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KAPITELWAHL

DURHAM COUNTY - DIE KOMPLETTE STAFFEL 1 (Kanada 2007)

von Björn Lahrmann

Original Titel. DURHAM COUNTY
Laufzeit in Minuten. 275

Regie. HOLLY DALE . ADRIENNE MITCHELL
Drehbuch. LAURIE FINSTAD-KNIZHNIK . JANIS LUNDMAN . ADRIENNE MITCHELL
Musik. TOM THIRD
Kamera. STEVE COSENS
Schnitt. TERESA DE LUCA . ANNIE ILKOW
Darsteller. HUGH DILLON . JUSTIN LOUIS . HELENE JOY . LAURENCE LABEOUF u.a.

Review Datum. 2010-10-04
Erscheinungsdatum. 2010-08-06
Vertrieb. UNIVERSUM FILM

Bildformat. 1.78:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Ray Prager (Justin Louis) besitzt eine gefährliche Ader. Seine Augen können sich zwischen gestauter Wut und brüchigem Sean-Penn-Pathos nie recht entscheiden. Profanitäten tarnt er als kernige Späße, und beim Reden kommt er einem zu nah. Als Emporkömmling aus dem Proletariat sind ihm Trainingsklamotten und 1000-Dollar-Anzug gleich bequem; steinreich geworden ist er mit einem Klempnerbetrieb, weil es in seiner Heimatstadt genug Schmutz zum drin Wühlen gibt. Nach Feierabend frequentiert er den örtlichen Stripclub, zuhause warten derweil trophy wife und der schlaue Junior, dessen Schläue er verachtet. Am Anfang der Pilotfolge wird er einen Mord beobachten, am Ende derselben einen begehen.

Ray ist das sexualpathologische Aushängeschild von DURHAM COUNTY, der kanadischen Variante eines mittlerweile klassischen (und ein bisschen auch durchgenudelten) Qualitätsfernsehmusters: dunkle Geheimnisse im suburbanen Lattenzaunparadies. Der Mutter aller televisionären Kleinstadthöllen, TWIN PEAKS, erweist die Serie pflichtschuldig die Ehre mit schwimmender Frauenleiche und einem Sheriff namens Palmer. Eigentlicher Held ist jedoch Detective Mike Sweeney (Hugh Dillon), ein workaholischer Glatz- und Hitzkopf, der nach langen Jahren mit Kind und Kegel in seine Heimat zurückkehrt. Mit Ray verbindet ihn seit Jugendtagen eine innige Feindschaft, Böses ist damals vorgefallen, das nur sehr langsam ans Licht will. Jetzt sind die beiden - der Killer und der Cop, der ihn jagt - direkte Nachbarn.

Hinter der High-Concept-Prämisse des ausgedehnten Männerduells steckt - und das ist im Fernsehgeschäft immer noch die Ausnahme - ein rundum weibliches Kreativteam: Drei Autorinnen und zwei Regisseurinnen zeichnen für die erste Staffel verantwortlich. An den fürs Genre üblichen Mystery-Elementen zeigen sie kaum Interesse, die Fakten von Rays Schandtaten liegen dem Zuschauer jederzeit offen. Der Fokus richtet sich vielmehr auf kleinbürgerliche Krisendynamik: Nach einem schweren Brustkrebsleiden muss Mikes Frau Audrey (Helene Joy) sich damit abfinden, dass ihr Platz in der Familie nicht mehr der alte ist; insbesondere das nassforsche Töchterlein (Laurence Labeouf) entgleitet ihr zusehends in Richtung Vater. Bei den Pragers gegenüber probt derweil Modelgattin Tracy (Sonya Salomaa) die Emanzipation, erkennt jedoch, dass sie den Absprung nur ohne ihren geliebten Sohn bewältigen kann.

Viel Stoff also für gerade einmal sechs 45-minütige Episoden, zu viel, um genau zu sein. Die hochdosierte Ereignisdichte kollidiert mit einem insgesamt eher moderaten Erzähltempo, wodurch die rasche Abfolge von Plot Points abrupt und holprig wirkt; das beginnt bei Freundschaften, die sich aus dem Nichts entwickeln, und hört auf beim inflationären Einsatz von Gewaltspitzen. Hinzu kommt, dass die Figur Ray wohl einer der unsubtilsten Pantoffelpsychopathen ist, die sich jemals über die Mattscheibe gemeuchelt haben. Das ist einerseits Kalkül: Ray hat gar keinen Grund, sich zu zügeln, weil sein unantastbarer Status innerhalb der Gemeinde ihm den Sublimationsapparat ersetzt. Egal, wie sorglos er ausrastet: bis auf Sweeney (der ihm natürlich im Herzensgrunde ähnelt) sind alle für seinen Wahnsinn blind. Dass dadurch jenes Rezeptionsverhalten, das sich suspension of disbelief nennt (also: das stille Einverständnis, es mit der Logik nicht allzu eng zu nehmen), dennoch aufs Äußerste strapaziert wird, ist nicht von der Hand zu weisen.

Aber genug gemeckert, eine leise Empfehlung lässt sich allemal aussprechen. In Ton und Ästhetik ist DURHAM COUNTY auf unbemühte Weise Fincher light, chromblau und schwermütig, ohne gänzlich humorlos zu sein. Als pointierte Bildmetapher erweist sich der Dschungel aus Strommasten, der die Stadt wie ein elektrischer Bannkreis umschließt. Durchaus gefällig auch die Anreicherung mit leicht surrealen Irritationsmomenten: Halluzinationen, Stroboskopblitze, Kinder in Mangamasken. Die Darsteller tun allesamt ihr bestes, Justin Louis, trotz grenzenloser Chargiermöglichkeiten, sogar ein bisschen mehr. Wie in so vielen Serien, die an der Oberklasse knapp vorbei schrammen, geht auch in DURHAM COUNTY stimmige Chemie letztlich über knarzende Mechanik.

DVD.
Optisch gibt es nichts zu mäkeln. Die Tonspuren irritieren durch eklatante Lautstärkeunterschiede, wobei die englische Fassung klar zu leise ist. Untertitel gibt es keine, was umso bedauerlicher ist, als sich die deutsche Synchro eher auf der überartikuliert-verdummenden Seite befindet. (Mal sehr allgemein: Ob man einen Satz alltäglich hinspricht oder wie auf der Theaterprobe mit hörbarem Lächeln skandiert, ist kein Unterschied der Herangehensweise, sondern zwischen gutem und schlechtem Fernsehen.) Als Bonus gibt's 25 Minuten lang die üblichen Interviews: "---die Idee kam mir, als---so dankbar für die Rolle---ganz was Neues---die beste Regisseurin, mit der ich je---" etc.








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