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UNENDLICHE TIEFEN

Essay.
Alfred Joseph Hitchcock - It Is Only Suspense
von Claudia Siefen

Alfred Hitchcock

Das "Filmmuseum Wien" zeigt in einer zweiteiligen Retrospektive das Werk des britischen Filmregisseurs Alfred Hitchcock (1899 - 1980).

Zu Hitchcock kommt man schnell ins Grübeln, ich selbst übrigens auch. Die ersten tiefer greifenderen Gedanken sind, dass der Gute zu einer Art von "Markenzeichen", ja man muss schon sagen, geradezu verkommen ist. Dank der eigentümlichen Positionierung durch das Fernsehen kennt man denn doch nur Bruchstücke seiner Filme und diese Bruchstücke haben sich darauf spezialisiert, ausschließlich einen Krimischaffenden vor sich zu haben, es gibt einen Mord oder es wird ein Mord geplant und die übliche Frage natürlich: wer hat es getan?
Das alles in großartigen Farben und besetzt mit Schauspielern einer Zeit, die man heute als "silver screen" betitelt. Hübsche Bildbände gibt es zu kaufen und man kennt noch das herrliche Interviewbuch des französischen Regisseurs und Autoren Francois Truffaut "Le cinéma selon Hitchcock" (1966; dt.: "Herr Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?"). Aber halt: wer dieses Buch kennt ist schon mittendrin in der Erkenntnis, dass Hitchcock einfach nur großartig ist, dass er ein Chronist seiner Zeit ist, dass er mit seinen Filmen und seiner psychologischen Ausarbeitung und der Aufbereitung seiner Charaktere eine ungeahnte Kraft ins Kino gebracht hat, oder eben mittlerweile ins Fernsehprogramm.

Bei Hitchcock gibt es eine genaue Beobachtung seiner "Täter" und vor allem der "Nicht-Täter", und diese Beobachtung schafft sich daraus ihre Grandiosität, indem sie erschreckend einfach ist, oder zumindest als erschreckend einfach daherkommt weil sie geradlinig nachvollziehbar erscheint. Hitchcock brauchte keine an den Haaren herbeigezogenen Motivationen seiner Protagonisten zu einer noch so abstrusen oder brutalen Tat, es war und ist bei ihm tatsächlich wie im richtigen Leben: oft erschreckend simpel. Was braucht es, um zu einem Mörder zu werden?

Bei Hitchcock gibt es immer den Anspruch, schauspielerische Höchstleistung auf Film zu bannen, den Zuschauer zu unterhalten und gleichzeitig technische Neuerungen zu benutzen, mit dem Licht zu arbeiten, und vor allem lag sein Augenmerk auf der Verfeinerung des Filmschnitts: was zeige ich, was nicht? Beim Ton verhielt es sich bei ihm genauso: welchen Teil der Geschichte setze ich gleichberechtigt gegenüber den Bildern in Töne um, was kann ich über den Dialog vermitteln und wie setze ich die Musik ein? Hitchcock ist hier immer noch ein Lehrmeister, ein Wissender mit viel Humor, von dem man sich gerne belehren lässt. Soviel also des Lobes, das das immer noch populäre Bild von Hitchcock abgibt, aber auch eine Vereinfachung darstellt, die derart die Unannehmlichkeiten und Fremdeinwirkung auf sein Schaffen aber außer Acht läßt: Faktoren seitens eines Produktionsstudios und etwa auch ungeliebter Knebelverträge, die Hitchcock in seiner Selbstdarstellung gerne fulminant unter den Tisch fallen ließ oder ironisch zu umgehen versuchte. Genügend Material also, um aus der Not eine ungeahnte Tugend hervorzuzaubern. Die Eigenvermarktung, man denke nur an seine kleinen Kurzauftritte in seinen eigenen Filmen, betrieb Hitchcock geradezu leidenschaftlich, um nicht nur Geld hieraus zu schöpfen, sondern auch, um seiner Arbeit einen Schutzwall zu errichten.

Der Filmemacher als Autor ("politique des auteurs") wird in dieser Retrospektive auf seinem doch recht gradlinigen Schaffensweg begreifbar gemacht: 1920 beginnt Hitchcock seine Filmarbeit als Zwischentitel-Designer bei Famous Players - Lasky und an der Seite seiner Kollegin (und späteren Ehefrau) Alma Reville (Cutterin und story editor) beginnt ein langsamer und auch konsequenter Aufstieg, sprich auch Einfluß, als Regisseur.

Mit solcher Neugier zu Hitchcock "bewaffnet" hat sich das "Filmmuseum Wien" nun die denkbar einfachste Antwort ausgedacht: gezeigt wird der gesamte Hitchcock in hübsch chronologischer Reihenfolge, Kinofilme und auch TV-Produktionen: sozusagen von Anfang bis Ende.

Beginnend also mit seinem offiziellen Regiedebut THE PLEASURE GARDEN von 1925, einer deutsch-britischen Co-Produktion, die aber erst nach Hitchcocks Erfolg THE LODGER aus dem Jahr 1927 in England in die Kinos kam. Deutscher Produzent war übrigens Erich Pommer. Hitchcock erzählt die Geschichte einer Tänzerin im Münchner "Pleasure Garden", die einer Bekannten aufgrund ihrer hübschen Beine zu einem Job verhilft und die wilden Liebesaffären und Intrigen nehmen ihren Lauf, weiten sich aus zu einer Studie über "Sex und Macht", deren gewagten Bilder dem Film damals ein Jugendverbot einbrachten. Hitchcock nannte diese seine erste Zusammenarbeit mit Reville "melodramatisch aber mit ein paar interessanten Szenen". Eindeutig zeigt sich hier das Grundthema, das Hitchcock in seiner weiteren Laufbahn beschäftigen wird: sind Gut und Böse hier zwar noch klar voneinander getrennt, bleibt die Frage nach Realität und Illusion, das Innen und das Außen und die allgegenwärtige Macht der Sexualität.

