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Wenzel Storch hat bisher drei Spielfilme gedreht. Zwischen IM GLANZ DIESER TAGE und REISE INS GLÜCK auch den schönsten Deutschen Film: SOMMER DER LIEBE. Auf dem Land in der Nähe von Hildesheim erfand der ehemalige Ministrant das Kino neu. Wie jemand weitab einer auch nur rudimentär professionellen Filmindustrie derart visionäre Tripfilme drehen kann, bleibt ein Rätsel. Zum DVD-Start von SOMMER DER LIEBE kam Storch zu einer Lesung in den Frankfurter Club Voltaire. Ich hatte etwas Angst vor dem Interview weil die Schauspieler ihn in den DVD-Extras als zeitweise unkommunikativen Gesellen beschreiben. Doch mitnichten. Eine Stunde lang gibt er bescheiden und umfassend Auskunft zu seiner Karriere als Filmemacher. Alle Filme sind unter so unglaublichen Produktionsbedingungen entstanden, dass deren Existenz schon ein Wunder ist. Viel Spaß bei diesem kleinen Ausflug in die surreale und leidenschaftliche Welt von Wenzel Storch.
Das Gespräch.
Wenzel Storch
Ich habe SOMMER DER LIEBE 1994 bei Videodrom in Berlin auf VHS gekauft. Wieso hat das so lange gedauert, bis der Film auf DVD rauskam?
Ich hatte die Veröffentlichung vor 5 Jahren auf meiner Website angekündigt und den Erscheinungstermin dann jedes Jahr verschoben. Aus 2007 wurde 2008, dann 2009 und 2010. Mit fünfjähriger Verspätung ist die DVD endlich rausgekommen. Das hat mehrere Gründe. Wir haben ziemlich viel Making-of Material auf der DVD und da wir finanziell ziemlich schlecht aussahen, hat das Schneiden relativ lange gedauert. Dann ist durch REISE INS GLÜCK ein riesiger Schuldenberg entstanden. Ich hatte lange mit dem Gedanken gespielt, die DVDs selbst rauszubringen. Das hätte ich aber finanziell nicht bewältigen können. Dann ist Cinema Surreal auf den Plan getreten und hat die Veröffentlichung übernommen. 1994 ist SOMMER DER LIEBE bei Jelinski / Buttgereit erschienen. Der war damals ziemlich teuer. Deswegen hat sich damals nur einer eine Original- VHS gekauft und das Geld mit Mehreren geteilt. Das Kaufvideo war maximal zwei Jahre erhältlich. Dann ist Warner Brothers bei Jelinski und Buttgereit mit ihrem großen Kriegsschiff vorgefahren und hat behauptet, die Kassetten würden sich nur deshalb verkaufen, weil diese mit einem Logo versehen waren, das dem der Warner Brothers ähnelt. Es wurde also Etikettenschwindel unterstellt, was total bescheuert war weil man schon blind sein muss, um die Persiflage mit dem Originallogo zu verwechseln. Manfred Jeliniski hat mir damals erzählt, der Streitwert hätte so um eine Million Mark gelegen. Den Beiden blieb nur die Kapitulation und sie haben das gesamte Programm vom Markt genommen. Da waren dann SOMMER DER LIEBE und IM GLANZ DIESER TAGE auch mit betroffen. Manfred Jelinski hat dann die Buttgereit-Filme wieder rausgebracht aber meine Filme gab es dann nur noch als Rarität bei einer Handvoll Leute, die den Film ursprünglich gekauft hatten.
Es gab ja auch nicht sehr viele Filmkopien von SOMMER DER LIEBE, oder?
Ein paar gab es schon. Gedreht wurde er ja auf 8 mm. Ins Kino kam er dann als 16 mm Blow Up und dürfte der meistgezeigte Super 8-Film in Deutschland gewesen sein. Abgesehen von DEUTSCHLAND PRIVAT, der hatte dreimal so viele Zuschauer. Aber der lief ja wegen seines großen Hardcore-Anteils auch in Pornokinos. Das kann man von SOMMER DER LIEBE nicht behaupten. Der hatte 30.000 Zuschauer, was wohl ein echter Super 8-Rekord ist. Das geisterte damals durch die Presse. Diese 16 mm Magnetton-Kopien sind nicht so belastbar und so sind einige während des Verleihzeitraums kaputtgespielt worden. Es gab um die 6 Kopien und von denen sind noch zwei übrig. Und die sind in teilweise traurigem Zustand. Eine ist noch spielbar. Beide werden vom Werkstattkino München gepflegt und gewartet. Wolfgang Biermeier kümmert sich darum, dass nicht völlig verschraddelte Kopien in die Kinos kommen.
