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DER ADLER DER NEUNTEN LEGION (USA/Großbritannien 2011)

von Michel Opdenplatz

Original Titel. THE EAGLE
Laufzeit in Minuten. 114

Regie. KEVIN MACDONALD
Drehbuch. JEREMY BROCK
Musik. ATLI ÖRVARSSON
Kamera. ANTHONY DOD MANTLE
Schnitt. JUSTINE WRIGHT
Darsteller. CHANNING TATUM . JAMIE BELL . DONALD SUTHERLAND . MARK STRONG u.a.

Review Datum. 2011-02-26
Kinostart Deutschland. 2011-03-03

Zum Glück für alles, was dieses Jahr in die deutschen Kinos kommt, ist die Messlatte in der Kategorie "unterirdisch schlecht" durch ein Christina Aguilera-Musikvideo mit Überlänge (auch bekannt als BURLESQUE) bereits sehr hoch angelegt worden. Da muss man erst mal drüber kommen (oder drunter, je nach Blickwinkel). Selbst ein Sandalenfilm wie DER ADLER DER NEUNTEN LEGION jedenfalls erhebt sich dadurch mit deutlichem Startvorsprung in die Lüfte.
Channing Tatum (BATTLE IN SEATTLE) mimt mit dem Blick eines betroffenen Orang-Utans Marcus Flavius Aquila, einen jungen Zenturio, der um jeden Preis die Familienehre wiederherstellen will, indem er sich auf die Suche nach einer goldenen Adlerstandarte begibt, die jenseits des Hadrianswalls samt der neunten Legion - dummerweise angeführt von seinem Vater - im kleinen unbeugsamen Teil Britanniens verschüttgegangen ist. Dabei begleitet ihn Esca (BILLY ELLIOT-Jamie Bell), ein keltischer Sklave, dem er das Leben gerettet hat und der ihm zum Dank in schauspielerischer Hinsicht die Show stiehlt.

So weit, so vorhersehbar: Die beiden sind eigentlich Gegner, aber der Kampf auf Leben und Tod schweißt sie zusammen. Harte Kerle eben, die ihre gefühlsbetonte Seite schließlich in einer kernigen Männerfreundschaft ausleben dürfen. Kameradschaftsgefühl und so. Und das ist ja auch in weiten Teilen wirklich lobenswert gemacht: Durch die Kameraarbeit gelingt eine psychedelische Verschmelzung zwischen Marcus' Kindheitserinnerung und seiner Gegenwart, entstehen schwimmende Übergänge zwischen Traum- und Wachzuständen. Die Handlung ist und bleibt durchaus spannend und nimmt sich die nötige Zeit: Marcus versucht zunächst, von dem Grenzstützpunkt aus, den er kommandiert, in die unbesetzten Gebiete einzudringen, wird jedoch bei einem Angriff der Einheimischen verwundet und erleidet einen herben Rückschlag, indem er ehrenhaft aus der Armee entlassen wird. Seinen erneuten Anlauf mit Unterstützung seines Onkels (ein solider Donald Sutherland, DIE VERSCHWÖRUNG IM SCHATTEN) muss er entsprechend als Zivilist wagen, mit Esca an seiner Seite, nachdem er diesen vor dem Tod in der Gladiatorenarena gerettet hat. Auch geizt der Film neben passend blutrünstigen Schlachtszenen (die Kinderbuchvorlage zum Drehbuch würde sich unter der Bettdecke verkriechen und nie wieder rauskommen) keineswegs mit fein eingesetzter Symbolik, vor allem natürlich in Form des goldenen Adlers. Das führt zur gelungenen Kontrastierung von Marcus gegenüber seinem Vater, von Rom zwischen Besatzungsmacht und Idealbild und von kulturellen Unterschieden (und Gemeinsamkeiten) zwischen Kelten und Römern. Und nicht zuletzt wird auf diese Weise Marcus' Besessenheit von seiner selbstgewählten Aufgabe betont. Elegant ist zudem der Kniff, dass der Film auf die Untertitelung des Keltischen verzichtet, sobald er die Position von Marcus einnimmt (der im späteren Verlauf übrigens mit Esca die Rollen von Meister und Sklave tauschen muss, um an sein Ziel zu gelangen).