Und wie eben erwähnt THE LODGER von 1927: Hitchcock bemüht sich hier um die altbekannte Geschichte des "Jack the Ripper" und fröhnt schon einmal erfolgreich seinem sympathischen "Blondinentick". Der wunderbare Ivor Novello gibt den Unschuldigen, der allein aufgrund seines verdächtigen Verhaltens und seines düsteren Äußeren für einen Mörder gehalten wird. Die Macht der Masse, die Macht der "üblichen" Meinung wird hier in Frage gestellt und mit seinen Großaufnahmen von Gesichtern und der entsprechenden Beleuchtung kann man diesen Film durchaus als Inspiration zu M sehen, der 3 Jahre später gedreht werden soll. Der Friede-Freude-Eierkuchen-Schluss steht hier im völligen Gegensatz zum vorher Gezeigten und singt schon mal ein Lied von Hitchcocks beginnendem Leid: die nicht nur finanzielle Macht der Produzenten.

Aber in 1927 gibt es auch THE RING, dem Boxerfilm, für den Hitchcock selbst das Drehbuch schrieb, wenn man denn ein wenig psychologisieren will: zwei Männer stehen im Mittelpunkt, die beide die selbe Frau lieben. In ihrer Rivalität zueinander kommt es gottlob zu einer Begegnung im Ring, bei der einstige Geliebte der begehrten Dame zu Fall gebracht wird und man entschließt sich zunächst zu einer wohlmeinenden Beziehung zu Dritt, bis dann der "Gewinner" sich doch mit der Umkämpften aus dem Staub macht. Großartig die bewegte Kamera, mit der Hitchcock hier die Kämpfe dirigiert und schon einmal ein ironisches Auge wirft auf die Unwegbarkeiten der Liebe.

Und natürlich ebenso ironisch der wundervolle Film BLACKMAIL aus dem Jahr 1929, in dem eine hübsche Unschuld vom Lande sich nach etwas mehr Aufregung sehnt, als diese ihr vom momentanen Lebens- und Liebespartner geboten wird. So gerät sie eines Abends denn an einer Bar an einen gutaussehenden Herrn, der ordentlich flirtet und sich inmitten der düsteren Nacht auch einiges davon erhofft. Die junge Dame sieht dies anders und fühlt sich verpflichtet, ihre Unschuld zu retten. In dieser Bemühung ermordet sie den Herrn, was insofern für Komplikationen sorgt, da ihr Liebster bei Scottland Yard arbeitet. Hitchcock at his best! Ironisiert werden hier nicht nur Verhaltensststrukturen beider Geschlechter, sondern eben auch die "Waffen" beider Geschlechter und zu welchen absurden Komplikationen diese führen können. Hübsch zu wissen, dass diese Produktion als Stummfilm bereits abgedreht war und die Produktion in letzter Minute noch an Hitchcock herantrat, da momentan der sogenannte "Tonfilm" recht beliebt sei, und ob er sowas nicht einmal versuchen wolle? Er wollte und es stellte sich aber heraus, dass die wunderhübsche Hauptdarstellerin nicht nur mit Schönheit gesegnet war, sondern auch mit einem leider weniger hübschen polnischen Akzent! So wurden die meisten Szenen neu gedreht, zwar mit der selben Darstellerin, übrigens Anny Ondra, aber ihr Text wurde neben der Szenerie von einer anderen Dame (Joan Barry) synchron eingesprochen!

Die 30er startet das Museum mit dem hübsch-surrealen NUMBER SEVENTEEN, indem Hitchcock die Kontraste zweier völlig gegensätzlichen Handlungsorte verknüpft: einmal ein unheimliches Haus, in dem es spukt und anderseits ein wild die Landschaft durchpeitschender Zug. Gemeinsam überabeitete Hitchcock mit Reville das gleichnamige Bühnenstück vonJ.J Farjeon, fertiggestellt war der Film bereits 1931, aber es gab wieder einmal interne Querelen, so daß der Film erst 1932 in die britischen Kinos kam. Filmhistorisch wir diese doch recht witzige Verfolgungsjagd als die Geburt des "MacGuffin" betrachtet: etwas völlig Konkretes (hier der Diebstahl einer wertvollen Halskette) wird als Motivation einer ganzen Geschichte gewählt und im Laufe der Handlung einfach "vergessen" und auch nicht mehr aufgegriffen. Aufgegriffen hingegen hat Hitchcock auch hier wieder einmal seine Vorliebe für schöne und kluge Frauen: in diesem Falle die exquisite (wenn auch dunkelhaarige!) Anne Grey.

Soweit erst einmal die wohl etwas unbekannteren Werke mit denen sich der Erste Teil der Reihe beschäftigt und dies alles natürlich in englischer Originalfassung zeigt! Am besten schaut man einfach auf die Website des Museums und freut sich, was da alles kommt. Und fährt dann nix wie hin nach Wien ... .

01.12.2007 - 04.01.2008 und vom 05.01. - 04.02.2008: www.filmmuseum.at


Alfred Joseph Hitchcock - It Is Only Suspense
Alfred Joseph Hitchcock Teil II - That Mental Obsession


Bon Voyage

The Farmer's Wife

Jamaica Inn

Lifeboat

Murder!

The Pleasure Garden

Rich and Strange

Saboteur

Shadow Of A Doubt

Suspicion



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