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KAPITELWAHL

GENOVA (Großbritannien 2008)

von Lutz Granert

Original Titel. GENOVA
Laufzeit in Minuten. 89

Regie. MICHAEL WINTERBOTTOM
Drehbuch. LAURENCE CORIAT . MICHAEL WINTERBOTTOM
Musik. MELISSA PARMENTER
Kamera. MARCEL ZYSKIND
Schnitt. PAUL MONAGHAN
Darsteller. COLIN FIRTH . CATHERINE KEENER . WILLA HOLLAND . PERLA-HALEY JARDINE u.a.

Review Datum. 2011-04-08
Erscheinungsdatum. 2011-02-22
Vertrieb. ASCOT ELITE

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Wenn Michael Winterbottom nach seinen Vorbildern gefragt wird, nennt er häufiger vier verschiedene Namen: François Truffaut, Jean-Luc Godard, Wim Wenders - und: Ingmar Bergman. Der sozialkritischen Realismustradition des britischen Kinos steht dabei die Experimentierfreudigkeit der kontinentaleuropäischen Kinoreformbewegungen gegenüber, dokumentarischen Eigenschaften die Künstlichkeit des Genrefilms mit seinen Figurenpsychologien. Winterbottoms Filme sind dabei schwer zu greifen: Von Dokumentationen (IN THIS WORLD), mehr oder minder gewagten Arthouse-Projekten und klassischen Genre-Filmen (jüngst: THE KILLER INSIDE ME) deckt sein Werk nahezu alle um das Schlagwort "Realismus" zirkulierenden Filmformen ab, welches sich gegen klare Kategorisierungen und eindeutige Zuordnungen sperrt.

So verwundert es auch nicht, dass GENOVA genau diese Frage der Verortung aufwirft. Doch darauf kommt es nicht an, wenn man Winterbottoms Filme so begreift wie Winterbottom das Filmemachen: Als einen unvorhersehbaren Prozess, der Überraschungen bereithält und aus diesem Grund spannend ist - zumindest für den Regisseur. Winterbottom begibt sich aus diesem Grund häufig mit Handkameras, mit mobilem Licht, mit Improvisationen der Darsteller und einem kleinen, 15- bis 20-köpfigen Drehteam mit dem Zufall auf Konfrontationskurs.

Warum GENOVA als Familiendrama nicht funktioniert, erklärt sich genau aus diesen Drehbedingungen. Wenige Sekunden kurze Einstellungslängen, eingefangen in unruhigen Bildern funktionieren nur dann, wenn Tempo und Unruhe suggeriert, nicht aber innere Konflikte und Entfremdung dargestellt werden sollen. An der Klimax von GENOVA geht es um Leben und Tod, die Familienbeziehung zwischen dem Vater (Colin Firth) und seinen beiden Töchtern steht auf dem Spiel. Da ist GENOVA großes realistisches Kino, entlarvt Angst, Verwirrung, die großen Sorgen eines Vaters und einer Schwester. Originalschauplätze, Filmmusik, Geräusche und Schauspieler verschmelzen endlich zu einer funktionierenden Einheit, nachdem diese Einzelelemente bis dahin sich gegenseitig behindernd nebeneinander standen.

Winterbottom verhandelt den Unfalltod der Mutter und den anschließenden Umzug nach Genua, wo der Vater weiter als Dozent arbeiten kann, auf drei Ebenen. Der Vater verwindet den Verlust langsam mit einer Kollegin, mit der er sich schließlich auch privat trifft; Tochter Kelly entdeckt ihre Sexualität und beginnt, außerhalb der Familie unter Gleichaltrigen nach Halt zu suchen. Die zehnjährige Mary hingegen scheint sich in den engen und gefährlichen Gassen Genuas zu verlieren, sieht ihre tote Mutter an vielen Orten und folgt ihr. Da will Winterbottom Bergman sein: bei zahlreichen Ausflügen in Kirchen, auf der Suche nach einer übergeordneten Instanz, die das Leben ordnet und schließlich als analoge Person, als Geist oder als Sozialnetz in Erscheinung tritt.

Nur wirklich zusammenpassen will das nicht. Cutter Paul Monaghan fragmentiert durch eine zu hohe Schnittfrequenz dort, wo Winterbottoms Stamm-Kameramann Marcel Zyskind nach einer Einheit sucht. Zyskind suggeriert durch sein stets unausgeglichenes Verhältnis ruhiger und unruhiger Bilder mal improvisiertes "People and Places"-, mal straff durchgeplantes Schauspielerkino. GENOVA ist sowohl stilistisch als auch inhaltlich ein Zwitter, will intensives, realistisches und körperliches Drama sein, verzettelt sich aber symbolisch aufgeladen in der Summe seiner erzählerischen Fragmente um drei verschiedene Alltage und individuelle Figurenkonflikte, die nur in zwei familiären Extremsituationen ihre lose Verbundenheit zugunsten einer festen, kausal aufeinander bezogenen Verschränkung aufgeben. Wenn Winterbottoms Werke schon auf der intertextuellen Ebene grundverschiedenen sind, dann ist es die dissonante Merkwürdigkeit GENOVA auch auf der intratextuellen Ebene.

DVD.
Bild und Ton sind solide. Von den etwas spärlich geratenen Extras sind allein die Interviews ganz informativ, in denen es um die Arbeitsweise von Winterbottom und die Drehbedingungen geht.








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