Alle Deutschen Medien haben sich damals mit dem Film beschäftigt und das war bei REISE INS GLÜCK genauso. Sogar die Bildzeitung fand Deinen Film damals gut. Und die Verrisse waren richtige Verrisse, was ja auch ganz nett sein kann. Da hätten Deine Filme doch ein viel größeres Publikum finden müssen wenn man jetzt mal vom Super 8-Rekord abseht.
Ja, das ist ein seltsames Phänomen, bei REISE INS GLÜCK noch viel extremer als bei SOMMER DER LIEBE. Beide Filme waren auch im Ausland riesige Kritikererfolge. Hierzulande hat sich das ganze gehobene Feuilleton darauf gestürzt. Es gab teilweise ganzseitige Berichte in der FAZ und der Zeit. Die Besucherzahlen waren dementsprechend scheiße. Ich verstehe es auch nicht. Es fing damit an, dass kein Verleih SOMMER DER LIEBE haben wollte. Das war bei allen Filmen so, die ich gemacht habe. Es lief immer gleich. Der Film war fertig und ich habe ihn bei Festivals eingereicht. Erstmal bei der Berlinale. Ich bin mit allen drei Filmen in allen Sektionen der Berlinale abgelehnt worden. Das kann man als Statement auffassen. Es gibt für Deutsche Filme drei Sektionen: die Deutsche Reihe, das Panorama, das Forum und noch irgendwas. Ich habe immer schön eingereicht und keiner wollte es haben. So fing es immer an. SOMMER DER LIEBE war dann schon ein ziemlicher Festivalerfolg und dann habe ich gedacht, es findet sich mit viel Glück ein Verleih, der den ins Kino bringt. Und da war keine Chance. Ich habe den vielen Verleihern angeboten und bei REISE INS GLÜCK genauso. Die Presseresonanz war riesig. Wenn man einen Spiegel-Artikel hat, sollte man meinen, dass Verleiher zumindest ein Bisschen interessiert währen, aber komplett nichts. Alle haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und mir gesagt, wie scheiße sie den Film fanden. Und wenn man den scheiße findet ist es naheliegend, dass man den nicht verleihen möchte. Das entspricht überhaupt nicht der Kritikerresonanz, aber trotzdem kamen die Filme in der sogenannten professionellen Filmszene überhaupt nicht an. Beim Publikum gab es natürlich gespaltene Reaktionen. Die einen sind dann drei-, viermal hintereinander rein gerannt und andere haben's halt gehasst.
Das ist ja klar, dass Deine Filme polarisieren.
IM GLANZ DIESER TAGE ist wahrscheinlich am wenigsten zugänglich weil es so eine Art Ministranten- oder Messdienerreport ist. Da waren die Besucherzahlen wirklich katastrophal und sind es bis heute. Es gibt ja öfters Retrospektiven von mir und der Film ist wirklich immer am Schlechtesten besucht. Im Kino haben den damals höchstens 5000 Zuschauer gesehen. REISE INS GLÜCK hatte zu dem Zeitpunkt als ich den Verleih dann eingestellt habe so etwa 32.000 Zuschauer. Die Zahlen sind für kleine Verleihe gar nicht schlecht. Die starten ja manchmal Filme, die dann bundesweit 700 Zuschauer sehen. Da sind 30.000 nicht so schlecht aber das steht in keinem Verhältnis zur Presseresonanz und zu dem Potential was meiner Meinung nach da sein müsste. Es gibt natürlich viel mehr Leute, die den Film gut fänden, wenn sie ihn kennen würden. Ich hatte also keinen Verleih und musste mir das ganze Knowhow selber zulegen. Insofern war das beim ersten Film so eine Übungsphase. Dass da so wenige Leute reingegangen sind hatte damit zu tun, dass ich keine Ahnung hatte. Bei SOMMER DER LIEBE war schon ein bisschen Routine drin und ich wusste ungefähr wie das geht. Man ist auf die Programmkinos angewiesen, wenn man als Regisseur seinen eigenen Film verleiht. Im Programmkinoghetto befinden sich zum Glück auch Zuschauer, die sich solche Filme ansehen. Unter den Kinobetreiber gab es dann viele, die den Film gut fanden und so lief der dann auch in 80 bis 100 Städten. Der ist durchs ganze Land getourt und war dann manchmal auch ausverkauft. Allerdings zum Teil in sehr kleinen Kinos.
