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UNENDLICHE TIEFEN

Special.
X-MEN Cartoonserie 1992 ff.
von Stefan Mader

X-MEN Cartoonserie 1992 ff. Special

Sie sind vermutlich das bestbekannte Superheldenteam der Welt: die X-Men. Dabei waren die ursprünglich mit einer sehr überschaubaren Zahl an Helden (Cyclops, Marvel Girl, Iceman, Beast, Angel) gestarteten Comics während der ersten zehn Jahre gar nicht mal übermäßig populär, sondern wurden erst ab einem Relaunch Mitte der 70er langsam aber sicher immer beliebter und mauserten sich letztlich zur meistverkauften amerikanischen Comicserie der 80er und 90er Jahre. In unseren Breiten fristeten die X-Men hingegen lange Zeit eher ein Exotendasein. Zwar wurden sie sowohl in den 70ern unter dem Titel X-Menschen (!) vom Williams Verlag als auch in den 80ern von Condor/Interpart als Gruppe X auf Deutsch publiziert, konnten aber nicht wirklich aus dem Schatten der anderen großen Marvel-Teams, der Fantastic Four und der Avengers, hervortreten.
Zum household name avancierten die X-Men hierzulande freilich erst durch Bryan Singers im Jahr 2000 erschienene Kinoadaption, doch bereits Anfang/Mitte der 90er Jahre erlebten sie zumindest unter Comicinteressierten einen ungeheuren Popularitätsschub, der durch ein konkretes Ereignis katalysiert wurde: die Ausstrahlung der Zeichentrickserie X-MEN.

X-MEN Cartoonserie 1992 ff. Special
X-MEN Cartoonserie 1992 ff.

Wie bei den anderen Marvel-Zeichentrickserien handelt es sich freilich auch bei X-MEN in erster Linie um eine Kindersendung, sodass man gewisse Simplifikationen der selbst für Experten oft nur schwer nachvollziehbaren X-Men-Mythologie in Kauf nehmen muss. Bei einem derart komplexen, im Lauf der Jahrzehnte immer wieder neu erfundenen Comic ist dies allerdings gar nicht mal das Schlechteste und man muss den Machern der Serie zugestehen, dass sie viel von dem, was das Comic interessant macht, in den Cartoon hinübergerettet haben. Der parabelhafte Kampf der X-Men gegen die Vorurteile, mit denen viele Menschen den Mutanten begegnen, ist dabei natürlich stets das zentrale Thema und treibt die meisten großen Handlungsbögen voran. Aber auch andere in den Comics immer wieder präsente Motive werden in der Serie aufgegriffen und so findet sich die beinahe-Dreiecksbeziehung zwischen Cyclops, Jean und Wolverine ebenso im Cartoon wie die Tatsache, dass die Führungskompetenz der Teamleader Cyclops respektive Storm (im späteren Verlauf der Serie gar Professor Xaviers) immer wieder angezweifelt wird – ganz zu schweigen von den permanenten Spannungen, die das Aufeinanderprallen der Egos von Cyclops, Gambit und Wolverine mit sich bringt.

X-MEN Cartoonserie 1992 ff. Special
X-MEN Cartoonserie 1992 ff.

Ist X-MEN also die perfekte Umsetzung eines Comics ins TV-Format? Natürlich nicht, da neben vielen gelungenen Aspekten auch einiges übrig bleibt, was Anlass zu Kritik gibt:
Wie bereits im Review zu SPIDER-MAN bekrittelt, wird auch bei X-MEN der Inhalt der zeitgenössischen Rüstkammer durch Phantasiewaffen ersetzt und so schießen Menschen mit Lasern statt Bleikugeln um sich. Das darf man sich also unter toning down the violence vorstellen. Was bei Spidey lediglich für moderate Verstimmung sorgt, nervt bei Xaviers Protégés deutlich mehr, da die X-Men recht häufig auf mutantenfeindliche, schwer bewaffnete Militärs und dergleichen treffen - mit Ausnahme von Cable und Bishop sind Laserwaffen tragende Charaktere aber stets doof. Dass in einer als Kinderserie konzipierten Adaption der X-Men beispielsweise Wolverine nicht jeden zweiten Gegner mit seinen Klauen aufspießen kann ist schon klar, aber auch hier sei nochmals auf BATMAN - THE ANIMATED SERIES verweisen, wo auf Laserkanonen verzichtet wurde und der Titelheld wenigstens Faustkämpfe austragen durfte, anstatt seine Gegner primär mit Schwung umrempeln zu müssen.

X-MEN Cartoonserie 1992 ff. Special
X-MEN Cartoonserie 1992 ff.

