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KAPITELWAHL

EINE DUNKLE BEGIERDE (Kanada/Deutschland/Großbritannien 2011)

von Fabian Olbrich

Original Titel. A DANGEROUS METHOD
Laufzeit in Minuten. 96

Regie. DAVID CRONENBERG
Drehbuch. CHRISTOPHER HAMPTON
Musik. HOWARD SHORE
Kamera. PETER SUSCHITZKY
Schnitt. RONALD SANDERS
Darsteller. MICHAEL FASSBENDER . KEIRA KNIGHTLEY . VIGGO MORTENSEN . VINCENT CASSEL u.a.

Review Datum. 2013-01-27
Erscheinungsdatum. 2012-06-14
Vertrieb. UNIVERSAL

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH . FRANZÖSISCH . SPANISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Es verwundert nicht, dass David Cronenberg, Meister der Bebilderung medientheoretischer Metaphern, sich der Psychoanalyse zuwendet. Nach den Körperhorror-Filmen der 1980er Jahre verlagerte er ab den 90ern die Identitätsproblematik des Subjekts als Forderung nach dem "neuen" Fleisch auf eine psychologische Ebene, so u.a in M. BUTTERFLY, HISTORY OF VIOLENCE und EASTERN PROMISES - TÖDLICHE VERSPRECHEN. Die Psychoanalyse als Theoriegebilde ermöglicht nun konsequent den Weg ins Innere der Seele, um Trieb und Verhalten des Einzelnen zu erkunden. In A DANGEROUS METHOD - EINE DUNKLE BEGIERDE wird jedoch der inhaltliche Gegenstand nicht zum formellen Programm erklärt. Es ist kein Film, der psychoanalytische Verfahren umsetzt und somit kein Spiel mit den Metaphern, sondern eine Liebesgeschichte.

Die 18jährige Sabina Spielman (Keira Knightley), Tochter eines vermögenden jüdisch-russischen Kaufmanns, wird 1904 in eine Zürcher Heilanstalt kreischend und um sich tretend eingeliefert. Der aufstrebende Psychologe C.G. Jung (Michael Fassbender) ist gewillt, sie mit der von Sigmund Freud entwickelten "Talking Cure" zu behandeln, er möchte mit Sabina reden, um die Ursache ihrer Krankheit zu erforschen. Mit der Zeit verliebt er sich in seine Patienten, die so hochsensibel wie hochbegabt ist. Sie beginnt selbst ein Studium der Psychologie und wird Jungs Assistentin. Mit dem hochangesehenen Freud (Viggo Mortensen) trifft sich Jung in Wien - aus der Bewunderung des Jüngeren wird mit der Zeit Skepsis an der beständigen Fixierung Freuds auf den Sexualtrieb als Ursache aller psychologischen Funktionen. Nach dem Gerüchte über Jungs Beziehung zu seiner Patientin die Runde machen, verstößt er seine Geliebte, die stracks zum guten alten Freud rennt, um sich von ihm behandeln zu lassen und mit ihm zu arbeiten.

Cronenbergs Versuch über diese ménage à trois nach wahren Begebenheiten ist eine außerordentliche Schwarz-Weiß-Malerei. So eindeutig kontrastriert wie die Kostüme, so überraschend zugeknöpft verläuft auch die Inszenierung. Jungs Bestreben, ein durch die bürgerlichen Konventionen der Zeit normiertes Leben zu führen, wird durch die verrückt-geniale wie verführerische Sabina Spielrein auf die Probe gestellt. Dem saturierten Gockel Jung mit seinem akkuraten Scheitel steht die hibbelige Hysterikerin Spielrein gegenüber. Knightley, dünn wie eine Fadennudel, verkörpert in ihrer Rolle das Bild der kränklichen, anämischen und tuberkulösen Jungfrau, wie es um die Jahrhundertwende in den alpinen Kurhäusern Mode war. Die Grenze von objektiv-analytischem Blick und subjektiver Annäherung an die Psyche der Patientin birgt nun die Gefährlichkeit der Behandlungsmethode. Je näher Jung Spielrein in den Behandlungen kommt, desto stärker wird er in ihren Bann gezogen. Ein Abhängigkeitsverhältnis bildet sich, das Jung gegenüber dem bürgerlichen Normenzwang vor ein Dilemma stellt.

Das Spiel aus Oberfläche und Reiz bleibt dabei nur angedeutet und rückt so mehr die Details der Kostümausstattung des Films in den Vordergrund. Die Künstlichkeit der Inszenierung steht über dem Anspruch, diese Künstlichkeit zu Durchschauen. Die akkuraten Kulissen erstrahlen beständig im klaren Licht der Schweizer Sonne - piekfein die Straßen, verträumt die neogotische Architektur, wie gemalt das Naturpanorama und spiegelglatt der Zürichsee. Die Idylle, die hier wenige Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs gezeichnet wird, vernachlässigt die Dramatisierung des Geschehens - die Charaktere bleiben so puppenhaft. Knightleys überspanntes Spiel wirkt nicht unheimlich, sondern gestelzt. Fassbender bleibt überraschend steif hinter seiner kleinen Nickelbrille und dem exakt getrimmten Schnauzer. Allein Mortensen verleiht seinem Freud etwas Spannung - mafiosihaft gibt er den stets eine riesige Zigarre qualmenden und kauenden Kauz, der in seiner kleinen Wiener Wohnung in einem mit Tonfiguren vollgestopften Arbeitszimmer sitzt. Einen zu kleinen Auftritt hat dann Vincent Cassel als Otto Gross, ein kokainabhängiger Psychologe, Anarchist und überzeugter Polygamist, der als Patient und Gegenfigur Jungs erscheint. Während Gross die freie Liebe predigt, ist Jung in dem Zwiespalt gefangen, ein glückliches Familienleben zu führen und gleichzeitig eine Affäre zu haben. Das Verhältnis von Patient und Psychologe kehrt sich um: Gross empfiehlt es durchaus mit den eigenen Patientinnen zu schlafen und wirkt so als Initiationsgeber für Jungs eigene Handlungen.

A DANGEROUS METHOD - EIN DUNKLE BEGIERDE erscheint insgesamt zu plot driven, die Zeitsprünge (von 1904 bis 1912) kommen gar zu häufig, das Geschehen erscheint dadurch stark gerafft und die Dialoge so manchmal beliebig. Das Drehbuch von Christopher Hampton, der zugleich John Kerrs Buch A Most Dangerous Method aus dem Jahr 1993 für sein Theaterstück The Talking Cure (2002) adaptierte, montiert die Szenen nach einer durchschaubaren Dramaturgie: Familienglück, Berufserfolg, Krise, Nervenzusammenbruch. Die Ikonen der Psychoanalyse werden dabei selbst zu Figuren, die lieben und leben müssen und das scheint hier die Diagnose zu sein, die durch die Rückschau gewonnen wird.

DVD.
Als Extra gibt es Interviews mit den drei Hauptdarstellern (noch am Set geführt, alles tragen ihre Kostüme), David Cronenberg und den Komponisten Howard Shore, der noch über seinen zurückhaltenden Score spricht. Ansonsten gibt es das übliche Lob der schauspielerischen Künste der Darsteller untereinander.








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