Ich habe damals eine ziemlich hysterische Kritik von Georg Seeßlen gelesen und hab mir SOMMER DER LIEBE dann im Open Air Kino angesehen, wo die Leinwand weggeweht wurde, was ich im Zusammenhang mit dem Film ganz passend fand. Später lief er dann noch mal regulär im Mal Seh'n Kino, das auch das Open Air veranstaltet hatten. Da war dann aber der Super 8-Projektor kaputt und der Kurzfilm SCHACHT DAS WAR DEIN LEBEN fiel aus.
Ach ja, das war kein offizieller Film sondern eine Auftragsarbeit nach einem Drehbuch von Hartmut El Kurdi und war Bestandteil eines Theaterstücks von El Kurdi. Dafür habe ich den Film gedreht. Der ist halbstündig, stumm und nie veröffentlicht worden und eigentlich während des Theaterstücks von einer Blaskapelle begleitet worden. Den habe ich nur in Frankfurt gezeigt, aber wohl nicht zu dem Zeitpunkt wo Du da warst. Ich rechne den nicht zu meinen offiziellen Filmen. Das sind zwar eine Reihe recht schöner Szenen drin aber auch einige, die sich nur im Kontext des Theaterstücks erklären lassen. Insofern bin ich auch nicht so hinterher, den rauszubringen. 5 Minuten der besten Szenen sind aber im Making-of von REISE INS GLÜCK verwendet worden. Da laufen viele Omas durchs Bild. Am Anfang kickernde Omas in einer Kneipe und dann weiß ich auch nicht mehr. Ich bin aber auch schlecht im Nacherzählen der eigenen Filme.
Du musst jetzt aber noch mal für alle, die SOMMER DER LIEBE noch nicht kennen, sagen worum es da geht.
Ich würde sagen, es ist so eine Art Langhaarigenreport oder Hippie-Exploitationfilm oder Verarschungsfilm. Die Geschichte hangelt sich an einem roten Faden entlang. Jürgen Höhne ist der Hauptdarsteller meiner drei Filme, weswegen die in der Presse als Jürgen Höhne Trilogie bezeichnet werden, was Unsinn ist weil das keine Trilogie ist. Jürgen war LKW-Fahrer und hatte mit Film nichts zu tun. Der spielt Oleander den Klosterschreck, so eine Art Wanderer der sich immer in Klöstern einquartiert. Die Nonnen verlieben sich dann, werden abhängig von ihm und er macht sich dann ein schönes Leben im Kloster. Zur Vorweihnachtszeit backen die Nonnen dann für ihn und er versinkt in einem Berg von Keksen. Dafür repariert er ihnen dann den original Wim Thoelke Kumpelofen. Dann zieht er mit den Nonnen los und begegnet allem, was die Siebziger Jahre in Deutschland ausmachte.
SOMMER DER LIEBE ist ja mein Deutscher Lieblingsfilm, obwohl durchaus auch sehr kommerzielle Filme zu meinen Favoriten gehören. Das Besondere ist, dass der Film eben nicht nur die Siebziger Jahre parodistisch aufarbeitet, sondern ein ganz eigenes Jahrzehnt erschafft, das es so nie gegeben hat. Wenn Du also nur die Siebziger wiederherstellen wolltest, ist das im positiven Sinne ganz schön schief gegangen.
Natürlich wollte ich nicht ernsthaft einen Film über diese Jahre oder eine Verarschung darauf machen. Der Film transportiert eine Sichtweise. Ich finde es immer sehr schwer, über die eigenen Filme zu referieren oder das zu interpretieren. Wenn man dann den Film gemacht hat, schlägt man die Zeitung auf und die Kritiker erklären einem was man gemacht hat. Das ist eigentlich immer sehr schön. Und da SOMMER DER LIEBE sehr ausgiebig besprochen wurde, gab es ein paar Kritiken, die alles sehr schön auf den Punkt gebracht haben.
