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KAPITELWAHL

MY SON, MY SON, WHAT HAVE YE DONE (USA/Deutschland 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. MY SON, MY SON, WHAT HAVE YE DONE
Laufzeit in Minuten. 87

Regie. WERNER HERZOG
Drehbuch. HERBERT GOLDER . WERNER HERZOG
Musik. ERNST REIJSEGER
Kamera. PETER ZEITLINGER
Schnitt. JOE BINI . OMAR DAHER
Darsteller. MICHAEL SHANNON . WILLEM DAFOE . CHLOË SEVIGNY . UDO KIER u.a.

Review Datum. 2010-11-10
Erscheinungsdatum. 2010-11-18
Vertrieb. KINOWELT HOME ENTERTAINMENT

Bildformat. 1.77:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1/DD 2.0) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
"Gott ist hier! Er ist im Haus mit mir, aber ich brauche ihn nicht mehr!" Brad Macallam (Michael Shannon) hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. (Diejenige, auf der wie ein Lebensmotto Razzle Dazzle steht, trägt er dafür in der Hand.) Bei Kaffee und Kuchen hat er seine eigene Mutter per Schwerthieb entleibt und sich vor den anrückenden Bullen hinter Schloss und Riegel verschanzt. Geiseln behauptet er genommen zu haben, und falls man Gott dazu zählen darf, ist Er der erste, den Brad gehen lässt. Durchs Garagentor kullert der Allmächtige die Ausfahrt hinunter und den staunenden Detectives (Willem Dafoe, Michael Peña) direkt vor die Füße: Es ist eine Dose oatmeal, eine Epiphanie aus Haferflocken.

Wir befinden uns in einer echten Wohngegend in San Diego, ein echter Familienbungalow, den das Filmteam um Werner Herzog quietschrosa anstreichen und mit Flamingo-Nippes vollstopfen durfte. Die Philosophie des On-Location-Drehs, die ethnografische Neugier des Dokumentaristen verlässt Herzog auch und gerade nicht bei so überaus bizarren Projekten wie MY SON, MY SON, WHAT HAVE YE DONE. Aus der klassisch verdichteten Genre-Situation - Brad brüllt hinterm Vorhang, die Bullen brüllen zurück - expandieren Rück- und Kreuz- und Querblenden über die halbe Erdkugel, von Kalifornien über Mexiko nach Peru bis China. Wahnsinn ist Weltsprache. Mit indiana-jonesiger Abenteuerlust stürzt sich Peter Zeitlingers Kamera auf alles, was ihr unter die digitale Linse gerät, Drehgenehmigungen gibt es nicht, Guerilla filmmaking ist Ehrensache. Ob reißender Dschungelstrom, Uiguren-Provinz oder Haferflockendose: Jeder Frame eine kulturanthropologische Schatzkiste.

Zu begreifen, dass das Exotische dem Heimischen nicht nur entspringt, sondern immer schon dort zu Hause ist, in Hotellobbys und Glasröhrenpalästen: dafür benötigt es den luziden Blick eines Irren wie Brad. Auch der ist im Übrigen "echt", hieß im wahren Leben Mark Yavorsky und war ein preisgekrönter Theaterschauspieler. Herb Golder, Professor für klassische Literatur und ein enger Freund Herzogs, war auf den Fall aufmerksam geworden, weil Yavorsky den Matrizid nach einer Rolle modelliert hatte, dem Orest des Aischylos. Mehrfach wird der Film durch Proben des Stücks zäsuriert, Udo Kier spielt den Regisseur im schwarzen Rolli. Das Drehbuch, das Golder mit Herzog bereits Mitte der 90er verfasst hat, verfährt angenehm unsauber mit den antiken wie biografischen und aktenkundigen Mythen, mischt kräftig eigene darunter, genuine Herzogmythen: den etwa vom verrückten Straußenfarmer, dessen Zuchthähne größer sind als von Zwergen berittene Zwergponies.

Viel ist im Vorfeld aus der Kollaboration mit David Lynch gemacht worden, Teamregie lautete gar ein Orakel. Letztlich begnügt hat sich Lynch mit der Position des Produzenten, von freundlicher Meditation und der Leihgabe diverser Stammakteure einmal abgesehen: Brad Dourif gibt müffelnd den Straußenfarmer, die unnachahmliche Grace Zabriskie Brads Mutter. Und doch leuchten hie und da feine Verbindungslinien auf, eine verlynchte Stimmung, in der sich das Unheimliche und Abseitig-Komische auf fast romantische Weise die Hände reichen. "Unsere Filme reden nicht miteinander, aber manchmal tanzen sie", sagt Herzog.

Ins Zwiegespräch tritt MY SON, MY SON mit einem anderen Film, Herzogs eigener BAD LIEUTENANT-Travestie aus demselben Jahr. Zweimal Amerika, zweimal (irgendwie) Genre, trotzdem: ein Wechselposter, bei dem man sich unmöglich für eine Seite entscheiden kann. Blaue Nächte, weiße Tage. Ungleiche Geschwister, wie Elektra und Orest, bilden die Protagonisten: Wo Nicolas Cage auf hoch vergnügliche Weise implodiert, dehnt Michael Shannon sich aus wie ein Felsmassiv, sein Gesicht ein unbehauener Findling, in dem es brutal und langsam arbeitet. Gemeinsam bilden beide Filme die Gegenbewegung einer Krise, die sich über dem BAD LIEUTENANT zusammen braut und in MY SON, MY SON nach außen wuchert als heimatloser, planetarer Wahnsinn.

Erklärungen darf man natürlich keine erwarten. In entscheidenden Momenten stoppt Herzog die Zeit, lässt seine Darsteller in Pose gefrieren, eine Einladung zur Spurenlektüre, die nichts hervorbringt als neue Mysterien. Zitternder schwarzer Wackelpudding in den Händen der Mutter: Das wäre ein Grund zum Töten, vielleicht. Details wie dieses geben dem Film sein Mobiliar, das von Mauern aber nicht umschlossen wird. Nur die Musik legt sich als magnetisches Feld um die versprengten Episoden; überhaupt scheint mir nicht genügend anerkannt, dass Herzog seit jeher ein begnadeter Soundtrack-Spürhund ist. Zum dritten Mal arbeitet er hier aufs Fruchtbarste mit dem niederländischen Avantgarde-Cellisten Ernst Reijseger zusammen, dazu kommen mexikanische Moritaten sowie eine gespenstische Aufnahme des texanischen Predigers Washington Phillips. Was da als knistrige Schellack-Stimme aus dem Jenseits herüberhallt, könnte von Herzog selber stammen: I am born to preach the Gospel, and I sure do love my job.

DVD.
An Bild und Ton gibt es nichts zu beanstanden. Die Synchro ist - abzüglich der gut getroffenen Hauptfigur - von Lustlosigkeit geprägt. Erfreulich dagegen die Extras, wenngleich ein wenig redundant: Fast alle (durchweg erhellenden) Anekdoten, die Herzog und Golder im halbstündigen Interview-Featurette erzählen, werden im Audiokommentar, den die beiden mit Co-Produzent Eric Basset eingeplaudert haben, an entsprechender Stelle wiederholt. Allerdings lauscht man gern auch zweimal, wie Herzog in schönstem Bavarian English spontane Regie-Entscheidungen erläutert, Fakt von Fiktion trennt und über die schlampige Verarbeitung der RED-Kamera mosert.








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