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KAPITELWAHL

BATTLE IN SEATTLE (Kanada/USA/Deutschland 2007)

von Michel Opdenplatz

Original Titel. BATTLE IN SEATTLE
Laufzeit in Minuten. 95

Regie. STUART TOWNSEND
Drehbuch. STUART TOWNSEND
Musik. ROBERT DEL NAJA . NEIL DAVIDGE
Kamera. BARRY ACKROYD
Schnitt. FERNANDO VILLENA
Darsteller. ANDRÉ BENJAMIN . JENNIFER CARPENTER . ISAACH DE BANKOLÉ . WOODY HARRELSON u.a.

Review Datum. 2010-09-20
Erscheinungsdatum. 2010-07-12
Vertrieb. KSM

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
BATTLE IN SEATTLE lautet der Titel von Schauspieler Stuart Townsends (DIE LIGA DER AUSSERGEWÖHNLICHEN GENTLEMEN) Regiedebut - reißerisch mutet der Name an, doch er ist Teil des mutigen Konzepts dieses Films. Die Handlung folgt dem Verlauf der realen Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation 1999 in Seattle, die durch massive Proteste von Globalisierungskritikern zum Scheitern gebracht wurde. Tatsächlich gingen die brutalen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Staatsgewalt noch während ihres Verlaufs als "Battle in Seattle" in die Geschichte ein; was auch die Protagonisten des Films beim Verfolgen einer Livereportage nur mit Unglauben kommentieren können. Dies ist nur ein Beispiel dafür, was die geschickt umgesetzte Strategie dieses Films ausmacht: Er lässt eine selbstreferenzielle Kollage aus historischen Tatsachen und erzählerischer Interpretation entstehen.

Erzählt wird nicht nur aus der Perspektive der Aktivisten (darunter Martin Henderson als Jay, Jennifer Carpenter als selbsterklärte Quasianarchisten Sam und mit liebevoller Hingabe André Benjamin als Umweltschützer Django) sondern auch mit Blick auf die anderen Vertreter des kompletten Spektrums, vom halbfiktiven Bürgermeister Jim Tobin (ein gewohnt mattiert spielender Ray Liotta) über den Polizisten Dale (Woody Harrelson) und eine Fernsehreporterin bis hin zu ausgewählten Konferenzteilnehmern. Überraschenderweise gelingt es dem Film, all diese Schicksale (und noch mehr) überschaubar miteinander zu verknüpfen, sodass jede Figur genügend Raum erhält, um sich zu entfalten und von unterschiedlichen Seiten beleuchtet zu werden. Nicht einmal Charlize Theron als Dales schwangere Frau Ella fällt dabei aus dem Rahmen.
Das funktioniert nur deshalb, weil die Handlung den Zuschauer bereitstellt, abholt und mitnimmt: Der Titel lässt zunächst eine klar kontrastierte Auseinandersetzung zweier Lager erwarten, und das erste, was der Rezipient vorgeführt bekommt, ist eine waschechte kleine Dokumentation über Entstehung, Vorgehensweise und nicht zuletzt Verfehlungen der Welthandelsorganisation. Tatsächlich klingt nach dieser Einstimmung mit Einsetzen der Handlung der Kampf der Aktivisten gegen einen vermeintlich übermächtigen Gegner an, und zwar in ihren Problemen mit der Schwerkraft, als sie an einem Baukran ein Transparent zu entrollen versuchen. Ihre weiteren Vorbereitungen werden zusammengeschnitten mit der Lagebesprechung der Polizei, Bürgermeister Tobin sorgt sich vor allem um das Image "seiner" Stadt, und es fallen Sätze wie: "Sechs Monate Planung, jetzt geht's los." Oder Dale, der zu Ellas Frauenärztin sagt: "Passen Sie gut auf sie auf, Doktor, weil sie mich sehr glücklich macht." Auch Reporterin Jean (Connie Nielsen) macht zunächst noch den klischierten Eindruck einer sensationslüsternen Horrorversion von Carla Columna. Doch weder sie noch der Zuschauer rechnen damit, wohin ihre Reise gehen wird - und das soll an dieser Stelle auch nicht vorweggenommen werden. Denn dann treffen plötzlich all diejenigen, die für sich und unter sich so souverän und organisiert und abgeschottet daherkommen, mit äußerster Wucht aufeinander. Die Diffusion beginnt. Dies geschieht ebenso optisch, wenn Straßenschlachten und Fernsehprogramme fließend und gekonnt mit Originalbildmaterial der realen Krawallen vermengt werden, als auch auf der Handlungsebene: Aktivistin Sam provoziert die wartenden Einsatzkräfte ausgerechnet mit den auf den Asphalt gekritzelten Worten "Hug Me", Django und ein Einsatzleiter stehen an den Spitzen ihrer Gruppen keine zwei Meter voneinander entfernt einander gegenüber und schreien sich mittels Megaphonen an. Der Ton in diesen Szenen ist schlecht, doch das muss auch so sein: Alles Sinnfällige geht in Gegröle und plakativ simplen Sprechchören unter, die Einzelschicksale werden zu Squashbällen der gewaltigen Mechanismen, die sie in Gang gesetzt haben, und die Stadt wird zum Kriegsgebiet, in der nicht einmal mehr ein Kirchengebäude den Demonstraten Schutz bieten kann.
Schaufenster, in denen größtenteils Weihnachtsdekoration prangt, werden vernagelt, besprüht, von radikalen Randalierern eingeworfen: Das Fest der Liebe und des Friedens wird mit drastischen Mitteln abgesagt. Nur noch in den Konferenzräumen, wo es mit Mühe und Not länger gelingt, den Schein zu wahren, bleibt die Deko wie zum Hohn im Hintergrund hängen; im Vordergrund aber werden dem afrikanischen Unterhändler Abasi (Isaach de Bankolé) die Simultanübersetzer für "Wichtigeres" abgezogen und dem "Arzt ohne Grenzen" Dr. Maric (ein glaubhaft zunehmend verzweifelter Rade Serbedzija) laufen bei seinen Vorträgen gelangweilt die Zuhörer davon. Diese beiden Figuren versuchen die Welthandelsorganisation auf legalen Wegen umzukrempeln, doch ihre Bemühungen um Ergebnisse gehen im Trubel der Auseinandersetzungen völlig unter. Warum trotzdem niemand von ihnen aufgibt, bringt ein kurzer Wortwechsel zwischen Jean und ihrem Kameramann auf den Punkt: "Warum machen sie das bloß? Sie setzen ihr Leben ein für eine Sache, die sie nicht gewinnen können." - "Weil sie glauben, dass sie sie gewinnen können."