Warum also eine dermaßen polemische Einleitung? Nun, weil es diesem Film gelingt - nicht unüblich für Hollywood, aber immer wieder aufs Neue faszinierend - sich in seinen letzten fünfzehn Minuten mühelos, unbedarft und gutgelaunt selbst zu demontieren. Aber der Reihe nach:
Das Poster schreibt "Sandalenfilm". Der Trailer schreit "Sandalenfilm". Niemand, der nicht absoluter Genrefan ist, wird sich ins Kino bemühen. Sitzt man dann doch im Sessel, proklamiert der Vorspann abermals "Sandalenfilm": gesäuselt vom Choral im Hintegrund, buchstabiert von den endlosen Was-bisher-geschah-Schriftzügen. Man hat sich entweder mit "Sandalenfilm" abgefunden oder freut sich darauf - und dann stutzt man plötzlich doch: Der harte Soldatenalltag; der fanatische Befehlshaber, der eigene Ziele verfolgt und seine Untergebenen drillt; die christliche Besatzungsmacht, die eine ganze Weltkultur konstituiert und gewaltsam durchsetzt; die buschbärtigen, guttural geifernden, religiösfanatischen Einheimischen, die vor brutalem Geiselmord nicht zurückschrecken; Kindersoldaten; die intriganten Politiker im Hintergrund, die Krieger wie Schachfiguren einsetzen; der Adler als Symbol für eine stolze Nation. Trappst da nicht eher ein völlig anderer Vogel?

Aber ja doch! Das ist ja clever, das ist ja perfide: Das ist gar kein Sandalenfilm! Das ist eine Parabel auf den aktuellen Konflikt zwischen der westlichen und der arabischen Welt! Hab ich euch doch durchschaut - haha! Kann man ja machen, wieso auch nicht? Und dann das Ganze noch so zu tarnen, als Historie, als Abenteuer. Könnte ja chic sein. Dann sucht man und sucht, und man findet und findet, interpretiert dieses und jenes, ergötzt sich an all der Symbolik und kommt sich selbst ziemlich clever dabei vor: Man hat das ja durchschaut. So viel überzogener Pathos kann einfach nicht ernst gemeint sein. Das ist eigentlich Kritik an dem ganzen grafischen Gemetzel, und das hat man lange begriffen, noch bevor das Ende des Films es dramatisch umsetzen wird. Muss man eigentlich nur noch abwarten, ob die Moral allzu zeigefingerwedelnd daherkommt.

Na ja, und dann gibt's den großen Showdown, Marcus und Esca begraben kameradschaftsgefühlsduselnd ganze Gebirgsklüfte von Differenzen, die verfolgenden Kelten werden abgemurkst, dann quasiökumenisch mit den anderen Gefallenen beigesetzt, der Fanatiker Marcus kriegt, was er will - und der Zuschauer bekommt sogar noch die per Definition grottig ausstaffierte Rom-Großstadtszene mit Togaträgern vorgesetzt, deren bisherige Abwesenheit einer der großen Pluspunkte dieses Films war. Der Adler ist gelandet. Oder ist der Albatross abgestürzt?

Ich darf unverblümt sagen: Von diesem Film habe ich mich verarscht gefühlt. All die unleugbaren kulturellen Anspielungen laufen ins Leere, der überzogene Pathos scheint tatsächlich ernst gemeint zu sein, das Happy End serviert Friede und Freude, als Beilage gibt's Eierkuchen. Hier will jemand nicht mehr sein, hier will jemand einfach nur so tun, als wolle er das.
Hat da ein Produzent in letzter Sekunde die Notbremse gezogen? Hat da ein Drehbuchautor keine Lust mehr gehabt? Hab ich da (was ja durchaus möglich wäre) irgendwas nicht mitgekriegt? Übrig bleiben leider die Feststellung, dass mir eine definitive Antwort herzlich egal ist, und das Urteil: spannender Sandalenfilm, nicht weniger und nicht mehr.











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