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GESPRÄCHE

Hasko Baumann im Gespräch mit Paul Schrader

Als streng calvininistisch erzogener Junge durfte Paul Schrader erst mit 18 Jahren seinen ersten Film im Kino sehen. Seine Idole hießen fortan Bresson, Ozu und Dreyer – nicht unbedingt die naheliegendsten Namen in der damaligen Zeit. Als Protégé von Pauline Kael schrieb Schrader Aufsätze, Kritiken und Bücher über das Kino, bis er für eine Rekordsumme sein Drehbuch YAKUZA verkaufen konnte. Mit der Vorlage für Scorseses TAXI DRIVER kam der endgültige Durchbruch. Seither ist Schrader als Drehbuchautor (SCHWARZER ENGEL, WIE EIN WILDER STIER oder der Kultknaller DER MANN MIT DER STAHLKRALLE) und als Regisseur (HARDCORE - EIN VATER SIEHT ROT, EIN MANN FÜR GEWISSE STUNDEN. DER GEJAGTE) eine feste Größe als einer von Hollywoods konsequentesten Außenseitern.

Paul Schrader ist zur Berlinale gekommen, um seinen neuen Film EIN LEBEN FÜR EIN LEBEN - ADAM RESURRECTED vorzustellen. Es ist eine mit makabrem Humor erzählte Romanverfilmung über das Holocaust-Trauma des Juden Adam, der im KZ wie ein Hund gehalten wurde und erst 15 Jahre später beginnt, die Erinnerungen zu verarbeiten. Beim Gespräch zeigt sich Schrader müde, aber gleichermaßen aufgeräumt.

Das Gespräch.

Konnten Sie schon eine andere Art der Wahrnehmung Ihres neuen Films in Deutschland feststellen?
    Ja. Die Reaktionen sind hier stärker und vor allem besser als in den USA. Keine Ahnung, wieso.

Paul Schrader
Paul Schrader am Set von EIN LEBEN FÜR EIN LEBEN - ADAM RESURRECTED

Ich habe gelesen, daß Sie für das Projekt ausgewählt wurden, weil sie als furchtlos gelten.
    Das Drehbuch wurde den üblichen Verdächtigen geschickt, einigen jüdischen amerikanischen Regisseuren. Und keiner wollte es haben, sie meinten alle, das könne man nicht umsetzen. Ich wurde angefragt, weil ich dafür bekannt bin, Projekte anzunehmen, die andere für zu schwierig halten. Also war es wohl so.

Sie haben in den 60er Jahren eine Filmkritik zu DIE VERGESSENEN geschrieben. Sie bezeichneten Luis Buñuel darin als Abtrünnigen, weil er sich weder dem Starsystem noch dem Zwang zum Happy Ending unterwirft. Könnte das nicht auch eine Beschreibung sein, die auf Sie zutrifft?
    Ich bin schon etwas rebellisch, aber das sind die meisten Künstler. Ich langweile mich nur einfach sehr schnell. Und die meisten Filme langweilen mich. Ich gehe ins Kino und frage mich: Wie konnten diese Leute bei den Dreharbeiten wach bleiben? Das sieht aus wie jeder andere Film auch. Also mache ich viele abseitige und schwierige Sachen eigentlich nur, weil sie nicht langweilig sind. Weil sie mich wach halten. Ich betrachte das als Herausforderung. Aber wissen Sie, das hat auch seine Schattenseiten. Die Leute wollen im Kino genau das sehen, was sie schon das letzte Mal gesehen haben. Wenn man also Sachen macht, über die sich die Leute aufregen oder die sie anstrengen, muß man dafür einen Preis zahlen.

Es muß schwer für sie gewesen sein, diesen Film zu machen, nach allem, was mit DOMINION: EXORZIST - DER ANFANG DES BÖSEN passiert ist...
    Ich habe nach DOMINION noch THE WALKER gemacht. Man muß sowas einfach abschütteln und weitermachen. Was soll man sonst tun?

Als Sie mit THE WALKER bei der Berlinale 2007 waren, fungierten Sie auch als Vorsitzender der Jury. 1987 waren Sie bereits Mitglied der Jury und haben danach sogar ein Theaterstück über die Berlinale geschrieben. Können Sie Ihr Verhältnis zu diesem Festival beschreiben?
    Als ich das erste Mal her kam, war ich Teil einer der letzten Jurys des kalten Krieges. Das war unheimlich faszinierend. Es gab die Ostblock-Sektion und den westlichen Teil, und das Juryzimmer war voller Spannungen. Man konnte den Osten über die Mauer hinweg förmlich riechen. Das war eine aufregende Zeit und meine erste Erfahrung mit Deutschland. Ich besuchte danach Klaus Maria Brandauer, der damals der Jury vorstand, in Wien und reiste mit ihm durch den damaligen Ostblock.
Wenn man Berlin zum ersten Mal während der Teilung erlebt hat und dann nach dem Mauerfall wiederkommt, begreift man erst, wie unglaublich groß diese Stadt ist. Sie ist einfach gewaltig. Man braucht ewig, um sie zu durchqueren.

Paul Schrader
Paul Schrader am Set von EIN LEBEN FÜR EIN LEBEN - ADAM RESURRECTED

Jetzt sind Sie hier und geben ein Interview nach dem anderen, dann müssen Sie zu Empfängen und Premieren, und zu Parties will man sie auch noch schleppen. Können Sie dem ganzen Trubel noch so etwas wie Spaß abgewinnen?
    Naja… (zögert lang) Man steckt so viel Arbeit, so viel von einem selbst in einen Film. Über Jahre. Und man wird so verletzlich dabei. Also baut man einen Schutzwall auf, damit einem niemand weh tun kann. Menschen sagen einem schlimme Dinge direkt ins Gesicht. Schreckliche Dinge können passieren. Und man fühlt es nicht mal, weil man diesen Schutzschild vor sich trägt. Das hilft, um zu überleben. Nur, leider hält das auch die guten Dinge von einem fern. Man hat kein Gefühl für das Lob, hat keinen Spaß an der ganzen Erfahrung. Weil man eine so starke Barriere aufgebaut hat, um nicht verletzt zu werden, empfindet man auch keine Freude mehr.

