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KAPITELWAHL

CLEAN, SHAVEN (USA 1993)

von Björn Lahrmann

Original Titel. CLEAN, SHAVEN
Laufzeit in Minuten. 75

Regie. LODGE KERRIGAN
Drehbuch. LODGE KERRIGAN
Musik. HAHN ROWE
Kamera. TEODORO MANIACI
Schnitt. JAY RABINOWITZ
Darsteller. PETER GREENE . JENNIFER MACDONALD . ROBERT ALBERT . MEGAN OWEN u.a.

Review Datum. 2011-10-10
Erscheinungsdatum. 2011-05-27
Vertrieb. BILDSTÖRUNG

Bildformat. 1.66:1 (anamorph)
Tonformat. ENGLISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
"Have you seen me?", fragt das Foto des vermissten Mädchens auf der Milchpackung. Die ganze Welt quatscht unentwegt auf ihn ein, und Peter Winter (Peter Greene) kann nicht anders, als zuhören: Peter leidet - sagt nicht der Film, aber sein Regisseur - an Schizophrenie, in seinem Kopft herrscht ein Lärm, vor dem er auf der Flucht ist in schrottreifem Auto, sein einziges Zuhause. Schon deswegen ist CLEAN, SHAVEN kein Krankheitsdrama, weil er an stationäre Therapie keinen Gedanke verschwendet: Peter betritt und verlässt den Film jenseits aller sozialen Eingebundenheit, ein einsames, nomadisch umherirrendes Bündel aus Symptomen, die Greene mit virtuoser Heftigkeit nach außen kehrt als Zittern der Glieder, Flackern der Augen, Mulmen der Lippen. Ein Körper (und Film) kurz vorm Bersten, und doch: kein Body Horror, eher das Gegenteil: die konstante Angst vor Verunreinigung des Körpers (und Films) durch die Welt.

Lodge Kerrigans Regiedebüt ist unverkennbar ein Kind der Frühneunziger US-Independent-Szene und hat doch mit dem, was seither unter "Indie" subsumiert wird, wenig zu tun. Weder ist er verschroben noch naturalistisch genug, hat an Popkultur kein Interesse und eignet sich - zwei, drei notorisch unappetitlicher Wundprokelszenen zum Trotz - auch als offene Publikumsattacke nicht. Eher experimenteller Natur ist sein Anliegen: Empathische Perspektivüberlappung mit einem Menschen, der im Mainstreamkino höchstens zum Patienten oder Serienkiller taugen würde. Sein formales Inventar führt Kerrigan in den ersten paar Einstellungen baukastenhaft vor: Fliegende Tracking Shots zur Seite, die Peters inneres Rasen verbildlichen; Blicke zum Himmel und zur Erde, die nach und nach mit Wahrnehmungstrümmern gefüllt werden: Störgeräusche von oben, kreatürlicher Schmutz von unten. Dimensionen des Lärms und des Ekels, zwischen denen die Sinne eingequetscht werden.

In seiner klaustrophobischen Fokussierung auf Partikel und Texturen, die Peters flatterhafte Imagination immer nur kurz, dafür aber restlos in Beschlag nehmen - Wellen von grobem Senf auf Weißbrot, halluzinierte Hasspredigten im Radio -, rückt CLEAN, SHAVEN beizeiten in Avantgardenähe. Generische Unterströme, die die schizoid gekrümmte Bahn der Erzählung begradigen sollen, geraten alsbald selber aus der Spur: Peter sucht seine verlorene Tochter (Jennifer MacDonald) und wird zugleich von einem Polizisten (Robert Albert) gesucht wegen Mädchenmordes, den er vielleicht tatsächlich begangen hat. Beide, Tochter wie Polizist, kennzeichnen ganz ähnlich obsessive Wahrnehmungsgefüge wie der irre Geist, an den sie - auch per geschickter Montage - gebunden sind nach gespaltener Persönlichkeitsmanier. (Die Uneleganz, derartige Andeutungen zum Rätselspiel à la MEMENTO auszuformulieren, besitzt der Film glücklicherweise nicht.)

Im Gegensatz zu vielen Kollegen der Sundance-Generation gibt sich Kerrigan nicht damit zufrieden, Dissoziationen mentaler oder körperlicher Art von außen zu beobachten, sondern lässt sich vom Wahn freimütig seine Bilder diktieren. Obwohl diese Selbstauslieferung letztlich in Form makabrer Poetisierungen geschieht, kann man in CLEAN, SHAVEN dennoch einen Vorläufer weit spröderer, radikalerer Eigenbrödlerphantasien erkennen, etwa Harmony Korines JULIEN DONKEY-BOY oder Vincent Gallos THE BROWN BUNNY. Kerrigan selbst hat seinen Stoff zehn Jahre später noch einmal variiert: KEANE begleitet einen schizophrenen Vater, der seine Tochter am Flughafen verliert. In der schönsten Szene dieses etwas arg bekömmlichen Films grölt die Titelfigur einen Motown-Schlager, der quasi als Eigendiagnose herhalten darf: "I Can't Help Myself". Zum Singen und Tanzen mag Peter Winter der Sinn nicht stehen - den Beat hören tut er trotzdem.

DVD.
Für Bildstörungsverhältnisse eine eher abgespeckte Veröffentlichung: Zum technisch wie immer tadellosen Film gibt es zwei (lesenswerte) Begleittexte und einen (hörenswerten) Audiokommentar mit Kerrigan und Sundance-Patron Steven Soderbergh, Fan der ersten Stunde und fideler Stichwortgeber für den nachdenklichen, wohlartikulierten Regisseur.








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