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KAPITELWAHL

CHATROOM (Großbritannien 2010)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. CHATROOM
Laufzeit in Minuten. 94

Regie. HIDEO NAKATA
Drehbuch. ENDA WALSH
Musik. KENJI KAWAI
Kamera. BENOIT BELHOMME
Schnitt. MASAHIRO HIRAKUBO
Darsteller. AARON JOHNSON . IMOGEN POOTS . MATTHEW BEARD . HANNAH MURRAY u.a.

Review Datum. 2012-01-31
Erscheinungsdatum. 2011-06-24
Vertrieb. UNIVERSUM FILM

Bildformat. 1.77:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Ein bisschen kann einem Hideo Nakata leidtun. Mit Filmen wie CHAOS, DARK WATER oder KAIDAN hat er bewiesen, dass er zu den einfühlsamsten Erzählern und umsichtigsten Stilisten des modernen japanischen Kinos gehört. Dann ging er ins Ausland und hatte es schwer. Seinem Hollywood-Film RING 2 wurde ebenso mit Häme begegnet wie seiner britischen Independent-Produktion CHATROOM. Nun ist er wieder in Japan, leckt seine Wunden und dreht Blockbuster für das einheimische Publikum. Das sogar finanziell erfolgreich. Aber kann ihm das genügen? Übersetzt geht die Frage: Kann uns das genügen?

In CHATROOM visualisiert er die virtuellen Quatschkammern des Internet als konkrete Orte, als Räume in einem Hotel. Hier eröffnet Will (Aaron Johnson) einen Chatroom namens "Chelsea Teens!", und schon bald finden sich die ersten Teens ein. Sie alle haben es im Leben nicht leicht. Ein Mädchen leidet unter dem Leistungsdruck ihrer Eltern und ihrer selbst. Ein Möchtegern-Model wird von einem anderen Möchtegern-Model gehänselt. Ein junger Mann ist verliebt in ein viel zu junges Mädchen. Ein anderer ist krankhaft schüchtern. Der charismatische Will zeigt ihnen Wege aus ihren verzwickten Situationen, die werden aber zunehmend destruktiver. Tatsächlich möchte er niemandem helfen. Ganz im Gegenteil, er will tote Menschen sehen.

Der albernste und kurzsichtigste Vorwurf gegen CHATROOM ist, dass der Film schon vor seiner Veröffentlichung veraltet gewesen wäre, weil heutzutage nur noch deine Mudder und ihr Kegelclub Chatrooms nutzen. Das tut überhaupt nichts zur Sache. Der Chatroom ist in CHATROOM ein noch virtuellerer Ort, als er es ohnehin schon ist. Ein Symbol für ein Symbol. Es geht um einen Ort, ob abstrakt oder konkret, an dem sich Menschen begegnen, die sich sonst vielleicht nicht begegnen würden. Ob das ein Chatroom, ein Freizi oder der neueste Hype 2.0 ist, ist für die Geschichte unerheblich. Und überhaupt: Was spricht denn gegen einen Film über deine Mudder und ihren Kegelclub? CHATROOM erzählt von gesellschaftlichen Außenseitern; da ist es vielleicht gar nicht die schlechteste Wahl, dass sie sich einer Technologie jenseits des Mainstreams bedienen. Hat in letzter Zeit übrigens einer deiner Facebook-Freunde mal nachgeschaut, ob es das Usenet noch gibt? Ich denke schon, aber ich bin mir nicht sicher. Hieße CHATROOM nun USENET, würde das allein an der Relevanz des Films nichts ändern.

Die Relevanz des Films hat leider ganz andere Hürden zu überwinden. Die kommen vor allem aus dem Drehbuch, dort vor allem aus den Figuren. Ihre Einführung als Stereotypen ist gewollt und gut so. Nicht gut ist, dass sie zu lange Stereotypen bleiben. Man hat schon fast aufgegeben sich mit ihnen identifizieren zu wollen, wenn sie im letzten Akt doch noch ein bisschen Biografie bekommen. Wenn dann das Befindlichkeitsdrama in einen Thriller mit der üblichen Todesgefahr inklusive dem obligatorischen Wettlauf-gegen-die-Zeit umschlägt, ist alle Originalität flöten gegangen, aber dafür gute Unterhaltung angesagt. Autor Enda Walsh wollte vermutlich mehr, er entlarvt sich im DVD-Interview. Ein BREAKFAST CLUB für die jungen Leute von heute sei ihm vorgeschwebt. Wie auch immer man zur John-Hughes-Schmonzette steht, als Autor oder Filmemacher ist man immer schlecht beraten, wenn man auf Gedeih und Verderb das nächste große Zeitgeist-Kultdings schaffen will. So was kann man als Mensch nicht erzwingen. Das muss die Zeit erzwingen.

Hideo Nakata ist ganz groß darin, Bildern Klasse zu verleihen. Dafür braucht er eine gewisse Ruhe, Action-Stoffe sind sein Ding nicht, wie das vermurkste DEATH NOTE-Spin-off L - CHANGE THE WORLD zeigte. Seine Filme gelingen am besten, wenn die Bilder wie gemalt wirken dürfen. Zum Glück fällt er in CHATROOM nicht dem Irrglauben anheim, ein Film mit Internet-und-so müsse total crazy und hektisch sein. Techno-Soundtrack konnte er zwar nicht verhindern, aber die Bildsprache nimmt sich Zeit fürs Ambiente. Die Chatrooms kunterbunt und verheißungsvoll und die echte Welt grau und trist darzustellen ist zwar ein bisschen arg naheliegend, aber das Naheliegende kann ja manchmal durchaus die richtige Entscheidung sein, man muss sich nicht immer verbiegen auf der verzweifelten Suche nach Innovation. Optisch ist CHATROOM fein gelungen. Lediglich ein paar eingestreute Animationspassagen sind unnötig und wirken, als hätte Nakata seinen Realbildern nicht getraut.

Schauspielerisch ist in erster Linie Over-Acting geboten, was aber nicht der verkehrteste Ansatz ist. Der Film spielt über weite Strecken in einer inszenierten Realität, in der sich die Charaktere nicht 1:1 als sie selbst, sondern als Inszenierungen ihrer selbst begegnen. Dabei darf man über die Stränge schlagen. Man hätte sogar hier und da etwas mehr über die Stränge schlagen dürfen, um diesem dramaturgisch oft faden Film etwas dringend benötigten Pfeffer zu verleihen.

CHATROOM ist ein Film, für den sich niemand schämen muss. Es ist aber auch für niemanden ein Glanzlicht im Lebenslauf.

DVD.
Nakatas schicke visuelle Ideen kommen auf der technisch tadellosen DVD bestens rüber. Interviews und B-Roll kann man im Schnelldurchlauf mitnehmen, Qualitätsextras sehen aber anders aus.








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