Im Booklet sagst Du, dass der Film ganz anders geworden sei als Du Dir das gedacht hattest. Ist das, was viele für ein Meisterwerk halten, in Wirklichkeit aus der Not geborener Zufall?
Nee. Man dreht so einen Film ja nicht alleine. Da sind natürlich Einflüsse aller Beteiligten drin. Und dann konnte ich seit meinem ersten Film immer Sachen nicht realisieren, die im Drehbuch standen, für die aber kein Geld da war. IM GLANZ DIESER TAGE sollte eigentlich in so einer Art römisch katholischem Wunderland angesiedelt sein. Es sollte ein katholischer Propagandafilm werden, hinter dem Rücken der Kirche hergestellt. Da geht es um einen älteren Mann, wieder gespielt von Jürgen Höhne, der Priester werden möchte, aber verheiratet ist. Um dem Zölibat zu genügen, versucht er dann seine Frau anzuzünden. Die ist aber schwer entflammbar, was den etwas fragwürdigen Humor des Films repräsentiert. Gott ist aber so gerührt, dass der Priester seine Frau umbringen möchte, dass er ihn um 20 Jahre verjüngt. Dieser verjüngte Priester zieht dann nach Hawaii und erlebt mit seinen Messdienern schöne Abenteuer in einer katholischen Welt. Und während der heiligen Messe schneidet er sich dann im religiösen Rausch seine Hand ab. Das ist aber nicht so schlimm weil er sich aus seinen Handknochen ein Mobile bauen kann. Das ist eine Verbeugung vor den großen Stigmatisierten der katholischen Kirche, vor so Gestalten wie Resl von Konnersreuth. Zum Schluss kehrt er dann zurück zu seiner Frau. Dieses Happy End macht den Film dann auch noch zu einer Propaganda für die Institution der Ehe. Im Drehbuch für den Film standen lauter Sachen, die nicht zu realisieren waren. Das Budget war damals 37.500 Mark. Für einen abendfüllenden Ausstattungsfilm ist das katastrophal. Dann haben wir erstmal alle großen Kulissen entweder aus dem Drehbuch entfernt oder zur Trickszene umgeschrieben. Deshalb die vielen Trickszenen. Ich finde Stop-Motion zwar ganz schön, aber so ein großer Trickfilmfan bin ich gar nicht. Das waren hauptsächlich Notlösungen. Dadurch haben wir jetzt Animationsszenen, die es so im Deutschen Film bisher noch nicht gab. Zum Beispiel die Sextherapie im Hühnerstall. Die Sexszene mit den Käfern in SOMMER DER LIEBE habe ich mit einer Super 8-Kamera gedreht. In der Gebrauchsanweisung stand, dass man die Kamera so und so nicht einstellen darf weil das beschissen aussähe. Und das sah dann aber total gut aus. In einem Film, der SOMMER DER LIEBE heißt, müssen natürlich auch Sommer und Liebe vorkommen. Das habe ich dann im Vorbeigehen gedreht.
Du liebst also Ausstattungsfilme aber hattest kein Geld.
Ich hatte keine Lust, Filme über die Realität zu drehen. Die Realität habe ich ja, wenn ich aus dem Fenster schaue. Die muss nicht noch verdoppelt werden. So ist man dann ganz schnell beim Ausstattungsfilm. Bei SOMMER DER LIEBE wollte ich so ein bescheuertes Hippiewunderland aus Sperrmüllelementen zusammenbasteln. In Hildesheim gibt es einen Sperrmüllplan, da stehen immer so zwei bis drei Dörfer drauf. Wir haben monatelang alles eingesackt, was brauchbar aussah. Und aus diesem ganzen Quatsch haben wir dann die Kulissen zusammengebaut.
Du hast auch Jugendmagazine geopfert?
