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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
THE AIR IS ON FIRE - eine David Lynch-Ausstellung in Paris 2007
von Björn Eichstädt und Sebastian Selig

Die "Fire walk with me"-Tatoowierung der kleinen Französin glitzert dunkel im gleißenden Sonnenlicht, das durch fahlweiß-blühendes Baumwerk bricht. Der Rokoko-Chic, der die Stadt seit Monaten fest im New Romantics-Hedonismus gefangen hält(vor wenigen Tagen, ist Coppolas MARIE ANTOINETTE endlich auch in Frankreich auf DVD erschienen), geht hier fließend über in dezent braunes Prada. Imaginäre Rotkehlchen zirpen und auf der terrassenförmigen Gartenanlage der Fondation Cartier werden die Picknickdecken ausgebreitet. Eiersalat tropft in die von schwarzen Waldameisen brodelnde Wiese. BLUE VELVET-Frühling.

Der 1994 errichtete Museumsbau von Jean Nouvel, mit seiner flachbrüstigen Glasfront, durch die sich ein gewaltiger eingetopfter Baum aus dem Inneren des Gebäudes gen Licht bohrt, wirkt auf den ersten Blick wie eine dieser Firmenzentralen, irgendwo draußen auf der grünen Wiese, mit hellen transparenten Büros, die wie kleine Aquarieneinheiten in die Fassadenfront eingelassen sind. Der eigentliche Ausstellungsbereich scheint zunächst - recht überschaubar - auf das große, komplett verglaste Erdgeschoss beschränkt. Über einen breiten Abgang gelangt man allerdings in ein sehr weitläufiges, fensterloses Untergeschoss, geradezu prädestiniert für Video- und Lichtinstallationen, für Korridore deren Enden irgendwo im Schwarz ertrinken und samtene Vorhänge, die den Riss in der Wirklichkeit sanft umschmeicheln.

THE AIR IS ON FIRE, die bislang umfangreichste Ausstellung von David Lynch, die derzeit bis zum 27. Mai 2007 in der Fondation Cartier pour l`art contemporain in Paris stattfindet, bündelt das gestalterische Gesamtwerk des Meisters, den viele vor allem als Regisseur kennen: von den großen, goldgerahmten, skulpturhaften 1,5 x 3 Meter-Gemälden, wie THIS MAN WAS SHOT 0,9502 SECONDS AGO bis hin zu kleinen, mit Kugelschreiber oder Filzmarker auf Post-its oder Servietten gekritzelten Notizen und Gedankenspielen, die das malende und zeichnende Schaffen teilweise in den Rang eines Storyboards drängen. Alles. Jede Antwort auf all die nicht beantworteten Interviewfragen. Hier bekommt man es regelrecht aufgedrängt - Traumweltvernetzung inklusive. Selbst eine imaginäre Filmkulisse, die vorne für Riesen und hinten für Zwerge gebaut wurde, ist zu sehen. Doch hinter den Fassaden ist auch der MULHOLLAND DRIVE nur ein Sperrholzaufbau. Lynchland aus Pappmaché.

Ein grauer, dickflockiger Ascheregen müsste eigentlich über Paris niedergehen, während man die großen Gemälde auf der Erdgeschoss-Ebene betrachtet. Müsste. Denn leider spiegelt sich verdammt viel Sonnenlicht auf den glasgerahmten Werken. Lynch hat hohe, schwarze Metallgestänge anbringen lassen, die mit wallenden TWIN PEAKS-Vorhängen abgedeckt wurden, vor denen nun die Bilder prangen. Über eine interaktive Soundanlage grummelt Geisterbahn-bekanntes Donnergrollen und uneilschwangeres Dronengebrumme in die klare Frühlingsluft. Wir flüchten in die kinogerechte Dunkelheit des Untergeschosses.

Was sich geradezu aufdrängt, ist die drollige Vagina-Obsession des Meisters. All diese liebevoll mit Knet, Wachs und Haaren nachgebildeten kleinen Schamlippen, der meist recht auseinander genommen, unbeteiligt, bedrohlich auf irgendwelchen Polystersofas liegenden Frauenfiguren haben etwas sehr Anrührendes. Hauptbahnhofhafte Melancholie mischt sich mit dem schweren Duft fröhlicher Motel-Ficks. Die Magengrube bleibt verschont.

BOB LOVES SALLY UNTIL SHE IS BLUE IN THE FACE.

Der Alptraum als Bestandteil des Spaßes, die Sorglosigkeit im Angesicht des Todes. Yin und Yang, die sich nicht selten gegenseitig in einem grauen Nichts auslöschen; manchmal aber doch in einem Moment des Großartigen zu überzeugen wissen, vor allem dort, wo das Geheimnis ohne Erklärung für sich stehen bleibt. Das ist nicht allzu häufig der Fall. In seinen Bildern wird eigentlich alles beim Namen genannt. Wie Off-Stimmen schweben Erläuterungen durch das Grau, wo im filmischen Werk nur große Fragezeichen stehen. Der Mythos wird beschrieben, und bleibt doch zauberhaft entrückt. Das Unterbewusstsein nickt verständnisvoll, doch der Kopf zeigt sich unbeteiligt.

Weiter unten, im Keller des Werkes, funktioniert vieles besser. Die Fotoarbeiten der Schneemänner, die Lynch in Boise, Idaho, dem Ort seiner Kindheit, aufgenommen hat, treffen auf seine Distorted Nudes, deformierte Akte, die sich vor grob gepixelten Hintergründen räkeln. Die Lust am Nichtperfekten, die Lynch ja auch in INLAND EMPIRE zelebriert, wird immer wieder als Stilmittel aufgegriffenen. Im Untergrund dann natürlich doch noch ein richtiger Kinosaal. Von Lynch selbst in direkter Anspielung an die Bühne in ERASERHEAD gestaltet, flimmern hier nahezu alle kürzeren Arbeiten des Regisseurs; von seinen ersten Kurzfilmen SIX MEN GETTING SICK, THE ALPHABET und THE GRANDMOTHER bis zu der für davidlynch.com produzierten 8-teiligen DUMBLAND-Reihe über die Leinwand. Gerade wieder DUMBLAND: der Wunsch nach Milch, der Riese der einen Schatten wirft, das Grummeln im Hintergrund. Alpträume treffen auf neugierige Gelassenheit.

Fire walk with me.

Noch ausstehendes Rahmenprogramm begleitend zur Ausstellung:

05.04.2007: David Lynch Night (Projektionen verschiedener, selten gezeigter Arbeiten)
03.05.2007: David Lynch Night (Projektionen verschiedener, selten gezeigter Arbeiten)
19.05.2007: Pluramon featuring Julee Cruise (Konzert)
20.05.2007: Au Revoir Simone (Konzert)
22.05.2007: Fovea Hex (Konzert)
23.05.2007: Michael Chion and Dean Hurley (Sound Vortrag)
24.05.2007: Barry Adamson (Konzert)

Zur Austellung... Fondation Cartier
Eindrücke.











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