgearbeitet, echte Weiterentwicklung wird eigentlich niemandem zugestanden und neue Figuren - wie Jims 18jährige Nachbarin Kara (Ali Cobrin), die ihn verführen will oder Kevins (Thomas Ian Nicholas) Ehefrau Ellie (Charlene Amoia) - erfüllen lediglich ihre Funktion im Plot und werden nie zu echten Charakteren entwickelt. Der Film hängt der bezeichnenderweise von Sean William Scotts Stifler, der natürlich noch bei seiner Mutter lebt, ausformulierten Ansicht nach, dass die Schulzeit "die geilste Zeit des Lebens" und jede Weiterentwicklung ein Verrat ist. Bei Judd Apatow wäre das vielleicht der Setup, bei AMERICAN PIE - DAS KLASSENTREFFEN ist es der emotionale Höhepunkt (der auch noch mit Semisonics End-90er Instant-Emotionen-Klassiker Closing Time untermalt wird, was 2012 höchstens noch in ironisch-selbstreferentieller Form durchgehen könnte).

Wahrscheinlich ist es also auch nur konsequent, dass gefühlt die Hälfte der Witze des Films Verweise auf Witze der Vorgänger sind - AMERICAN PIE - DAS KLASSENTREFFEN verkauft allen Ernstes das Nacherzählen von Sight-Gags aus dem ersten Teil als Pointen ("Ich hab meinen Sohn mal dabei erwischt, wie er einen Apfelkuchen gevögelt hat."). Dazu kommt der übliche Gross-Out-Humor und Slapstick, der Fans der Vorgänger wohl auch bewährt unterhalten dürfte. Wirklich originell sind jedoch nur John Chos Szenen, in denen der Film hier und da recht gekonnt mit dem Eigenleben spielt, dass Chos beinahe-Statistenrolle im ersten Teil entwickelt hat. So fragt zum Beispiel Jim Chos konsequenterweise noch immer nicht benannten Charakter, wo denn "der andere MILF-Typ" sei.

Ein Wenig schade ist es auch um die Darsteller: Jason Biggs hat unbestreitbar komödiantisches Talent, das in einem so uninspirierten Drehbuch aber kaum zur Geltung kommt. Alyson Hannigans Michelle (eindeutiges Highlight der Vorgänger) ist kaum wiederzuerkennen und wurde unerklärlicherweise wieder zur Randfigur degradiert, obwohl Hannigan, zuletzt angekurbelt durch den HOW I MET YOUR MOTHER-Erfolg, wohl der größte Star im Cast ist.

Es war wohl abzusehen, dass AMERICAN PIE - DAS KLASSENTREFFEN in Zeiten von Apatow und Co. nicht mehr besonders frisch und originell daherkommt. Dass der Film aber, was Charakterentwicklung und Unterhaltungsfaktor angeht, nach Teil 2 und 3 eher einen Rückschritt darstellt, ist dann doch irgendwie bedauerlich. Wenn es das Loser-Klischee, mit 30 noch bei Mutti zu wohnen und der eigenen Schulzeit nachzutrauern, im wirklichen Leben gibt, AMERICAN PIE - DAS KLASSENTREFFEN vermittelt einen guten Eindruck davon, wie es sein muss, solche Menschen beim Klassentreffen wiederzusehen. Heutzutage zitieren sie da wahrscheinlich auch den "Stifmeister".











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