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KAPITELWAHL

GEHEIMRING 99 (USA 1955)

von Sven Taucke

Original Titel. THE BIG COMBO
Laufzeit in Minuten. 85

Regie. JOSEPH H. LEWIS
Drehbuch. PHILIP YORDAN
Musik. DAVID RAKSIN
Kamera. JOHN ALTON
Schnitt. ROBERT S. EISEN
Darsteller. CORNEL WILDE . RICHARD CONTE . JEAN WALLACE . LEE VAN CLEEF u.a.

Review Datum. 2014-03-28
Erscheinungsdatum. 2013-06-21
Vertrieb. CHANDLER FILM/ALIVE

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ENGLISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Als Fan guter, alter US-amerikanischer Gangsterfilme aus den Vierzigern und Fünfzigern sollte man das Label Chandler-Film im Auge behalten. Denn neben den Charlie-Chan-Streifen erscheint dort die Film-Noir-Collection. Veröffentlicht werden hier Filme, die ohne Stars wie Bogart und Cagney auskommen, nicht von Hawks oder Huston gedreht wurden und deshalb immer etwas im Schatten stehen. Drei sind bislang erschienen: Phil Karlsons DER VIERTE MANN, CAUSE FOR ALARM vom Tay Garnett und Joseph H. Lewis' GEHEIMRING 99.

THE BIG COMBO, wie GEHEIMRING 99 im Original heißt, ist kein Spionagefilm, was man bei dem einmal mehr skurrilen deutschen Verleihtitel vielleicht vermuten könnte. 1955 gedreht, erzählt THE BIG COMBO vom Polizisten Leonard Diamond (Cornel Wilde), der den charismatischen Gangsterboss Mr. Brown (Richard Conte) überführen will. Dummerweise hat er nichts gegen Brown der Hand, was ihn zunehmend sauer macht. Zu allem Überfluss hat er sich auch noch in Mr. Browns Verlobte Susan (Jean Wallace) verliebt. Die Sache bekommt also auch noch eine persönliche Note. Susan ihrerseits will Brown einerseits verlassen, ist dem herrschsüchtigen Gangster andererseits aber auch verfallen. Damit die labile Blonde keine Dummheiten macht, lässt Brown seine Spießgesellen Fante und Mingo (Lee Van Cleef und Earl Holliman) Aufpasser spielen. Susan macht einen Selbstmordversuch, kommt ins Krankenhaus und wird von Diamond ausgequetscht. Außer, dass es irgendwann einmal eine wie von der Bildfläche verschwundene Frau namens Alicia in Browns Leben gegeben haben muss, erfährt der Polizist nichts von Susan. Diamond wittert ein Verbrechen und macht sich auf die Suche nach der geheimnisvollen Frau. Offenbar ist er auf der richtigen Fährte, denn Brown schlägt zurück und setzt Fante und Mingo auf Diamond an ...

Eine Geschichte um Sex und Macht also, aber natürlich nach den Konventionen der fünfziger Jahre eine der Andeutungen. Die Story ist spannend inszeniert, gut gespielt und mit einem jazzigen Sound von David Raksin unterlegt. In Sachen Gewalt geht es recht drastisch zu, vor allem, wenn Fante und Mingo Diamond in die Mangel nehmen. Das Killerpaar ist außerdem insofern interessant, als das es auch genau das ist: Ein Paar. "Mingos und Fantes Homosexualität", zitiert die Wikipedia aus Alain Silvers und Elizabeth Wards Film Noir: An Encyclopedic Reference to the American Style, "wird in der Atmosphäre aus Mord und sadistischer Folter unterdrückt, wenn sie die Konventionen der Gewalt zu einem erotischen Ritual verfeinern". (Nebenbei: In Jean-Patrick Manchettes vielleicht bestem Kriminalroman "Trois hommes à abattre" tauchen zwei Killer auf, die mehr als deutlich an Fante und Mingo erinnern. In der nicht sehr vorlagengetreuen Verfilmung mit Alain Delon {KILLER STELLEN SICH NICHT VOR von Jacques Deray, 1980} tauchen die beiden Spitzbuben ebenfalls auf.)
In dieser späten Noir-Phase waren soziopathische Typen, die zu explosiven Gewaltexzessen neigten, allerdings keine Seltenheit. 1949 schockierte James Cagney als gewaltgeiler Gangster mit Ödipus-Komplex in Raoul Walshs WHITE HEAT (SPRUNG IN DEN TOD). Seine Mutter war nicht weniger irre. 1953 verbrühte der rasende Lee Marvin in Fritz Langs THE BIG HEAT (HEISSES EISEN,1953) Gloria Grahames Gesicht mit kochend heißem Kaffee. Kein Wunder, dass Paul Schrader in seiner Studie des Film Noir diese Zeit die "Phase der psychotischen Handlungen und selbstmörderischen Triebe" nennt. Schrader meint damit die Jahre zwischen 1949 und 1953. THE BIG COMBO ist für ihn dementsprechend ein "bemerkenswerter Nachzügler".
Bereits 1950 hatte sich Joseph H. Lewis mit Sexualität und gewalttätigen Ersatzhandlungen beschäftigt. In GUN CRAZY (GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFT) holten sich John Dall und Peggy Cummings als Schusswaffen-Fetischisten ihre Kicks bei Raubüberfällen. GUN CRAZY und THE BIG COMBO zogen zu ihrer Zeit kein großes Interesse auf sich, heute gelten beide als Klassiker. GUN CRAZY ist mit seiner energiegeladenen Handlung, seinem Thema und als Vorläufer von Arthur Penns BONNIE AND CLYDE (BONNIE UND CLYDE, 1967) oder auch Oliver Stones NATURAL BORN KILLERS (1994) der relevantere und auch aufregendere Film.

Gerühmt wird THE BIG COMBO heute vor allem wegen der exzellenten Kameraarbeit von John Alton. Extrem stilisiert, ist Altons Arbeit ein Musterbeispiel für den vom deutschen Expressionismus beeinflussten Film-Noir-Stil. Die aus einem Hangar gefilmten Silhouetten von Diamond und Susan vor Licht und Nebel gehört zu den bekanntesten Bildern des Genres überhaupt. Nicht nur in der Literatur zum Film Noir wird dieses an CASABLANCA erinnernde Motiv gerne zur Bebilderung genutzt. Als THE BIG COMBO 1955 ins Kino kam, galt diese Art zu filmen allerdings schon als veraltet. Nach realistisch anmutenden Filmen wie John Hustons THE ASPHALT JUNGLE (ASPHALT-DSCHUNGEL, 1950) oder Langs THE BIG HEAT erschien der Look von THE BIG COMBO vielen Kritikern wie von vorgestern. Wie bei so vielen späteren Klassikern dachten sie, einen Film zum Vergessen vor sich zu haben.

DVD.
THE BIG COMBO gilt als eine der besten Arbeiten von Kameramann John Alton. Ausgerechnet das Bild enttäuscht bei dieser sonst sehr hübsch aufgemachten DVD und kommt nicht über VHS-Qualität heraus. Ein Jammer. Ton ist okay, Synchro ebenso, Untertitel gibt es. Extras nicht.








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