Der Film steht eindeutig auf Seiten der Globalisierungsgegner, aber verteufelt eben nicht alle anderen Menschen, indem er sie festumrissenen Lagern zuweisen würde; sein wahres Feindbild verortet er vielmehr in unkontrollierbaren Machtprinzipien der (wirtschaftlichen) Gewalt und Unterdrückung. Das einzige Manko bleibt dabei jedoch bei allem differenzierten Bemühen um die Charaktere an manchen Stellen ihre emotionale Überzeichnung, wenn beispielsweise Ella zu ihrer besten Freundin sagt: "Du solltest auch schwanger werden. Wir haben doch immer gesagt, wir machen das zusammen." Oder wenn ein hämischer Polizist den Protestierenden verkündet: "Wenn Sie uns Ihren Namen nennen, geben wir Ihnen Ihre Rechte." Solche Dialoge sind dann doch zu überzogen und wären für die Entwicklung der Charaktere nicht nötig gewesen.
Dass BATTLE IN SEATTLE auch ein Aufruf für die Sache der Protagonisten ist, macht nicht zuletzt das in den Dokumentarstil zurückkehrende Ende deutlich, wenn Demonstranten mit viel Mühe eine winzige Lücke in einen Absperrzaun reißen und ein Schriftzug verkündet "The Battle continues...". Doch an dieser Stelle wirkt es eben nicht mehr reißerisch, denn der Zuschauer hat sich ein Bild hinter den Bildern machen können, von den Menschen und ihren Schicksalen.

DVD.
Bild und Ton sind zufriedenstellend, in den großen Straßenkrawallszenen kann es bisweilen schwer sein, den Dialogen zu folgen; dies scheint jedoch eher zum Programm des Films zu gehören. Die Sprechchöre der Demonstranten sind dankenswerterweise nicht in bemühten deutschen Reimen kaputtsynchronisiert sondern untertitelt worden. Die Sonderausstattung der DVD verdient ihre Bezeichnung jedoch nicht: die üblichen Filmtrailer und eine Bildergalerie, die nichts anderes bietet als Standbilder aus dem Film. Bei all der Mühe um Aufklärung, die in der Handlung betrieben wird, ist man als Rezipient eigentlich hunrig nach mehr Hintergrundinformationen, wenigstens in einem kleinen Making-Of. Doch das sucht man vergebens.








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