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KAPITELWAHL

DIE KATZE (Deutschland 1987)

von Björn Lahrmann

Original Titel. DIE KATZE
Laufzeit in Minuten. 113

Regie. DOMINIK GRAF
Drehbuch. CHRISTOPH FROMM . UWE ERICHSEN
Musik. ANDREAS KOEBNER
Kamera. MARTIN SCHÄFER
Schnitt. CHRISTEL SUCKOW
Darsteller. GÖTZ GEORGE . GUDRUN LANDGREBE . JOACHIM KEMMER . HEINZ HOENIG u.a.

Review Datum. 2010-04-25
Erscheinungsdatum. 2010-02-05
Vertrieb. ALIVE

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 0

FILM.
Drei Mann. Einer beobachtet die Bank von oben (Götz George). Zwei gehen rein (Heinz Hoenig, Ralf Richter). Der Beobachter souffliert per Walkie-Talkie Anweisungen, sein Hotelzimmer steht voll mit schwerem Abhörgerät und Fernrohren. Wie die Maschinen arbeitet er kalkuliert und präzise, seine Bewegungen knapp und scharf. Die beiden am Boden sind da eher laissez-faire, schwingen die Knarren, feixen mit dem Personal, rasten adrenalinbedingt auch schon mal aus. Der Grad ihrer Professionalität lässt sich ablesen an der jeweiligen Tarngarderobe: Hoenig trägt Sturmhaube, Richter einen Strumpf. Das Geld im Tresor ist weniger als erhofft, die Bullen (unter Führung des grandios muffigen Joachim Kemmer) rücken an. Ein simpler Bankraub wird zur Geiselsituation. DOG DAY AFTERNOON in Düsseldorf.

"DIE KATZE war als typisches Achtziger-Jahre-Starvehikel geplant, nicht mehr und nicht weniger. Wir wollten aber mehr", schreibt ein rückblickender Dominik Graf. Mit "wir" meint er seinen Drehbuchautor Christoph Fromm, der hier bravourös einen Dutzendkrimi zur Sidney-Lumet-Hommage veredelt, sowie Kameramann Martin Schäfer, dessen akribische Lichtgestaltung viel damit zu tun hat, was noch heute so anders ist an diesem deutschen Film. Dunkelgoldene Innenräume kämpfen gegen betonweiße Häusertrichter wie ein Duell zwischen Henri Verneuil und Damiano Damiani. Französisch wirkt der sadistisch verspielte Humor, italienisch die speckige Ungeschliffenheit der Requisite, die nichts übrig hat für fabrikneue Autos und druckfrische Fahndungsakten. Einmal muss ein dicker Bulle strippen, da kann man froh sein, dass die Woolworth-Unterbuchsen wenigstens gewaschen sind.

Die Stärke des Drehbuchs liegt im gezielten Informationsverzicht. DIE KATZE funktioniert wie ein auf links gedrehtes heist movie, dessen wichtigste Etappen – die Konstellation der Täter, die Planung des Raubzugs – ausgespart werden. Gleichung mit drei Unbekannten. Erst nach und nach erfahren wir die Vorgeschichten und Motive der Figuren, die mannigfaltigen Komplikationen, die sich aus ihnen ergeben. Man ahnt etwa, dass George und Hoenig sich von früher her kennen, mittlerweile kriegen sie aber nicht mal mehr ihre Uhren abgeglichen. Eine Frau gibt es auch noch, die Gattin des Bankdirektors (flambiert: Gudrun Landgrebe), mit der der Beobachter eine Affäre hat. Unterm Vorspann wird gevögelt, George darf den prolomäßigen Gigolo raushängen lassen, Landgrebe den Lockenkopf herumwerfen. Dazwischen geschnitten immer wieder der gehörnte Ehemann, der verzweifelt das Gesicht in die Hände presst. Schon hier wird die herausragende Eigenschaft des Films etabliert: seine schwindelerregende Multiperspektivität.

Grafs Regie ist eine logistische Meisterleistung, die er selbst als "militärische Operation" beschreibt. Jede Szene musste aus mindestens einem Halbdutzend Winkeln abgefilmt werden, die Polizei beobachtet die Bank, die Räuber beobachten die Polizei, der Beobachter beobachtet alle zusammen. Erst im Schnitt generiert sich daraus die hochkomplexe Geometrie des Ortes, zusammengesetzt überwiegend aus langen Brennweiten, deren Druck spürbar auf den Akteuren lastet. Immer wieder fährt die Kamera an grobporigen, schmierig glänzenden Gesichtern vorbei; nur bei George wirkt der Schweiß wie mit der Pipette aufgetropft. Die siedende Spannung, die der Film nahezu en bloc aufrecht erhält, entsteht aus den Defiziten der einzelnen Blicke, daraus, dass niemand gleichzeitig alles sehen und hören und wissen kann. Auf der Tonspur ballen sich dazu Polizeifunk, Radio-Muzak und Dialog zu einer Kakophonie aus halbverständlichen Phantom-Echos.

Mit gehöriger Ironie fährt DIE KATZE auf, was an modernem Überwachungsspielzeug damals zu haben war. Alles für die Katz': Man verzettelt sich heillos in der Unzahl an Perspektiven, aus denen man eine Situation betrachten kann; die Absicherung nach allen Seiten multipliziert bloß die Unsicherheit im toten Winkel. In einer der aufregendsten Szenen erscheint am trüben Horizont ein Helikopter. Zwischen den Hochhäusern senkt er sich langsam ab, sein Rotorstrom richtet am Boden ein Chaos an. Direkt vor Georges Fenster schwebt er sich fest, wie Ahab und der Wal stehen sie einander gegenüber. Doch das fliegende Auge ist blind: Im welligen Sicherheitsglas erscheint nichts als das verzerrte Spiegelbild seiner selbst.

DVD.
Qualitativ ist die DVD ein Quantensprung zur Eurovideo-Fassung, die den Film in schäbigem Vollbild und leicht gekürzt verramschte. Hier nun Originalformat und eine digitale Überarbeitung, die das Bild von Altersspuren zwar befreit, ihm aber dennoch nicht seine deftige Körnigkeit nimmt. Schön rot auch das Blut in den wiederhergestellten, überraschend saftigen Actionszenen. Der Tonspur hört man die Jahre durchaus an, manche Schnauzerei zwischen Hoenig und Richter verliert sich im schwammigen Mix, die Songs plärren gelegentlich recht dünn. Mit hübschem DigiPack, schlauem Booklet und engagiertem Interview mit Filmkritiker Andreas Körte stellt die FAZ-Edition nunmehr die definitive Ausgabe des Films dar.








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