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21 JUMP STREET (USA 2012)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. 21 JUMP STREET
Laufzeit in Minuten. 109

Regie. PHIL LORD . CHRIS MILLER
Drehbuch. MICHAEL BACALL
Musik. MARK MOTHERSBAUGH
Kamera. BARRY PETERSON
Schnitt. JOEL NEGRON
Darsteller. JONAH HILL . CHANNIG TATUM . BRIE LARSON . DAVE FRANCO u.a.

Review Datum. 2012-05-09
Kinostart Deutschland. 2012-05-10

Heutzutage hat niemand mehr originelle Ideen. Stattdessen recycelt man alte Konzepte aus den 80ern für eine neue Generation, in der Hoffnung, dass es niemandem auffällt.
Was klingt wie ein vernichtendes Urteil über Filme wie 21 JUMP STREET (ein Remake der gleichnamigen 80er-Jahre Krimiserie, die den Durchbruch des jungen Johnny Depp bedeutete), ist in Wahrheit (näherungsweise) ein Zitat aus dem Film, geäußert vom großartigen Nick Offerman (Ron Swanson aus PARKS AND RECREATION) als Deputy Chief Hardy, als er die jungen Cops Schmidt (Jonah Hill) und Jenko (Channing Tatum) zum wiederbelebten Undercover-Programm in der Jump Street versetzt. Es fasst den Ton des Film gut zusammen: Hochgradig selbstreferentiell und -ironisch spielt 21 JUMP STREET mit seiner Vorlage genauso wie mit Genre-Klischees, will gleichzeitig Buddy Cop-, Action- und Teenagerfilm sein - und kommt damit auch noch durch.

Schmidt und Jenko kennen sich seit der Highschool, wo sie sozusagen natürliche Feinde waren: Schmidt war der einsame, sozial inkompetente Nerd, Jenko der sportliche, beliebte Star seines Jahrgangs. Sie treffen sich wieder bei der Polizeiausbildung und lernen sich schätzen: Ihre Fähigkeiten und Neigungen ergänzen sich perfekt und machen die beiden zu idealen Partnern. Doch als sie bei ihrer ersten Verhaftung vergessen, einem Kriminellen seine Rechte vorzutragen, werden sie strafversetzt: Als Schüler ermitteln sie verdeckt an einer Highschool, an der eine neuartige Droge in Umlauf ist.

Autor Michael Bacall schrieb auch am Drehbuch zu PROJECT X mit, einem Film, dem Kollege Benjamin Hahn kürzlich die "Rekonstruktion des überwunden geglaubten Highschool-Klassendenkens" vorwarf. Hier entwirft Bacall nun eine Welt, in der das Gegenteil der Fall zu sein scheint: Jenkos Versuch, die neuen Mitschüler in Kategorien einzuordnen, stoßen schnell an ihre Grenzen, seine Anstrengungen, schon bei seiner Ankunft möglichst "cool" zu wirken, werden argwöhnisch betrachtet und als er sich aufgrund eines Missverständnisses mit einem schwulen Mitschüler anlegt, reagieren die anderen empört wegen seiner mangelnden Toleranz. Die beliebtesten Schüler spielen Theater und selbst die Nerds begreifen sich eher als einen exklusiven Club Intellektueller denn als Außenseiter. Jenko findet sich nicht zurecht ohne die gewohnten Kategorien und Hierarchien - und hat eine gute Erklärung für diese, seiner Meinung nach, unglückliche Entwicklung: "I blame GLEE!". Für Schmidt dagegen ist das fehlende Schubladendenken eine Befreiung: Er findet schnell Anschluss zu seinen Mitschülern und sieht in Molly (Brie Larson) sogar eine Chance, seinen zweiten Abschlussball nicht alleine verbringen zu müssen - wäre sie nur nicht mit Eric (Dave Franco, der so spielt, wie ich mir eine SATURDAY NIGHT LIVE-Parodie seines Bruders James vorstelle) verbandelt, bei dem Schmidt und Jenko die Quelle der neuen Droge vermuten.

Diese Umkehrung der Rollen ist nur der offensichtlichste und elaborierteste von vielen Seitenhieben, die von der gängigen Praxis, Teenagerrollen mit Mittdreißigern zu besetzen bis hin zur übermäßig hohen Explosions-Gefahr von Autos in Actionfilmen - ein Klischee, aus dem der Film, trotz jahrelanger Parodie bei den SIMPSONS, doch überraschend frische, gelungene Gags herausholt - fast jede erdenkliche Konvention gleich mehrerer Genres aufs Korn. Dementsprechend temporeich, geradezu hyperaktiv wirkt er und man könnte, auch angesichts gelegentlicher Ausbrüche ins Absurde (ein Drogentrip der Protagonisten ist beispielsweise Anlass für eine ausufernde und äußerst alberne Kette von animierten Halluzinationen), durchaus von Überfrachtung sprechen, wenn nicht so gut wie jeder Witz auch tatsächlich zünden würde. Diese schiere Menge an treffsicheren Gags und einprägsamen Momenten erreichen ansonsten nur die besseren Werke von Will Ferrell und Adam McKay.

Das allein ist wohl schon mehr, als die meisten von 21 JUMP STREET erwartet haben. Noch überraschender jedoch ist die Tatsache, dass der Film seine Figuren und ihre Konflikte tatsächlich ernst nimmt. In den wenigen Atempausen bleibt gerade genug Zeit, damit die Protagonisten ihre nie ausgesprochenen Spannungen aus Highschool-Tagen zuerst eskalieren lassen und dann beilegen können sowie Schmidt Gelegenheit hat, dank seiner zaghaften Annäherung an Molly sein Highschool-Trauma und damit seine Unfähigkeit, mit Frauen zu sprechen, überwinden kann. In diesen Momenten ist 21 JUMP STREET dann plötzlich nicht mehr albern und over-the-top, sondern überraschend charmant, liebenswert, ja sogar berührend.

Abgerundet wird der Film von seiner gut aufgelegten Besetzung: Hill war zum letzten Mal in SUPERBAD so lustig, Tatum hält mit dessen Comedy-Talent überraschend mühelos mit und Brie Larson gibt ein bezauberndes love interest (dem hier auch deutlich mehr Eigenleben und Persönlichkeit zugestanden wird als in solchen Actionkomödien gewohnt). In Nebenrollen glänzt mit Ellie Kemper (THE OFFICE), Chris Parnell (30 ROCK) sowie dem erwähnten Nick Offermans die erste Reihe US-amerikanischer TV-Comedy und natürlich darf auch der obligatorische Cameo der Originaldarsteller der Vorlage nicht fehlen - nur ist er hier keine bloße Pflichterfüllung, sondern tatsächlich originell und äußerst komisch umgesetzt.

21 JUMP STREET ist so nicht nur die bisher größte Überraschung des Kinojahres, sondern auch eines der inspiriertesten, eigenständigsten Remakes, die wir je zu sehen bekamen. Dass es in absehbarer Zeit ein lustigerer Film in die Kinos schafft, darf wohl stark bezweifelt werden.











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