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KAPITELWAHL

SHERLOCK HOLMES SUPERBOX (USA 1939-1946)

von Jenny Jecke

Original Titel. THE SHERLOCK HOLMES COLLECTION
Laufzeit in Minuten. 951

Regie. ROY WILLIAM NEILL
Drehbuch. diverse
Musik. diverse
Kamera. diverse
Schnitt. diverse
Darsteller. BASIL RATHBONE . NIGEL BRUCE . MARY GORDON . DENNIS HOEY u.a.

Review Datum. 2009-12-15
Erscheinungsdatum. 2009-10-16
Vertrieb. KOCH MEDIA

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ENGLISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Dieses Kinn! Diese Stirn! Diese Nase! Wer auch immer für Basil Rathbones markante Gesichtszüge verantwortlich zeichnet, hat mehr als nur einen Klopfer auf die Schulter verdient. Umso köstlicher ist da die Vorliebe des von ihm verkörperten Sherlock Holmes, des Meisters der Logik und die personifizierte Ratio, sich in geradezu hanebüchene Verkleidungen zu hüllen. Auf die Geschichten von Arthur Conan Doyle selbst geht diese Methode der Investigation zurück und wenn man der Film-Reihe um Rathbone und Nigel Bruce als Dr. Watson gerade die massiven Abweichungen vom Original vorwerfen kann, so hat sie doch diesen burlesken Zug Holmes' bewahrt.

Rathbones Gesichtszüge, so scharf geschnitten wie ein Seziermesser, haben bis zum heutigen Tage unsere Vorstellung vom Aussehen des Meisterdetektivs in nicht zu unterschätzendem Maße geprägt. In vierzehn Filmen hat die britischste aller Spürnasen die Moore um Baskerville Hall durchwandert, sich ein Duell auf dem Tower von London geliefert und gegen die Nazis gekämpft. Zunächst unter dem Dach von 20th Century Fox legte das Team Rathbone-Bruce 1939 mit der berühmten, aber recht trägen Verfilmung von DER HUND VON BASKERVILLE das Fundament für eine langjährige Zusammenarbeit, die auch in unzähligen Radioshows fortgesetzt wurde. Der HUND ist zwar aus heutiger Sicht keinesfalls ein Fehlstart, doch ist der Star des Films eindeutig das weitläufige Studio-Moor, dem Regisseur Sidney Lanfield in Sachen Ausleuchtung, Kamera-Dynamik und Spannung nicht sonderlich einfallsreich oder aber gar nicht begegnet. Von Beginn an funktioniert hingegen die Rathbone-Bruce-Routine. Vor allem letzterer darf hier noch als produktives Element an den Ermittlungen teilhaben, während Dr. Watson in späteren Jahren erst zum comic relief, gegen Ende sogar zum herumstolpernden Hindernis degenerieren wird. Viel Kritik wurde seither an Nigel Bruces Spiel geübt, doch eines muss man ihm zu Gute halten: Sein Watson ist, im Gegensatz zu einigen seiner Nachfolger, zumindest nicht langweilig. Sherlock Holmes dagegen erscheint auf der Leinwand wie auch in der Vorlage als überlebensgroße Ikone von einer Figur. Auf Grund des latenten Desinteresses an den Tiefen seines Charakters, welche die Stories der Reihe leider offenbaren, kann man es Rathbone daher nicht hoch genug anrechnen, wie viel er aus dem begrenzten dramatischen Material macht. Bestehen doch die Dialoge und Monologe oft genug aus Frage-Antwort-Spielen und den typisch Holmes'schen logischen Schlussfolgerungen. Nicht unbedingt ein Stoff, der an Shakespeare heranreicht.

Bevor die Reihe 1942 von Universal übernommen wurde, erfuhr sie mit DIE ABENTEUER DES SHERLOCK HOLMES (1939) eine deutliche Qualitätssteigerung. Nicht nur überzeugt der Film mit der zweifellos überzeugendsten und abwegigsten Maskerade Holmes', bei der selbst die verdächtige Nase ganz und gar unauffällig ist. Auch der Bösewicht erweist sich, anders als im ersten Film, als verdammt unheimlich. Kein geringerer als Holmes' Nemesis Professor Moriarty (George Zucco) will hier das Verbrechen des Jahrhunderts begehen. Zuccos Auftritt ist die erste von insgesamt drei Moriarty-Inkarnationen in der Reihe und die einzige, welche dem Status des Professors in Conan Doyles Universum ansatzweise gerecht wird. Die besten Bösen, gegen die Rathbone und Bruce antreten müssen, sind aber andere und nicht zufällig meistens Frauen. So etwa Oscar-Preisträgerin Gale Sondergaard, die in DAS SPINNENNEST (1944) hinter mysteriösen Selbstmorden steckt oder Hillary Brooke als Hypnotiseurin, welche in DIE FRAU IN GRÜN (1945) selbst Moriarty in den Schatten stellt. Holmes begibt sich zwar häufig selbst in Gefahr und wird in einer herrlichen Szene in JUWELENRAUB (1946) sogar zum Actionhelden, als er beinahe aus einem fahrenden Zug gestoßen wird – was Dr. Watson nicht einmal bemerkt. Indes ist es das Spiel mit dem ebenbürtigen Gegner, in dem Holmes und mit ihm Basil Rathbone aufblüht. Wenn sich der Detektiv also freiwillig in das Netz der Spinne begibt und nicht klar auszumachen ist, wer den Jäger, wer die Beute gibt.

