AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
KAPITELWAHL

FRÜHREIFEN-REPORT (Deutschland 1973)

von Hasko Baumann

Original Titel. FRÜHREIFEN-REPORT
Laufzeit in Minuten. 83

Regie. ERNST HOFBAUER
Drehbuch. GÜNTHER HELLER
Musik. KARL A. DILZ
Kamera. KLAUS WERNER
Schnitt. MARTIN EBERLE
Darsteller. PETER HAMM . SONJA JEANINE . CHRISTINE VON STRATOWA . ULRIKE BUTZ u.a.

Review Datum. 2011-03-20
Erscheinungsdatum. 2011-01-06
Vertrieb. KINOWELT HOME ENTERTAINMENT

Bildformat. 1.66:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Der FRÜHREIFEN-REPORT, das war natürlich einer der unzähligen - meist recht erfolgreichen - Versuche, auf der Welle der in den 70er Jahren unfaßbar erfolgreichen SCHULMÄDCHEN-Filme mitzuschwimmen. Die schön bigotte Mischung aus behaupteter Empörung, vorgeschobener Aufklärungsversuche und unverhohlenem Spannertum wird hier in noch extremerem Maße ausgespielt als bei den Fummelfilmen rund um freche Schülerinnen: Dem Titel gemäß wird das Sexualverhalten Minderjähriger unter 14 Jahren "untersucht", und das in einer Reihe von Episoden, die von schwer erträglichen Albereien (bei einem jungen Pärchen "kribbelt" der Sex ganz doll, weil sie auf einen Ameisenhaufen liegen / im Kuhstall glotzen die Rindviecher ein dralles junges Ding an, man hört, was sie "denken") bis zu grenzwertigen Geschmacklosigkeiten (Muttern bringt ihren Lover nicht mehr auf Touren, also vergreift er sich an der 11jährigen Tochter) reichen. Im Grunde geht es in den seltensten Fällen weniger um "frühreife" Kinder - auch wenn man recht häufig nackte Mädchen bei der Selbstbefriedigung zu sehen bekommt - sondern vielmehr um die Wahrnehmung der Kleinen als sexuelle Reizkörper durch Erwachsene; sei es der Hausfreund, der beim Besuch eine 13jährige im Bad sabbernd begrabscht oder eine Ladeninhaberin, die den juvenilen Dieb auf frischer Tat ertappt und ihn die Schuld im Bett abarbeiten läßt. Zusammengehalten wird das Ganze wie immer von den Ausführungen eines "Experten", gesprochen wie so oft von Synchronlegende Manfred Schott; überhaupt darf hier wieder mal eine ausgesuchte Riege von Profi-Sprechern das Laienspiel der Akteure veredeln, Elmar Wepper muß sogar zweimal ran.

Natürlich werden diese Filme heute spöttisch belächelt, nur die "schmissige" Musik, die in den 90ern im Easy Listening-Wahn ein unverdientes Comeback feierte, darf gemocht werden, und präpotente Foren-Hooligans können sich ausgiebig über die unrasierten "Bären" der Darstellerinnen mokieren. Dabei wird mal wieder außer Acht gelassen, wie interessant die REPORT-Filme in vielerlei Hinsicht als Zeitzeugnis sind. Besonders bemerkenswert am FRÜHREIFEN-Report ist zunächst einmal die Rolle der Frauen, die hier, sieht man von der mißbrauchten Elfjährigen ab, den Männern meist stark und überlegen entgegen treten; sie sind besonnener, wenn es um die Probleme ihrer Kinder geht, erfahrener, wenn es um Sexualität geht, und eiskalt berechnend, wenn es um ihren Vorteil geht. Sie lassen die Männer auch wissen, daß sie mit deren sexuellen Kapazitäten nicht zufrieden sind; wer könnte es ihnen verdenken, so wie die Kerle sich hier beim Sex gerieren - meistens wird unsensibel an Brüsten rumgedrückt, als fielen den Typen hier zum ersten Mal zwei alte Autohupen in die Hände. Interessanterweise sieht überhaupt nur der von zwei Kleinkindern heimlich beobachtete Morgenfick wie leidenschaftlicher Sex aus, an dem zwei Menschen Spaß haben. So war wohl die von Oswalt Kolle zu Recht vorgeführte Ahnungslosigkeit des bröckelnden Patriarchats noch um einiges schlimmer als das gegenwärtige zwanghafte Abarbeiten misogyner Pornoklischees unter Jugendlichen.

