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47 RONIN (USA 2013)

von André Becker

Original Titel. 47 RONIN
Laufzeit in Minuten. 118

Regie. CARL RINSCH
Drehbuch. CHRIS MORGAN . HOSSEIN AMINI
Musik. ILAN ESHKERI
Kamera. JOHN MATHIESON
Schnitt. STUART BAIRD
Darsteller. KEANU REEVES . HIROYUKI SANADA . RINKO KIKUCHI . MIN TANAKA u.a.

Review Datum. 2014-01-27
Kinostart Deutschland. 2014-01-30

47 RONIN hätte ein wirklicher Knaller werden können. Leider schafft es der sündhaft teure (satte 175 Millionen US-Dollar wurden verbraten) Mega-Blockbuster in keiner Szene sein vorhandenes Potential voll auszuschöpfen. Fast jede Sequenz atmet das Millionenbudget hinter der Produktion. Fürs Auge bietet der Film insofern eine Menge: Opulente Kostüme, beeindruckende Landschaftsaufnahmen und eine Vielzahl visueller Effekte. Auch die stark fantasylastige Story rund um herrenlose Samurai, mystische Fabelwesen, dunkle Mächte und böse Hexen klingt recht spaßig. Nach rund zwei Stunden Laufzeit ist allerdings vor allem eins klar: Hier wäre mehr drin gewesen - wesentlich mehr.

Der ehrwürdige Fürst Asano (Min Tanaka) wird am eigenen Hofe Opfer einer hinterhältigen Intrige und durch den Shogun zum Tode verurteilt. Dahinter steckt der skrupellose Fürst Kira (Tadanobu Asano), der nach dem Tod Asanos die Macht an sich reißt. Den Samurai Asanos wird infolgedessen ihr Status aberkannt, was sie zwingt fortan ihr Dasein als herrenlose Krieger (Ronin) im Exil zu fristen. Um den Tod ihres Fürsten zu rächen und gleichzeitig ihre Ehre wieder herzustellen beschließen die tapferen Ronin Kira und seine Gefolgschaft zur Strecke zu bringen. Die Erfolgsaussichten dieses Unterfangens stehen jedoch mehr als schlecht. Den Ronin fehlen nicht nur die entsprechenden Waffen, sie müssen es noch zusätzlich mit einer bösen Hexe (Rinko Kikuchi) aufnehmen, die Kiras Schreckensherrschaft durch die Ausübung schwarzer Magie unterstützt. Rettung naht in Person des Halbbluts Kai (Keanu Reeves), der einst ebenfalls Asano diente und ebenso darauf brennt endlich Rache zu nehmen.

47 RONIN krankt insbesondere daran, dass die vorhandenen Actionszenen nicht viel taugen. Eine echte Choreographie ist nur im Ansatz erkennbar. Den Kämpfen fehlt durch die hektische Kamera und die schnellen Schnitte jedwede Dynamik. Als Resultat der niedrigen Altersfreigabe sehen die Schwertkämpfe außerdem sehr clean und entschärft aus. Die zum Teil wirklich beeindruckenden Settings sind als Kulisse der jugendfreien Action somit völlig verschenkt.

Ein weiteres Problem des Films liegt darin, dass die Hauptfigur Kai äußerst unglaubwürdig in die Story der verstoßenen Samuraikämpfer integriert wurde. Dies wird umso deutlicher durch die krampfhaft ausbuchstabierten Storybemühungen, die der (nebenbei bemerkt völlig uninteressanten) Figur eine Relevanz für die Entwicklung der Geschichte zuweisen sollen. Keanu Reeves ist darüber hinaus mit seiner Rolle sichtlich überfordert und scheitert sowohl in den Actionszenen, als auch in den ruhigeren Momenten. Seine begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten treten jedenfalls mehr als deutlich zu Tage. Die weiteren Darsteller kommen da schon besser weg, allen voran die erneut großartige Rinko Kikuchi (PACIFIC RIM, NAOKOS LÄCHELN) als teuflische Hexe. Der ehemals von Martial-arts-Legende Sonny Chiba (STREETFIGHTER) protegierte und mittlerweile in Hollywood sehr aktive Hiroyuki Sanada (WOLVERINE - WEG DER KRIEGERS, DIE LEGENDE DER ACHT SAMURAI) bleibt ein wenig unterbeschäftigt, schlägt sich sonst aber gut und verleiht der von ihm verkörperten Figur des Roninführers Ôishi Würde und Ausstrahlung.

Weiterhin lässt die Handlung oftmals die nötige erzählerische Tiefe vermissen. Die mystisch angehauchte Story tritt mehrfach auf der Stelle, um dann viel zu hastig und überstürzt nach vorne zu preschen. Ein bedingungsloses Eintauchen in die fremde Welt der Ronin wird dadurch von vornherein verhindert. Wesentlich besser als erwartet funktionieren dagegen die Fantasy-Einschübe, die mit voranschreitender Laufzeit zunehmen und sich im effektvollen Finale mit einem Knall entladen. Auch wenn die eingesetzten CGI-Effekte nicht immer überzeugen, machen vor allem die Monster-Kreationen Laune. Nur schade, dass viele dieser Szenen recht kurz ausfallen und ihre Wirkung dadurch schnell wieder verpufft.

Ferner macht sich in fast jeder Einstellung bemerkbar, dass es sich bei 47 RONIN um eine Hollywood-Interpretation einer japanischen Legende handelt. Als Aushängeschild muss natürlich ein westlicher Darsteller her - ob dies im Kontext der ursprünglichen Geschichte Sinn macht oder nicht. Ein bisschen Folklore ist erlaubt, aber bitte nicht zu viel und stets mit vertrauten kulturellen Codes. Nur so ist es zu erklären, das die Darstellung des Übersinnlichen meist sehr amerikanisch und daraus resultierend sehr vertraut ausschaut. Eine Auseinandersetzung mit der damaligen japanischen Kultur und ihrer je eigenen Logik findet insgesamt also nur sehr bedingt statt. Es wäre schön gewesen, wenn sich Regisseur Carl Rinsch getraut hätte stärker auf Konfrontationskurs mit dem Mainstream-Publikum zu gehen. Die vereinzelte Ausflüge auf diese Ebene (etwa gegen Ende des Films) sind erfreulich, bleiben aber leider Ausnahmen.

Grundsätzlich kann man dem Spielfilmdebüt von Carl Rinsch sicherlich so einiges vorwerfen. Dennoch ist 47 RONIN nicht vollkommen unbrauchbar. Abgesehen davon dass vieles aufgrund der ungelenken narrativen Struktur nicht zusammenpassen will und der Film oft ziellos seine Protagonisten vor sich hertreibt, wird noch für ausreichend Unterhaltung gesorgt. Ein paar wirklich tolle Szenen (z.B. die Flucht von dem Piratenschiff) rütteln immer dann auf, wenn man den Film eigentlich komplett abschreiben möchte. 47 RONIN rettet sich somit gerade noch aus den Untiefen absoluter Bedeutungslosigkeit. Im Endeffekt verortet sich der Film irgendwo zwischen gerade noch akzeptabler Durchschnittsware und ausdrucksloser Trivialunterhaltung ohne Schneid. Von der Poesie und Suggestivkraft vieler japanischer Fantasystreifen ist der Film aber kilometerweit entfernt. Was bleibt ist deshalb auch die Erkenntnis, das große Budgets und eine vielversprechende Storyskizze nichts wert sind, ohne das entsprechende Geschick diese Startvorteile adäquat kinematographisch umzusetzen.











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