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"Filme schauen ist immer ein Kampf gegen die Realität" - Kiyoshi Kurosawa
von Claudia Siefen

Der japanische Regisseur Kiyoshi Kurosawa zu seinem aktuellen Film RETRIBUTION und dem ihn immer noch belustigenden kontinuierlich gepflegten Missverständnis, er mache Gruselfilme.

Detective Yoshioka (Kóji Yakusho) hat es nicht leicht: der Job zermürbt nach und nach das gewohnt präzise Urteilsvermögen; die junge Lebensgefährtin erweist sich in emotionalen Krisen seinerseits als wahrer Kühlschrank und in all dem , was man vorsichtig als verspätete "midlife-crisis" des 52jährigen Beamten bezeichnen könnte, gilt es nun, einen Mord aufzuklären.

"Dieser Film ist eigentlich eine Liebesgeschichte: eine Beziehung geht zu Ende und wir dürfen dabei zuschauen, wie ein Mann nicht in der Lage ist, loszulassen, wie er sich seine Schwachheiten zurecht redet. Dass er es ja eigentlich ist, der von allem und jedem gejagt wird. Ganz besonders von seinen Erinnerungen." Kurosawa sitzt, in brauner Cordhose und cremefarbenem Hemd, im Büro des kleinen Kinos "PlanetStudyo+1" in Osaka neben einem übervollen Aschenbecher und wartet darauf, dass um 20:00 Uhr die lange "Kurosawa-Nacht" beginnt. Er grinst: "Ich bin jetzt über 50 Jahre alt und die Leute fragen immer noch, ob ich mit Akira Kurosawa verwandt bin. Nein, ich bin "nur" ich!"


Kiyoshi Kurosawa Kiyoshi Kurosawa Kiyoshi Kurosawa Kiyoshi Kurosawa

Es gibt einen kurzen irritierten Blick auf den Aschenbecher: "Ich rauche ja schon ewig nicht mehr, aber so was stört mich auch nicht besonders. Irgendwie rauchen alle in der Branche zu viel, muß man sich darüber Gedanken machen?" Er lacht kurz und schiebt den Ascher dann doch ein wenig zur Seite. "Aber dafür trinke ich zu viel Kaffee, das ist nun auch überhaupt nicht gesund, aber so ist es nun mal." Er schaut hin und wieder auf die sich öffnende Bürotür, grüßt immer wieder freundlich und lächelt auch mal wohlwollend, wenn ihn dann doch ein junger Besucher erkannt hat und sich verlegen einige Male verbeugt: "Mittlerweile bin ich wohl doch zu alt, die jungen Leute werden immer ganz nervös, wenn sie mich sehen, aber ich finde das auch ganz nett. Nur: es gibt doch überhaupt keinen Grund nervös zu sein, oder?" Er lacht und läßt sich von der Filmvorführerin noch einen Kaffee eingießen: "Kalt mag ich ihn lieber...".

Der etwa 40 Plätze umfassende kleine Saal ist voll, es wurden noch ein paar Stühle heran geholt und der eigentliche Ansturm wird um 23:00 Uhr erwartet, wenn Kurosawa im großen Ausstellungsraum zur Diskussion einlädt. Dann um 3:00 morgens das Publikumsgespräch im Café, durchweg junge Leute, die Karten hierzu sind ebenfalls ausverkauft und Kurosawa macht sich auf eine lange Nacht gefasst. Draußen regnet es. "Es ist ganz schön, daß so viele gekommen sind, aber manchmal macht mich das ganz verlegen. Die schauen mich alle so an, erwarten so viel von mir, daß ich ihnen alle meine Filme erkläre, ich weiß auch nicht so genau. Außerdem kann ich da auch nicht so viel erklären. Ich mache meine Filme einfach, aber dann noch viel dazu erzählen, das ist manchmal sehr schwierig."

Er trinkt weiter Kaffee, während im Kinosaal der erste Film läuft, der schnurrende Projektor, die flirrenden Lichter und er lächelt: "Ich mag es immer sehr gerne, bei der Projektion hinten zu verschwinden, aber im Moment habe ich Hunger."