Auf der anderen Seite erweist sich gerade bei dieser Variante der REPORT-Filme die Doppelmoral als besonders schwer verdaulich. Das größte Unbehagen löst natürlich besagte Episode aus, in der eine Mutter den Mißbrauch ihrer 11jährigen Tochter durch ihren Liebhaber duldet, weil sie ihn dadurch (Drohkulisse Staatsanwalt) an sich binden kann. Dabei stößt nicht nur der laxe Dialog direkt nach der Vergewaltigung des Kindes übel auf ("Jetzt bist Du eben der Hahn im Korb, mit zwei Hennen - Hauptsache, es bleibt für mich noch was übrig"), sondern auch die vorangegangene Sexualisierung des Mädchens, das im Kinderzimmer den Teddy gegen die Hand im Schritt tauscht. Hier erreicht das Spekulative eine in diesem Genre zu oft gesehene, bigotte Dimension, ganz gemäß der Boulevardpresse-Empörungszeile "Solche Bilder wollen wir nie wieder sehen". Ähnlich verhält es sich mit der Rahmenhandlung, in der eine Mutter Zeuge der sexuellen Annäherung eines Bekannten an die nackte 13jährige Tochter im heimischen Badezimmer wird. Von beiden unbemerkt überlegt sie, was zu tun sei (an diesem Punkt wird der "Spannungsbogen" zum Filmende wieder aufgegriffen) und entscheidet sich schließlich, nicht einzugreifen, sondern ihr Kommen mit der Türklingel anzukündigen und damit den Abbruch des Übergriffs zu erzwingen. Als sie ihrem Mann von dem Vorfall erzählt, will dieser Polizei und Staatsanwalt rufen, aber Mutter möchte ihrem Kind den Skandal ersparen und außerdem wisse man ja nicht, inwieweit die Tochter "ihn ermuntert" habe.

Natürlich glühen da schon so einige Drähte durch, wenn man das sieht, denn was im Folgenden als Aufforderung zur offenen Auseinandersetzung von Eltern mit der Sexualität ihrer Kinder verstanden werden will, hat gleichzeitig den Beigeschmack der Bagatellisierung - und tatsächlich, der Film kommt aus einer Zeit, in der Mißbrauch und Vergewaltigung noch durchaus als Kavaliersdelikt galten. Dennoch weht hier mitunter ein frischer Wind gegen den tausendjährigen Muff unter den Talaren, denn Sexualität wird nicht stigmatisiert und die Entdeckung des eigenen Körpers nicht zur Perversion deklariert. Es war noch ein weiter Weg bis zu "Tatort Internet", und das richtige Maß der Auseinandersetzung mit einem nach wie vor heiklen Sujet ist irgendwo dazwischen auf der Strecke geblieben.

DVD.
Der Film ist leider nicht im Originalformat zu sehen; bei 1.66:1 schaffen es die Titel nicht auf die Glotze. Und anamorph ist hier schon mal gar nichts, auch wenn Gegenteiliges behauptet wird. Der Film sieht recht grell und teils etwas kaputt aus, der Ton ist leicht schrill. Als Extras gibt es jede Menge Trailer (auch einen für den Film selbst) und eine Fotogalerie.








Jetzt bestellen bei...




AFTER DARK Film TALK | Facebook | Twitter :: Datenschutzerklärung | Impressum :: version 1.11 »»» © 2004-2018 a.s.