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KAPITELWAHL

DAS DORF DER ACHT GRABSTEINE (Japan 1977)

von Björn Lahrmann

Original Titel. YATSUHAKA-MURA
Laufzeit in Minuten. 145

Regie. YOSHITARÔ NOMURA
Drehbuch. SHINOBU HASHIMOTO
Musik. YASUSHI AKUTAGAWA
Kamera. TAKASHI KAWAMATA
Schnitt. KAZUO OTA
Darsteller. KENICHI HAGIWARA . MAYUMI OGAWA . TSUTOMU YAMAZAKI . KIYOSHI ATSUMI u.a.

Review Datum. 2010-06-10
Erscheinungsdatum. 2010-05-07
Vertrieb. POLYFILM/ALIVE

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. JAPANISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Eine angenehme Enttäuschung ist es, schlechte Urteile revidieren zu müssen. Nach einer Reihe mäßiger (oder wenigstens: mäßig gealterter) Filme hatte ich mit Yoshitarô Nomura insgeheim schon abgeschlossen. Irgendwie muss man den eigenen Konsum ja mal einschränken, da kommen solche keineswegs bös gemeinten Inkompatibilitäten gerade recht. DAS DORF DER ACHT GRABSTEINE hält dann aber doch, was die Sachwalter des Regisseurs immerzu versprechen: zünftige Breitenunterhaltung zwischen Agatha Christie und Scooby Doo, toller Mummenschanz mit Nebel, Amok und Gespenstern.

Der junge Fluglotse Tatsuya (Kenichi Hagiwara) kehrt zum ersten Mal seit Kindertagen ins Dorf seiner Geburt zurück, um an der Beerdigung seines Großvaters teilzunehmen. Der alte Mann hatte ihn nach Jahren der Trennung ausfindig gemacht, war aber noch während ihres ersten Treffens an einer Dosis Strychnin verendet. In der Heimat wird Tatsuya, nicht bloß deshalb, sofort scheel beäugt; ein 400 Jahre alter Samuraifluch, erklärt man ihm (und zeigt man uns in Rückblenden, die mit Blutgespritz und Gliederflug ordentlich prassen), lastet auf der Familie, deren Erbe er nunmehr antreten soll. Weitere Giftmorde geschehen, und bald zieht die halbe Dorfbevölkerung gegen Tatsuya zu Felde.

Eine beliebte Theorie definiert das Unheimliche als etwas einst Vertrautes, das über Zeit der Verdrängung anheim gefallen ist und irgendwann, ins Schreckliche gewendet, mit voller Wucht zurückschlägt. Tatsuya ist insofern eine spannende Figur, als er Akteur und Opfer des Unheimlichen zugleich darstellt: Aus Dorfsicht ein unerwünschter Fremdling, dessen Wiederkehr den gefürchteten Fluch aufs Neue auslöst, wird er selber bei seiner Ankunft unverhofft mit dunklen biografischen Flecken konfrontiert. Prägnant visualisiert Nomura die Doppelspannung, unter der die Figur steht, indem er seine Kamera immer wieder in Lauerstellung hinter Tatsuyas Rücken positioniert: eine Perspektive, in der Allwissenheit und Distanz sich überlappen.

Der Rätselcharakter des Unheimlichen lässt den Einsatz kriminalistischer Methoden geradezu folgerichtig erscheinen; kein Zufall, dass Edgar Allan Poe neben seinen Schauergeschichten auch den modernen Detektiv aus der Taufe gehoben hat. Der folkloristische Veitstanz im DORF DER ACHT GRABSTEINE wird alsbald durch das Auftauchen eines privaten Ermittlers (Kiyoshi "Tora-san" Atsumi) geerdet, dem zu rationalisieren aufgetragen ist, was Tatsuya an Unerklärlichem geschieht. Ein erzählerischer Kniff, der es Nomura erlaubt, Whodunit und Gruselschwank parallel laufen zu lassen, ohne die sich auftuenden Lücken zwischen Spuk und Profanem zwangsläufig schließen zu müssen. Zudem versieht die Ermittlerfigur einen Film mit nötiger Struktur, dessen Held sich eher passiv durch die heillos verwinkelte Handlung schleifen lässt.

In Anlehnung an die mentalen Landschaften der Gothic-Literatur muss Tatsuya sich selbst und seine Heimat buchstäblich in- und auswendig kennen lernen. Unterhalb des verwunschenen Dorfs befindet sich ein irreal glühendes Höhlenlabyrinth, ein geografisches Unterbewusstes, dessen liebevolle Ausstaffierung an die Filme der Hammer-Studios erinnert. In Außenaufnahmen erzielt Nomura ähnlich simple, schöne Effekte mit dicken Nebelschwaden und honigfarbenem Dämmerlicht.
Motivlich fährt das Drehbuch so ziemlich alles auf, was das Genreinventar hergibt: Zwielichtige Zwillingstanten, erotische Halbschwestern, böse Träume – gewissermaßen die Mangavariante von TWIN PEAKS. Stoff genug für zweieinhalb Stunden ist allemal da; höchstens der letzte Akt wirkt über Gebühr gestreckt, was für einen dramaturgischen Wiederkäuer wie Nomura (siehe etwa sein bis zum Erbrechen redundantes Gerichtsdrama THE INCIDENT) allerdings schon zurückhaltend zu nennen ist. Dennoch: DAS DORF DER ACHT GRABSTEINE befördert Yoshitarô Nomura auf meine filmische Landkarte zurück. Es ist doch manchmal wie ein Fluch.

DVD.
Man braucht's kaum noch zu sagen: Erneut eine exzellente Scheibe von Polyfilm. Das Bild neigt in dunklen Passagen leicht zum Griesel, ansonsten wird man von der Farbenpracht förmlich erschlagen. Der Sound ist druckvoll und klar, speziell der schwer ohrwurmverdächtige Sinfoniesoundtrack ist wunderbar präsent. Extras: Trailer von diversen anderen Titeln der Reihe "Japanische Meisterregisseure".








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