In Ihren Filmen gibt es eine wiederkehrende Figur, die Sie den "Einzelgänger" oder den "Spanner" nennen. Oft haben Sie im Zentrum des Films einen von Zweifeln geplagten Mann. Jeff Goldblum in EIN LEBEN FÜR EIN LEBEN - ADAM RESURRECTED ist da nicht anders.
    Er ist in jeder Szene, er ist voller Widersprüche, er hat verschiedene Persönlichkeiten. Er erzählt Ihnen die Geschichte, obwohl er selbst nicht weiß, was ihre Essenz ist. Das ist alles durchaus Teil eines Territoriums, das ich schon oft besucht habe.

In einem Artikel aus dem Jahr 1993 haben Sie geschrieben, daß Film antiquiert ist und sich ändern muß. Wie beurteilen Sie den Status Quo, jetzt da es all diese Veränderungen gegeben hat?
    Ich habe in 1993 einige Dinge vorausgesehen, aber es kommt noch viel mehr auf uns zu. Das Kino, wie wir es kennen, ist eine Idee des 20. Jahrhunderts. Die Projektion vor Publikum in einem dunklen Raum– das verändert sich. Die Zukunft der Audiovisualität, von Telefonen bis zu Videospielen, wird gerade jetzt entwickelt. Wir wissen nicht genau, was aus Filmen werden soll. Wir wissen nicht, welchen Platz das Kino einnehmen wird. Es ist nur sicher, daß wir zu viele Filmtheater haben. Viele werden eingehen, genau wie die Plattenläden eingegangen sind. Wir wissen nicht, wie sich Menschen in der Zukunft Filme ansehen werden. Es ist eine sehr interessante Zeit. Als ich im Filmgeschäft anfing, gab es auch gerade eine Krise. Aber es war eine inhaltliche Krise. Worum soll es in Filmen gehen, was für Figuren sollen wir zeigen? Das war Ende der 60er. Jetzt haben wir eine formale Krise. Was sind Filme? Glauben Sie mir, eine inhaltliche Krise ist weitaus interessanter! (lacht)

Ist deshalb auch die Qualität amerikanischer Fernsehserien so gestiegen?
    Nun ja, mit der Finanzkrise bricht auch die Welt der Independent-Filme in sich zusammen. Daher fühlen sich die talentierten Autoren vom Fernsehen angezogen.

Paul Schrader
Paul Schrader am Set von EIN LEBEN FÜR EIN LEBEN - ADAM RESURRECTED

Sie haben 1996 ja auch einen vielbeachteten Artikel in der Zeitschrift "Film Comment" geschrieben, in dem Sie einen neu zu gestaltenden Kanon anregen, nach dem die Qualität eines Films zu bewerten sein soll. Muß sich dieser Kanon nicht auch wieder ändern angesichts der Tatsache, daß sich Produktion, Machart und schlichtweg die Ästhetik von Filmen im Zuge der digitalen Revolution stark verändert hat?
    Ja. Wenn wir herausgefunden haben, wie die Veränderung aussieht. Wie sieht man sich einen Film an? In kleinen 3 Minuten-Häppchen? Sieht man ihn sich alleine an? Interagiert man mit dem Film? Wir wissen es nicht.
Die größte Bedrohung für die Filmindustrie ist die Frage: Wie holt man das Geld rein? Wir wußten, wie man Geld an den Kinokassen macht. Wir haben keine Ahnung, wie das im Internet funktionieren soll. Der gigantische Eisberg vor uns ist derselbe Eisberg, den die Musikindustrie vor 3 Jahren gerammt hat. Die Musikindustrie hat versucht, den Eisberg zu zerstören. Sie haben versagt. Sie rammten ihn und soffen ab. Wir versuchen, mit dem Eisberg zu verhandeln. Aber ich glaube, wir werden ihn auch rammen. Und auch untergehen.
Die Musikindustrie könnte es überleben, denn Musik herzustellen ist nicht besonders teuer. Man kann sie im Wohnzimmer aufnehmen und am Computer abmischen, und dann im Internet vertreiben. Filme kosten viel Geld. Und wenn wir keinen Gewinn mehr reinholen können, wenn der nächste "Batman" von 100 Millionen Menschen gesehen wird und wegen der Piraterie trotzdem Geld verliert – dann setzt die Panik ein. Und jeder, der Geld hat, wird da raus wollen. Wenn Du Geld hast und da raus willst, mußt Du Dir wahrscheinlich den Weg freikämpfen, weil jeder andere da raus will!

Stellt sich die Frage nach Geld mit einem Film wie EIN LEBEN FÜR EIN LEBEN - ADAM RESURRECTED? Kümmert Ihre Produzenten wirklich, was an der Kinokasse passiert?
    Es kümmert sie. Aber wenn es sie wirklich kümmern würde, hätten sie den Film nicht finanziert. Wenn es nur um Geld ginge, hätten sie ihn nicht gemacht. Ich habe einen israelischen Produzenten und einen deutschen Produzenten, die den Film als persönliches Anliegen sehen. Natürlich ist Geld ein wichtiger Aspekt. Aber wenn Geld der einzige Aspekt wäre, würde es diesen Film nicht geben.




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