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KAPITELWAHL

MY SASSY GIRL (Korea 2001)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. YEOPGIJEOGIN GEUNYEO
Laufzeit in Minuten. 119

Regie. JAE-YOUNG KWAK
Drehbuch. JAE-YOUNG KWAK
Musik. HYEONG-SEOK KIM
Kamera. SUNG-BOK KIM
Schnitt. SANG-BEOM KIM
Darsteller. TAE-HYUN CHA . GIANNA JUN . JIN-HIE HAN . SOOK-HE HYUN u.a.

Review Datum. 2010-07-20
Erscheinungsdatum. 2010-06-25
Vertrieb. SPLENDID

Bildformat. 1.78:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . KOREANISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Romantische Komödien haben etwas mit Horrorfilmen gemeinsam: Sie haben einen miesen Ruf, weil sie immer an ihren schlechtesten Beispielen gemessen werden. Dabei verhält es sich in beiden Fällen wie in jedem anderen Genre auch: Das meiste ist Murks nach Schema F, aber wer sich davon nicht dauerhaft blenden lässt, findet das eine oder andere Juwel. Ob MY SASSY GIRL ein solches ist, ist schwierig zu entscheiden. Denn eines steht immerhin fest: Nach Schema F verläuft die südkoreanische Produktion, die 2001 zu den ganz großen Abräumern der Koreawelle in Asien gehörte, sicherlich nicht. Zumindest nicht komplett. Im Westen blieb der Film von Jae-Young Kwak, der 2008 mit CYBORG SHE eine ähnlich ungewöhnliche Romantikkomödie auf japanischem Boden nachlieferte, ein innig geliebter Geheimtipp. Auch das unvermeidliche aber kaum gesehene US-Remake konnte ihm nicht aus der Obskurität in den Mainstream helfen.

Seinem sassy Girl (Gianna Jun aus BLOOD: THE LAST VAMPIRE) begegnet der Student Kyun-woo (Tae-hyun Cha) in der U-Bahn, wo er sich der geheimnisvollen, schönen, sturzbesoffenen Fremden widerwillig annehmen muss, nachdem die genervten Umstehenden ihn für ihren Freund halten. Als sie ihren Rausch ausgeschlafen hat, dankt sie ihrem Retter auf fragwürdige Art. Es kommt zwar zu mehreren Dates, aber die große Klappe und ruppige Art der jungen Frauen sind oft zu viel für den duckmäuserischen Kyun-woo. Dennoch entwickelt sich eine mal harte, mal zarte Beziehung, die überschattet wird von einem düsteren Geheimnis, wie man so schön sagt.

Eine romantische Komödie steht und fällt stärker als jede andere Gattung von Film mit ihren Hauptrollen und deren Darstellern. Hier ist MY SASSY GIRL gleich genauso zwiespältig wie im ganzen Rest. Auf den Punkt gebracht: Sie toll, er doof. Gianna Jun hat zu Recht viel Lob und internationale Auszeichnungen für ihre komisch und tragisch überzeugende Darstellung der vielschichtig angelegten Figur bekommen. Kyun-woo allerdings ist ein ungehobelter, quengliger Volltrottel (keinesfalls zu verwechseln mit einem liebenswerten Verlierer), von Tae-hyun Cha angemessen unsympathisch und uncharismatisch gespielt. Eigentlich haben die beiden sich gar nicht verdient.

Vieles an der Dramaturgie von MY SASSY GIRL ist schlauchend konventionell und vorhersehbar. Man kann sicher sein, dass mehrmals in ungünstigen Momenten erbrochen wird, sich eine schöne und willige Frau am Pissoir als Mann entpuppt (nicht die Titelrolle, keine Sorge), Toupets und Kondome in den falschen Situationen gelüpft werden, und das meiste davon zu betont lustiger Musik. Melancholischer wird die Musik freilich, wenn die frisch Getrennten ihren Fehler erkannt haben und einander hinterherlaufen und nur stehenbleiben, wenn sie die Kamera beim bangen Blick auf Abfahrtanzeigetafeln öffentlicher Verkehrsmittel umkreisen muss.

Dann gibt es aber auch Aspekte, die man überhaupt nicht vorhersehen konnte. Leider nicht immer, weil sie so brillant wären. Wenn das Pärchen beim nächtlichen Einbruch in einen Vergnügungspark zu Geiseln eines durchgeknallten desertierten Soldaten wird, ist das ebenso an den Haaren herbeigezogen wie witzlos. Ein paar imaginierte Film-im-Film-Sequenzen, die auf Drehbuchideen der Titelfigur basieren, sind für sich genommen äußerst gelungen, parodieren schön die Gepflogenheiten des (nicht nur) koreanischen Unterhaltungsfilms. Oberflächlich und isoliert betrachtet Höhepunkte des Films, aber in der Gesamterzählung sind sie Fremdkörper. Die Tatsache, dass die junge Frau Drehbuchautorin werden möchte, hat keinerlei Konsequenzen für die Handlung oder die Figur und wird über die besagten Szenen hinaus auch nicht vertieft.
Aber da ist auch das Finale, das mit einer überraschenden Enthüllung (dramatisch) und einer überraschenden Wendung (komisch) komplett schlüssig ist und für vieles entschädigt, zumal man wirklich einen neuen Blick auf das bisher Geschehene bekommt. Mit dem Wissen um das Vorausliegende macht MY SASSY GIRL beim zweiten Versuch mehr Spaß als beim ersten.

Es darauf anzulegen ist freilich ein enormes künstlerisches und kommerzielles Wagnis. Warum sollte man einen Film zum zweiten Mal sehen, wenn er beim ersten Mal nicht gefallen hat? Nun ist dies aber eben kein Film, der auf den ersten Blick total missfällt. Lediglich einer, der einen nach dem ersten Mal kopfkratzend zurücklässt. Das Kopfkratzen dient der Entscheidungsfindung. Sollte man sich entscheiden, diesen mal originellen, oft bloß konfusen Film möglichst schnell zu vergessen oder ihm noch eine Chance zu geben, hängt von der eigenen Tagesform ab. An dieser Stelle sei Letzteres empfohlen. Vielleicht ist MY SASSY GIRL ein Film, an dem man im Verlauf der Jahre mehr Gefallen finden wird, als man anfangs für möglich hielt. Und das ist bestimmt wertvoller als ein Schema-F-Film, der beim ersten Mal blendend unterhält und dann nie wieder.

DVD.
Bei dieser überarbeiteten Neuauflage gibt es, im Gegensatz zur ersten deutschen Veröffentlichung, an Bild- und Tonqualität nichts auszusetzen. Auch die neue Synchronisation ist schön geworden, obwohl der Originaltonfall der Darsteller nachwievor manche Pointe sicherer ins Ziel bringt. An Extras gibt es unkommentierte Aufnahmen vom Dreh der Film-im-Film-Sequenzen und ein paar PR-Interviews mit so mutigen Fragen wie: "Was macht diesen Film so erfolgreich?" Braucht man nicht, frisst aber auch keine Brot.








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