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THE KILLER INSIDE ME (USA 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. THE KILLER INSIDE ME
Laufzeit in Minuten. 108

Regie. MICHAEL WINTERBOTTOM
Drehbuch. JOHN CURRAN . MICHAEL WINTERBOTTOM . JIM THOMPSON
Musik. MELISSA PARMENTER
Kamera. MARCEL ZYSKIND
Schnitt. MAGS ARNOLD
Darsteller. JESSICA ALBA . KATE HUDSON . CASEY AFFLECK . ELIAS KOTEAS u.a.

Review Datum. 2010-03-07
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Kalte Berechnung ist, was wahre Killer treibt. So besehen macht Michael Winterbottom alles mordsmäßig richtig in seiner Verfilmung von Jim Thompsons Pulp-Klassiker THE KILLER INSIDE ME. Wort für Wort kleidet er den berüchtigten Roman in Bilder, die an dieser Berüchtigtheit dringend Teil haben, sie in die Gegenwart überführen wollen, ohne zugleich auf das Privileg verzichten zu müssen, dabei in hocheleganter Retro-Optik zu schwelgen. Unendlich stilvoll allein schon das Intro, eine typografische Glanzleistung aus schattierten Farbfiltern, die sich über körnige Fotos der Darsteller legen, während die Credits im Schrifttyp Wide Latin fett daneben prangen. Musik zum Mitschnipsen: Little Willie John, "Fever". Im Film dann: texanische Staubpisten, fabrikneue Oldsmobiles, Stetsonhüte, Zigarettenqualm. Auf der Tonspur: Hank Williams, Richard Wagner.

Besonders originalgetreu (sprich: um Aufruhr bemüht) stürzt Winterbottom sich selbstredend auf die üblen Gewaltspitzen des Buchs. Lou Ford (Casey Affleck), der hinter der Fassade des schläfrigen Provinz-Sheriffs ein jeder Menschlichkeit abholdes Monstrum verbirgt, soll zu Beginn des Films eine Prostituierte (Jessica Alba) aus dem Ort jagen. Statt dessen versohlt er ihr zu durchaus beiderseitigem Lustgewinn den Hintern, hat eine wilde Affäre mit ihr, heckt dann einen perfiden Plan aus, einem alten Widersacher (Ned Beatty) eins auszuwischen, und prügelt der Nutte das Gesicht zu Mus. Das (zumindest theoretisch) Bestürzende an dieser Szene ist, dass Lou eben kein mühsam gezähmtes Tier ist, dem mal kurz die Triebsteuerung aussetzt, sondern ein bewusst amoralischer Vollstrecker, der noch bei der blutigsten Sauerei völlig kalkuliert zur Tat schreitet.

So auch Winterbottom. Ganze Arbeit leistet seine Makeup-Abteilung, in anschaulichen Einzelschritten geht die Gesichtsdeformation voran, vom Veilchen bis zur offenen Kieferfraktur. Ganze Arbeit leisten ebenso die Star-Images der perfekt besetzten Casey Affleck und Jessica Alba: Er zu lieb, um so zu töten, sie zu hübsch, um so getötet zu werden. Ganze Arbeit leisten, zu guter Letzt – in der Kalkulation jedoch elementar inbegriffen –, die Kollegen, die bei der Pressevorführung den Saal verlassen, am Ende ein bisschen buhen und später was von großen Skandalen berichten.
(Dazu eine kleine Anekdote: Nach dem Film defilierte ich im Gänsemarsch durchs Kinofoyer, als ich von einem Pärchen um die vierzig aufgehalten wurde. Wie der Film denn gewesen sei? Wirklich so schlimm? Die anderen sähen ja alle ganz schön mitgenommen aus. In beider Augen glomm eine wohlbekannte Mischung aus Angst und unbändiger Neugier. Was ich rückblickend gern gesagt hätte, mir in diesem Moment aber nicht in den Sinn kam: Nein, mitgenommen sind die nicht – bloß zu Tode gelangweilt.)

Kurz und gut: Wie Lou Fords Rechnung am Ende nicht aufgehen wird, verrennt auch Winterbottom sich in seinen Überzeugungen. Im Kopf mag sein Ansatz vernünftig klingen, in der Magengegend jedoch regt sich absolut nichts. THE KILLER INSIDE ME ist eine wahnsinnig leere akademische Stilübung, weder spannend noch schockierend, weder zynisch noch erotisch. Ein klein wenig mag das mit der Vorlage zu tun haben, die eben nicht die filmisch reich erprobte, wilde Haken schlagende Noir-Schnurre ist, sondern eher eine statische Konfiguration, die extrem von ihrer psychotischen Innensicht lebt. Überhaupt ist es bezeichnend, dass bislang nur sehr freie Thompson-Adaptionen, etwa Peckinpahs GETAWAY oder DER SAUSTALL, einigermaßen was geworden sind. Winterbottom hingegen verschreibt sich der Vorlage mit all ihrem rezeptionsästhetischen Ballast, stapelt ihn im Kino auf wie Sperrmüll an der Straßenecke, von dem die gierige Meute glauben soll, es sei Neuware. Umso größer die Enttäuschung, wenn man bei genauerer Betrachtung nichts vorfindet als ein auf Hochglanz poliertes, entkerntes Gehäuse.











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