"Handwerklich" ist X-MEN hingegen gelungen, auch wenn einige kleinere Kritikpunkte schnell augenfällig werden.
Die Qualität der Zeichnungen ist definitiv gut, kann zwischen den Folgen allerdings marginal variieren. Tendenziell lässt sich dennoch festhalten, dass die Zeichnungen im Lauf der Serie insgesamt besser werden. Ebenfalls nicht ständig auf dem gleichen Niveau ist die Aufmerksamkeit, die vor allem zu Beginn der Serie auf die continuity gelegt wurde – ein immer wieder auftauchendes Beispiel dafür sind Cyclops' Sonnenbrillen, die in manchen Folgen normale und in manchen die aus den Comics bekannten rot getönten Gläser haben (z.B. Folge 1.5 vs 1.6). Und schließlich ist auch die Animation qualitativ nicht immer ganz homogen. In den besseren Momenten ist sie schön dynamisch und flüssig, in den weniger überzeugenden immerhin noch okay, sodass hier keine herbe Kritik geübt werden soll. Komisch nur, dass ausgerechnet hektische Kampfszenen meistens hervorragend gemacht wirken und hakelige Animation eher bei unspektakulären Szenen (z.B. wenn Figuren einfach nur gehen) auffällt.
Etwas enttäuschend oder zumindest gewöhnungsbedürftig sind die Sprecher in der Originalfassung. Oft wird der Text seltsam langsam und unnatürlich gestelzt vorgetragen, mit Betonung auf jeder Silbe. Darüber hinaus sind manche Sprecher schlicht und einfach nicht überzeugend. Storm etwa... natürlich könnte man sagen, die Figur sei in Kairo aufgewachsen und klinge deswegen nicht unbedingt wie ein Südstaaten-Cowgirl. Bloß dass Sprecherin Alison Sealy-Smith ihrer Storm keinen wirklichen Akzent verpasst, sondern sie in puncto Wortwahl und Tonfall wie die Queen von England klingen lässt. In diesem Fall ist die bei deutschen Synchros oft beobachtbare Unsitte, im Original enthaltene regionale Sprachnuancen zugunsten eines vereinheitlichten Fernseh-Hochdeutschs unter den Tisch fallen zu lassen, ausnahmsweise mal kein expliziter Nachteil. Aber auch in der Synchro wird ein weiterer Kritikpunkt in Hinblick auf die auditive Dimension nicht gemindert - das viele laute Schreien und Stöhnen der Charaktere, was immer wieder anstatt ordentlichen Dialogs eingesetzt wird: "Muss... *uhhng* Maschine... zerstören. Muss... Sinister... *keuch* aufhalten! Arrrgh!"
Und nein, solche Dialogzeilen stammen nicht von Gastauftritten des Hulk. Das ist insofern schade, weil unmotiviertes Geschrei allein durch die relative Lautstärke stresst, ohne das Publikum wirklich ins Geschehen zu ziehen und die Satzellipsen das Gesagte oft lächerlich erscheinen lassen.

X-MEN Cartoonserie 1992 ff. Special
X-MEN Cartoonserie 1992 ff.

Aber wie bereits angedeutet sind die genannten Kritikpunkte nichts anderes als Meckern auf hohem Niveau, da wir, was Superheldencartoons betrifft, mittlerweile schon ziemlich verwöhnt sind. Vergleicht man Präsentation, Ausführung (Animation, voice acting) und vor allem Inhalte mit Superheldenzeichentrickserien der vorangegangenen Dekaden aus Studios wie Ralph Bakshi (der 60er SPIDER-MAN), Hanna-Barbera (SUPERFRIENDS) oder den hausinternen Vorgängern bei Marvel Productions (SPIDER-MAN AND HIS AMAZING FRIENDS, THE INCREDIBLE HULK in den 80ern), so nimmt sich eine Serie vom Kaliber X-MEN geradezu oscarverdächtig aus.
Superheldencartoons haben seit Beginn der 1990er Jahre einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht und die X-Men waren dafür zweifellos mitverantwortlich. Es mag sein, dass es mittlerweile Serien gibt, deren Niveau noch höher ist, aber ohne X-MEN wäre die Messlatte diese Produktionen deutlich weniger hoch gelegen.
Werfen wir deshalb nun einen Blick auf die einzelnen Staffeln (es wurde versucht, nicht mehr zu verraten als die DVD-Boxen ohnehin spoilern).

X-Men - Staffel 1.1 & 1.2 X-Men - Staffel 1.1 & 1.2

USA 1992
(2009-12-29)
X-Men - Staffel 2.1 & 2.2 X-Men - Staffel 2.1 & 2.2

USA 1993
(2009-12-29)
X-Men - Staffel 3.1 - 3.4 X-Men - Staffel 3.1 - 3.4

USA 1994
(2010-01-21)
X-Men - Staffel 4.1 - 4.2 X-Men - Staffel 4.1 & 4.2

USA 1995
(2010-03-23)
X-Men - Staffel 5.1 - 5.2 X-Men - Staffel 5.1 & 5.2

USA 1996
(2010-03-23)



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