Nee, nicht geopfert. Mit 14 oder 15 habe ich so Postermagazine wie Pop und Pop Foto gelesen. Das waren Hefte mit Postern von ganz vielen langhaarigen Männern. Ich hab die aber gar nicht gehortet, sondern auf Flohmärkten danach gesucht. Per Zufall bin ich dann auf einen gestoßen, der behauptet hat, er hätte den ganzen Keller voll mit diesem Zeug. Wir sind dann zu dem Typen hin, und der hatte tatsächlich Abertausende dieser Poster im Keller. Ich habe dem dann für ein paar Hundert Mark Hunderte von Postern abgekauft. Da waren auch Poster dabei, die ich für den Film nicht opfern wollte. Den Großteil der Poster kannte ich aus meiner Jugend und das geht auch vielen Leuten so, die den Film gesehen haben.
Wie bist Du an Hans Paetsch gekommen?
Das war die Traumbesetzung! Jeder, der in den sechziger Jahren aufgewachsen ist, kennt die Europa Hörspielplatten mit seiner Stimme. Er ist der Deutsche Märchenerzähler. Und ein Erzähler war wichtig weil man die Handlung sonst gar nicht begreift. Dieser rote Faden musste die Szenen erstmal in einen Kontext stellen. Ich hatte seine Nummer irgendwo her und habe angerufen. Er war nicht da aber sein Anrufbeantworter war schon wie eine Märchenplatte. Er sagte so was wie: "Leider bin ich gerade aushäusig." Ich habe dann drei- bis viermal angerufen und auf den Anrufbeantworter gesprochen. Dabei habe ich Bier getrunken und wurde dann von mal zu Mal betrunkener. Als ich ihn dann erreicht hatte, war ich breit und habe ihm das Projekt ziemlich umständlich geschildert. Da hat er dann zugesagt, für etwa 200 Mark! Wir hatten ja auch kein Geld für ein Studio und sind dann mit unserem Cutter und Filmkomponisten Iko Schütte zu Hans Paetsch nach Hause in ein Dorf bei Hamburg gefahren und haben das dann in seinem Arbeitszimmer mit einem alten Kassettenrekorder aufgenommen. Vorher haben wir ihm eine unscharfe Arbeitskopie des Films gezeigt weil wir nicht wollten, dass er sich nachher ärgert weil im Film ja doch relativ viel Blut fließt. Wir haben ihm die Szene gezeigt, in der Oleander die Füße abgesägt werden. Wir saßen bei ihm im Wohnzimmer. Paetsch hat sich totgelacht und seine Frau saß ein Stück weiter hinten, hat sich die Augen zugehalten und immer "Ohgottogott, Hans!" gerufen. Hans Paetsch passte dermaßen gut zu dem Film, dass wir nach Anhören der Aufnahmen noch mal mit neuen Texten zu ihm hin sind. Ich weiß gar nicht, ob er sich den fertigen Film angesehen hat.
Die Stimme macht soviel aus. Sie suggeriert, dass man in diesem Film gut aufgehoben ist.
Das berührt genau die Frage, wie so was entsteht. Wir hatten zwar die Idee, Hans Paetsch als Erzähler zu bekommen. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass er das auch macht ohne Geld. Als wir den Termin hatten, gab es noch gar keine Erzählertexte. Die habe ich dann mit Frank Peters in einer Nacht geschrieben. Frank spielt den angemalten Schwarzen mit dem umgebundenen Rettich und der Lakritzgeige. Die Szene hat dann auch einigen Ärger wegen Rassismus und Sexismus ausgelöst. Wir hatten ein paar Platten mit Paetsch und zwar gar nicht mal die Besten. Eine mit orientalischen Märchen, ich glaube es war "Der kleine Muck" und eine Winnetou-Schallplatte. Um uns zwischendurch immer wieder anzutörnen und in seinen Tonfall und Klang reinzukommen, haben wir dann die Paetsch-Platten aufgelegt. Dass wir ihm die Texte auf den Leib schrieben, hat er auch gleich gemerkt. Ohne eine Ahnung was auf ihn zukam, hat er sich dann die Ausschnitte angesehen und wortlos den Zettel mit den Texten durchgelesen. An zwei Stellen musste er dann total lachen. Die Stelle mit den Vaginalzäpfchen und wo der Sextherapeut ein Schüler des großen Werner Höfer ist. Da geriet er in beste Laune und es war klar, dass das gut werden würde.