Umso gewöhnlicher sind da die bereits erwähnten Nazis. Als Universal die Serie wiederbelebte, waren Propagandafilme gefragt, schließlich war der Ausgang des Zweiten Weltkriegs ungewiss, was man z.B. der düsteren, an den Film Noir erinnernden Atmosphäre in DIE STIMME DES TERRORS (1942) anmerkt. So schickte Universal den Helden des Viktorianischen England in die Gegenwart, um Spione und Kollaborateure festzunageln und am Ende der Filme aufmunternde Worte Churchills zu zitieren. Die weiseste Entscheidung war das nicht, was die Macher recht schnell begriffen. Nach Holmes' nichtssagendem Abstecher nach Washington in VERHÄNGNISVOLLE REISE (1942) kehren die Filme mehr und mehr zurück zu den zeitlosen Orten, welche die Britischen Inseln in den Whodunnits unserer Fantasie bevölkern: Gespenstische Schlösser, abgelegene Dörfer und natürlich das Moor. Unter der Regie von Roy William Neill, der ab 1942 alle weiteren Filme gedreht hat, müssen Holmes und Watson in DIE KRALLE (1944) in dem erstaunlich britisch wirkenden Kanada eine Mordserie aufklären. Der wohl beste Film der Serie stellt mit seinem auf rund eine Stunde gestrafften Plot wie spätere Vertreter der Reihe auch eine Variation bekannter Motive dar, diesmal aus DER HUND VON BASKERVILLE. Es gelingt hier jedoch, was bei dem berühmteren Abenteuer noch enttäuscht. Ein Bösewicht, mit dem niemand rechnet führt auch den Zuschauer an der Nase herum und ein Hauch des Universal-Grusels weht durch ein Dorf mit dem entzückenden Namen "La Mort Rouge"; diese Zutaten werden von Neill wie immer kompetent in Szene gesetzt.
Überhaupt merkt man den Abenteuern von Holmes und Watson aus dem Hause Universal ihre B-Film-Natur kaum an. Verleiht der Vorspann und das wiederkehrende Ensemble des Studios den Filmen eine wohlige Serien-Atmosphäre, so katapultieren die liebevolle Ausstattung, die detaillierten Sets und besonders die verspielte Lichtsetzung die Reihe qualitativ über vergleichbare, wie diejenige um Charlie Chan.

Nicht zuletzt weil der Umgang mit den Geschichten von Arthur Conan Doyle eher dem Ausschöpfen eines Ideenreservoirs gleicht als der werkgetreuen Adaption, handelt es sich hier sicher nicht um die definitiven Holmes-Filme. Über die Jahre haben sich die verschiedensten Filmemacher daran versucht, wie z.B. Billy Wilder, der in DAS PRIVATLEBEN DES SHERLOCK HOLMES Dr. Watson ebenfalls für komödiantische Zwecke gebraucht. Doch nicht jeder Holmes-Auftritt hat die Zeit in Rückschau so gut überstanden, wie diejenigen Basil Rathbones an der Seite von Nigel Bruce. Die 1946 eingestellte Reihe wirkt noch heute auf eine angenehme Weise altmodisch, nicht unfreiwillig komisch, vorhersehbar, aber nicht langweilig und, nun ja, wie soll man es ausdrücken? Sherlock Holmes – das wird nie Robert Downey Jr. sein. Seine hohe Stirn, das spitze Kinn, die dominante Nase; das Gesicht hat ihm Basil Rathbone nun einmal dauerhaft geliehen.

DVD.
Alle vierzehn Spielfilme der zwischen 1939 und 1946 entstandenen Reihe werden werden in der Box mit hervorragender, weil restaurierter Bild- und Tonqualität versammelt. Für Sammler sei angemerkt, dass die Box die bisher einzeln erschienene vierteilige SHERLOCK HOLMES COLLECTION auf 14 DVD's zusammenfasst. Entsprechend findet man auch hier umfangreiche Extras, unter denen besonders die untertitelten Audiokommentare von Holmes-Experte David Stuart Davies hervorstechen, der angenehm kritisch Anekdoten und Hintergründe aufbereitet und jeweils auch die Filme anspricht, die nicht mit einem Kommentar versehen worden. Weniger informativ ist hingegen Richard Valley, der meistens die IMDB zu rezitieren scheint, aber glücklicherweise bei JAGD AUF SPIELDOSEN von der Bösewichtin höchstpersönlich begleitet wird. Neben handelsüblichen Extras wie Bildergalerien und Trailern, verfügt die Box über alternative deutsche Synchronfassungen, so dass man den direkten Vergleich zwischen BRD- und DEFA-Verwertung ziehen kann.

Kein Wunder, dass Basil Rathbone die Rolle irgendwann satt hatte, denkt man sich, schließlich musste der Mann den Detektiv auch noch im Radio geben. Entsprechend findet sich auch auf den DVD's eine kleine Auswahl von Shows, die er mit Nigel Bruce aufgenommen hat. Englischkenntnisse sollten für den Genuss dieser mitgebracht werden. Ein ausführliches Interview mit Walter Niklaus, der Rathbone synchronisiert hat, und ein 5-minütiges Special über die Restauration runden die gelungenen Extras ab, die in einem kurzen Film Sir Arthur Conan Doyle sogar selbst zu Wort kommen lassen.








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