"Die Zusammenarbeit mit Koji Yakusho ergibt sich mittlerweile wie von selbst. Ich glaube nicht, dass es da eine bestimmte Magie gibt, da wird gerne immer so viel hinein interpretiert. Wir verstehen uns gut und wissen, was wir in unserer Arbeit voneinander haben. Außerdem interessieren mich immer Menschen, die in meinem Alter sind, ich glaube da an einen zeitgleichen Ort, an ein gleiches Gespür für Dinge und Erlebnisse. Gut erklären kann ich das immer mit Lars von Trier, ich mag seine Filme vor allem aus dem Grunde, dass wir gleich alt sind, wir haben zeitlich den gleichen Hintergrund. Ich mag die Geschichten, die er erzählt, nur mit seinen "Enden" kann ich nicht viel anfangen. Ich werde da immer richtig wütend." Der 1955 in Kobe geborene Regisseur stützt sich auf die Tischplatte: "Deshalb hatte ich anfangs auch ein wenig Schwierigkeiten, Filmstudenten zu unterrichten. Sich da auf einen Austausch einzulassen fällt mir umso schwerer, denn logischerweise sind die Studenten meist viel jünger als ich. Ich verstehe auch oft die Geschichten nicht mehr, die sie erzählen wollen. Die Vorbilder sind andere geworden, ich habe in meiner Jugend all die alten Klassiker gesehen, ich liebe Fuller und Hitchcock, Peckingpah, und bin jedes mal erschrocken, dass die jungen Leute nicht mehr wissen, wer das ist. Also schicke ich sie alle immer zuerst in die Videothek!" Ansonsten muss man schon mit der Zeit gehen, was für Kurosawa in erster Linie heißt, auf all die technischen Formate und Möglichkeiten eingehen zu können und damit einher, sich mit ihnen vertraut zu machen. "DVDs und das Fernsehen machen mir keine Angst, und sie diktieren mir auch nicht meinen Arbeitsstil. Ich arbeite immer nur für die große Leinwand, für ein Publikum, das ca. 2 Stunden im Dunkeln auf einen Fleck sitzt. Dort muss der Film funktionieren, alles andere ist mir egal und ich habe auch nicht die Befürchtung, dass alle anderen Möglichkeiten mir meine Geschichte verunstalten. Ein Film ist eh fertig, wenn er gedreht ist. Wenn ich da im Schneideraum erst einmal anschaue, was ich eigentlich sagen wollte und ob mir das gelungen ist, da würde ich mich selbst verunsichern und mit Sicherheit auch alle anderen."


Kiyoshi Kurosawa Kiyoshi Kurosawa Kiyoshi Kurosawa Kiyoshi Kurosawa

Das Genre des Gruselfilmes, so muss er mittlerweile immer wiederholen, habe er nun endgültig hinter sich gelassen. "Mit Gruselfilmen hatte ich nie etwas zu tun. Meine Filme handeln von Urängsten, hier und da kommen Geister darin vor und meine Figuren stehen große Ängste aus, aber habe ich deshalb Gruselfilme gemacht? Nein." Auch RETRIBUTION ist kein Gruselfilm. In der 5wöchigen Drehzeit bemühte er sich um einen Inszenierungsstil gleich dem japanischen "kabuki", jener dramatischen Bühnenform aus dem 16. Jahrhundert, einer Mischung aus Gesang und Tanz in dessen Stücken die Frauenrollen immer noch traditionell von stark geschminkten Männern übernommen werden und das Bühnenbild besonders dadurch auffällt, dass ein Steg direkt in das Publikum hineinführt. In diese Strenge hinein sorgen in RETRIBUTION vor allem die Szenen beim Psychiater für die nötige Auflockerung, dass das Leben wohl ernsthaft ist, es aber immer Zeiten geben sollte, in denen man sich außerhalb seines eigenen Dramas betrachtet, möglichst, um hinterher zu schmunzeln. Es geht um den richtigen, den einzigen Moment und wie Kurosawa als Regieassistent bei Shinji Sómai ("Ah, haru") gelernt habe, sind die ersten drei oder vier Takes die besten, danach kommt nichts mehr, da muss man sich gedulden, und besonders gut wird es dann wieder ab dem 100. Take, aber "so lange kann ich nicht warten, dabei geht zu viel Geld verloren." Außerdem müsse man sich nur im Klaren darüber sein, dass man letztlich eh nur das zu filmen vermag, was sichtbar ist: "Man braucht immer Aktion, man kann keine "Liebe" sichtbar machen, keinen "Hass", kein "Glück" oder "Kopfschmerz. Zu allem gibt es eine Entsprechung in der Aktion, diese muss man nur finden und dann auch filmen, eigentlich sehr einfach. Dieses "Finden in der Aktion" stammt von Kurosawas heimlichen Helden, dem Filmkritiker und Theoretiker Shigehiko Hasumi. Aber Vorsicht, mit den Helden ist das meist so eine ganz einfache Sache. Auch hier: "Seine Texte sind mir immer noch wichtig, aber damals als Student war die Person Hasumi weitaus bedeutender für mich, ich fand ihn einfach unglaublich lässig und unterhaltsam, wie er über Film sprach und ich dachte mir immer, dass ich auch einmal so sein wolle!"

Dank an Ai Kurokawa (Übersetzung) und Kunihiko Tomioka (Planet Studyo Plus One)

Filmographie.

2006
Retribution
2005
Loft
Kazuo Umezu's Horror Theater: Bug's House
2004
Ghost Cop
2003
Doppelganger
Bright Future
2001
Pulse
2000
Seance
1999
Barren Illusions
Charisma
1998
License To Live
Gakkô No Kaidan G
Serpent's Path
Eyes Of The Spider
1997
Cure
Gakkô No Kaidan F
The Revenge: A Scar That Never Disappears
1996
Suit Yourself Or Shoot Yourself: The Hero
Suit Yourself or Shoot Yourself: The Nouveau Riche
Door 3
Katte Ni shiyagare!! Gyakuten Keikaku
Suit Yourself Or Shoot Yourself: The Loot
1992
The Guard From The Underground
1989
Abunai Hanashi Mugen Monogatari
Sweet Home
1985
The Excitement Of The Do-Re-Mi-Fa Girl
1983
Kandagawa Wars
1982
Tôsô Zen'ya
1980
Shiaragi Gakuen
1977
Shiroi Hada Ni Kurû Kiba
1975
Bôryoku Kyôshi: Hakushû Dai Satsuriku



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