Den Ton für die Lakritzgeige hat Dein Vater eingespielt.
Mein Vater hat Hausmusik produziert. Das fand ich als Kind schon ganz grausam. Stundenlang musste da rumgeflötet werden. Er war auch so ein Schifferklavier-Enthusiast, der gerne stundenlang Volks- und Weihnachtslieder in der Küche zum Besten gegeben hat. Ich habe von meinem Großvater eine Geige geschenkt bekommen und sollte Unterricht nehmen. Ich bin total froh, dass ich da rumgekommen bin. Mein Vater hat die Geige einkassiert und an Weihnachten drauf gespielt. Er kann wirklich nicht besser spielen als im Film und das ist ja ein ziemliches Gequietsche. Wir haben alle Szenen stumm gedreht und nachsynchronisiert. Bei der Lakritzgeige wussten wir dann nicht, wie wir dass vertonen sollten. Da ist mir mein Vater eingefallen. Ich bin dann unter einem Vorwand zu ihm hin und habe gefragt, ob er mir mal was auf eine Kassette geigt. Ohne Verdacht zu schöpfen hat er mir dann eine Stunde lang alles was er an Kirchen- und Weihnachtsliedern kannte, auswendig vorgegeigt. Ihm sind dabei mehrfach die Saiten gerissen. Das war wirklich sensationell. Iko der Cutter hat das dann noch komplett verschnitten. Da sind ja mehrere Volks- und Wanderlieder zu hören. Und ein Schlenker aus La Paloma ist auch mit drin. Die Kassette habe ich neulich wieder mal in die Finger gekriegt.
Was hat er später zu der Zweckentfremdung gesagt?
Mein Vater ist ja sehr streng katholisch. Ich bin insofern froh, dass er IM GLANZ DIESER TAGE nicht gesehen hat. SOMMER DER LIEBE hat er einmal gesehen und dann den Kontakt zu mir abgebrochen. Er war komplett geschockt, was ich für eine übertriebene Reaktion gehalten habe. Es kann natürlich sein, dass er sein eigenes Gegeige wiedererkannt hat.
Ihr habt interessante Töne benutzt. Der Motor des Jaguars ist ein Rasenmäher, oder?
Das war der Nachbar. Da haben wir das Mikro aus dem Fenster gehängt.
Kommt IM GLANZ DIESER TAGE auch noch auf DVD raus?
Angepeilt ist Herbst. Wenn es sich wieder sehr verzögert, wird es Januar. (Erscheint 2012! Termin noch offen! Anm. d. Redaktion) Da wird auch wieder sehr umfangreiches Bonusmaterial drauf sein. Auch viele nicht verwendete Trickszenen, die wir nachdem wir die Idee hatten, immer gleich gedreht haben und die Entscheidung wie das in den Film passt, erstmal vertagt haben. Beim Schnitt war dann vieles an sich zwar gut, machte aber im Kontext keinen Sinn. Die Produktionsgeschichte ist ja oft genauso gut wie die einzelnen Szenen. Ich war damals für ein Jahr Vegetarier. Da ekelt man sich ja erstmal vor Wurst und Fleisch. Ich wollte eine Szene drehen, die in einer Wurstwelt spielt. Wir haben dann 100 Mark in der Fleischerabteilung von Horten liegenlassen und haben alles was eklig aussah, eingesammelt. Wir haben dann ein Wursthaus mit Dachrinnen aus Gehirn gebaut. Die Basis war eine Matratze, die wir mit Schmalz grundiert haben, damit die Wurst hält. Da kamen dann Mettberge dazu. Die Fensterscheiben waren aus Sülze mit Teelicht dahinter. Das sah ganz gut aus aber wir hatten keine Handlung. Wir dachten, die käme schon, wenn das Haus fertig wäre. Es gab aber gar keine Figuren dafür. Wir haben das einmal mit der Kamera abgeschwenkt und dann weggeschmissen. In dem Stil ist damals relativ viel gelaufen.
Ich brauchte mal für einen Kurzfilm Skulpturen d.h. Bauwerke aus Hackfleisch. Um zur Herstellung des Weißen Hauses Geld zu sparen, haben wir eine dünne Schicht Hackfleisch auf die Vorderseite eines Kartons aufgezogen, von denen man dann nur die Vorderseite gesehen hat. Die Schicht ist dann aber immer abgefallen.
