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KAPITELWAHL

CONTACT HIGH (Österreich/Deutschland/Polen 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. CONTACT HIGH
Laufzeit in Minuten. 95

Regie. MICHAEL GLAWOGGER
Drehbuch. MICHAEL OSTROWSKI . MICHAEL GLAWOGGER
Musik. diverse
Kamera. ATTILA BOA . WOLFGANG THALER
Schnitt. MONIKA WILLI
Darsteller. MICHAEL OSTROWSKI . RAIMUND WALLISCH . GEORG FRIEDRICH . DETLEV BUCK u.a.

Review Datum. 2010-01-13
Erscheinungsdatum. 2010-01-15
Vertrieb. EUROVIDEO

Bildformat. 2.35:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1)
Untertitel. keine
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Wenn zwei was rauchen, freut sich der dritte: Das ist das Prinzip des CONTACT HIGH, einer uralten psychedelischen Utopie, die in etwa besagt, dass man in bloßer Anwesenheit zugedrogter Personen selber high werden kann. Dem Kino attestiert man ja gern ähnliches Ansteckungspotenzial, insofern ist es nur recht und billig, wenn man die beiden Phänomene kombiniert. Also: einen Film dreht über das Berauschen am Berauschten, dessen Ansicht – so die Legende denn stimmt – den Zuschauer gleich mitberauscht. Terry Gilliam hat sowas mal versucht mit FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS, Wenzel Storch ist es mit DIE REISE INS GLÜCK, weniger explizit, dafür umso besser gelungen. Jetzt also Michael Glawogger, thematischer Tausendsassa zwischen Dokumentation, Literaturverfilmung und Slackerkomödie sowie, als humoristisches Fundament unerlässlich, Österreicher.

Fear and Loathing in Lodz – da geht Glawoggers Trip, im doppelten Sinne, hin. Ein ominöser Koffer soll dort abgeholt werden für den Gangsterboss Carlos, der mit diesem Auftrag den schwulen Autohändler Harry (Detlev Buck) betreut, der ihn wiederum an den hitzköpfigen Kleinganoven Schorschi (Georg Friedrich) delegiert, der aber lieber die 24 Stunden von Le Mans gucken will usw., bis die Mission schließlich und endlich im Schoß zweier erfolgloser Würstlbudenbetreiber landet. (Auch mal eine Untersuchung wert: Warum Wurst lustiger ist als Käse.) Mit Magic-Mushroom-Semmeln und Spacekeksen im Proviant, treten Max (Michael Ostrowski) und Johann (Raimund Wallisch) die Reise nach Polen an und treiben bald schon dauerbedröhnt zwischen verführerischen Dancefloor-Hasen, schweinegesichtigen Bullen und scheißenden Hühnern der narrativen Auflösung entgegen.

Letztere ist ein Segen für CONTACT HIGH, der als denkbar pointenlahme Kifferkomödie auf eingeschlafenem Fuß startet und erst dank diverser Pilz- und Pillenexzesse zum Leben erwacht. Der sattsam bekannte Roadmovie-Basisplot, bei dem bald jeder jeden verfolgt, dient nur noch als Triebmotor einer Reihe von episodisch ineinanderfließenden Delirien, die sich stetig steigern und peu à peu die gesamte Filmwelt an sich reißen: Zimmer beginnen zu schrumpfen, Schmetterlingsmuster lösen sich von der Tapete, und das Licht diffundiert in knallbunten Kaleidoskopen. Weil der Titel des Films zugleich sein eigenes Programm ist, weitet sich der Rausch der beiden Protagonisten epidemisch auf immer mehr Akteure aus, die sich an immer mehr Orten um immer mehr Koffer kloppen. Wie bei der Mitose ergibt geteiltes High doppeltes High, doppeltes vierfaches etc., bis sogar Filipinas und Pakistanis in globaler Kollektivdröhnung miteinander vereint sind. Eine nüchterne Außenperspektive wird nicht einmal mehr zur humoristischen Reibung gewährt, sogar das leitmotivisch auf Fernsehschirmen auftauchende Le Mans ist weniger temporaler Orientierungspunkt (Zeit, auch Erzählzeit, tendiert unter Substanzeinfluss ja sehr zum Relativen) als vielmehr Spiegelung der sich schön sinnlos im Kreis drehenden Kofferjagd.

Dankenswerterweise vermeidet CONTACT HIGH die enervierende Hyperaktivität jüngerer Drogenspäße (vgl. den unerträglichen SPUN) und folgt statt dessen dem gediegenen Rhythmus des Rauschs. Die Stoner-Szenarien gelingen mal fabulös (etwa: Zeichentrickeinlage mit Roxy-Music-Überbau), mal fad (etwa: Discosequenz mit Hundemasken), sind dank einer gekonnten Mischung aus CGI, Modellbau und Kameraeffekten aber jederzeit ansehnlich umgesetzt. Etwas häufiger als einem lieb ist wird in den formalästhetischen Klischeetopf des Genres gegriffen, es wimmelt nur so vor Fischaugenlinsen, Surfmucke und Ford Mustangs. Wortwitz ist die Sache des Drehbuchs nur sehr bedingt, die Bedingung heißt: Georg Friedrich, dessen unbezahlbare Performance als Schorschi von Detlev Bucks nordischem Understatement in immer absurdere Höhen getrieben wird. Ein CONTACT HIGH der Komik, sozusagen. Schade, dass Lachen in diesem Film nicht immer so ansteckend ist.

DVD.
Qualitativ gibt es an der DVD absolut nichts auszusetzen, Bild und Ton sind erstklassig. Als Extras gibt's eine Ausgabe des sehr seltsamen Kinomagazins Monopol News, ein noch viel seltsameres Musikvideo des Titelsongs und ein an Seltsamkeit nicht mehr zu übertreffendes Sammelinterview, wo sich alle gegenseitig widersprechen, mannigfaltige Hüte getragen werden und viel über sich selbst gelacht wird. Um's mit Michael Ostrowski zu sagen: "Tiefsinnigkeit und Schwachsinn haben sich immer die Waage gehalten." Darauf einen Keks.








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