So ist das ja immer bei Tricksachen, wenn man das mit billigsten Mitteln improvisiert. Unsere Kulissen waren immer kaputtgefilmt. Wenn wir Glück hatten, hielten die bis zum Ende der Einstellungen. Manchmal auch nicht. Oft sah das so scheiße aus, dass man das keinem zeigen konnte. Das macht dann aber oft auch den Charme aus. Im Nachhinein ist man dann meist wieder froh, dass alles so gelaufen ist.
Gibt es neue Projekte?
Die Produktion von REISE INS GLÜCK hat so lange gedauert. Irgendwann war das Geld komplett alle und es standen auf 1000 Quadratmetern meterhohe Kulissen am Hildesheimer Hafen rum und es ging nicht weiter. Katastrophal war, dass sich deshalb die Produktion über 10 Jahre gezogen hat. Danach hatte ich komplett die Nase voll und habe mit Film fast gar nichts gemacht. Nur ein Musikvideo für Bela B und die Dokus für die DVDs. Die haben eine Laufzeit von 6 bis 7 Stunden, was auch echt viel ist und 2 Jahre Produktionszeit gedauert hat. Einige der Dokus laufen auch mal im Kino. Da habe ich alle Reste zusammengekehrt und reingepackt. Für IM GLANZ DIESER TAGE ist die Doku schon fertig geschnitten. Es fehlt nur noch die Erzählerstimme von Rocko Schamoni.
ROLLO ALLER von Hendrik Peschel müsste eigentlich auch mal auf DVD rauskommen.
Der müsste ROLLO ALLER 3 mal fertig stellen. Gedreht ist er ja schon, er müsste nur noch geschnitten werden. Hendrik hat mich überholt. REISE INS GLÜCK hat 10 Jahre gedauert und ROLLO ALLER 3 mittlerweile 12 Jahre.
Mit DER BULLDOZER GOTTES hast Du ja auch ein Buch geschrieben.
Das versammelt alle Kolumnen, die ich für Konkret geschrieben habe. Dann habe ich meine Schränke durchwühlt und noch Zeichnungen reingepackt. Wahrscheinlich werden auch noch die Soundtracks meiner Filme bei Staatsakt auf CD veröffentlicht.
Der Trickfilmer Bill Plympton hat mir mal nahegelegt, jeden Künstler zu fragen, warum er Kunst macht. Das wäre die wichtigste Interviewfrage. Er selbst will das Publikum im Kino lachen hören.
Mit dem habe ich mich auch mal unterhalten aber noch keinen Film gesehen. Mit dem Begriff Künstler habe ich schon mal ein Problem. Ich weiß nicht, warum ich das mache. Man setzt sich ja nicht zu Hause hin und der Film ist dann das Ergebnis der Überlegung. Ich kann das gar nicht immer genau rekonstruieren aber es entsteht eine Idee und dann genug Energie und dann strömen noch die Leute zusammen, die das dann machen. Ich arbeite ja sehr ungern insofern macht mir das gar keine besondere Freude, Filme zu machen. Selbst billig und mit einfachen Mitteln ist Filmemachen eine riesige Schinderei und man weiß ja auch nie was dabei rauskommt. Texte schreiben finde ich auch nicht so toll. Das ist eine sehr einsame Tätigkeit. Ich weiß nicht, warum ich das alles mache. Vielleicht einfach nur weil man sich mit Sachen beschäftigt, die in einem rumspuken. Es ist ja auch nicht so, dass man auf seine Filme schaut und die dann so richtig geil findet. Ich hab den ja nicht alleine gedreht und ich sehe dann auch die Schwächen. Man verbringt gerade mit Ausstattungsfilmen eine unglaublich lange Zeit seines Lebens. Alles wiederholt sich dabei so oft, dass man den Film dann in- und auswendig kennt. Das dauert immer Jahre, bis ich mir meine Filme mit Abstand wieder ansehen kann. Bei der Premiere oder auf Festivals ist es dann am Anfang noch total interessant zu sehen, wie der Film funktioniert. Irgendwann weiß man das dann und die Reaktionen des Publikums sind dann nicht mehr so interessant.
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