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KAPITELWAHL

CHRISTIANE F. - WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO (Deutschland 1981)

von Hasko Baumann

Original Titel. CHRISTIANE F. - WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO
Laufzeit in Minuten. 126

Regie. ULI EDEL
Drehbuch. HORST RIECK . KAI HERMANN . HERMANN WEIGEL
Musik. JÜRGEN KNIEPER . DAVID BOWIE
Kamera. JUSTUS PANKAU . JÜRGEN JÜRGES
Schnitt. JANE SEITZ
Darsteller. NATJA BRUNCKHORST . ELLEN ESSER . DANIELA JAEGER . ANDREAS FUHRMANN u.a.

Review Datum. 2009-12-07
Erscheinungsdatum. 2009-10-16
Vertrieb. ARTHAUS/KINOWELT HOME ENTERTAINMENT

Bildformat. 1.66:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
"Christiane F." - das ist der Name, der ganzen Generationen ein Mahnmal geworden ist; der Name eines Mädchens, dessen Erstkontakt mit Heroin im Alter von 13 Jahren zu einem entsetzlichen Abstieg in die Hölle von Prostitution und Junkie-Dasein führte. Ein Schicksal, wie es in Deutschland Ende der 70er und Anfang der 80er zehntausendfach anzutreffen war, das aber erst mit Christiane F. eine Referenz erhielt. In der Bundesrepublik Deutschland gingen Augen und Ohren auf; das Buch der "Stern"-Autoren Kai Hermann und Horst Rieck, das ihre Tonbandprotokolle der Gespräche mit Christiane Felscherinow wiedergab, wurde zum erfolgreichsten Buch der Jahre 1980 und 1981. Damit war nicht zu rechnen gewesen, als ihnen das Mädchen aufgefallen war, das als Zeugin auftrat gegen einen Mann, der minderjährige Mädchen mit Heroin für Sex bezahlte. Aus dem geplanten kurzen Interview wurden Monate, in denen Felscherinow sich den Reportern offenbarte. 1980 kannte jeder den Namen Christiane F.; 1981 wurde sie zur Ikone.

Schuld daran hat Bernd Eichinger, der damals zum ersten Mal sein Gespür für erfolgsversprechende Inhalte zeigte. Er half aber vor allem dabei, ein deutsches Millionenpublikum für eine erschütternde Wahrheit zu sensibilisieren. Mit Regisseur Uli Edel, der mehr als 25 Jahre später den BAADER MEINHOF KOMPLEX für Eichinger in den Sand setzen sollte, schuf er die Verfilmung der Leidensgeschichte eines heroinabhängigen Mädchens in Berlin. CHRISTIANE F. - WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO ist ein erstaunlich schonungsloses, unnachgiebiges Bild eines Milieus, das lange Jahre überhaupt nicht thematisiert worden war. Der Film zog beinahe fünf Millionen Zuschauer in die deutschen Kinos und ließ damit sogar DAS BOOT weit hinter sich.

Der Film verzichtet komplett auf die Kindheit Christianes; ihr gewalttätiger Vater kommt nicht vor, seine Existenz manifestiert sich nur in der Szene, in der Christianes Schwester sie und die Mutter verläßt, um zum Vater zu ziehen. Wir sehen Christiane auch nie in der Schule - nie erfahren wir, von welchem Leben sie sich entfernt, um mehr und mehr den Drogen zu verfallen. Das ist ein riskanter, aber durchaus gelungener Schachzug: Christiane wird aller Distinktionsmerkmale entkleidet, um dem Kinozuschauer nahezulegen: Es könnte auch Ihr Kind sein. Allerdings spielt auch der Schauplatz Berlin eine wichtige Rolle, und wie in so vielen deutschen Filmen dieser Ära sieht die geteilte Stadt unglaublich trist, beklemmend, geradezu lebensverneinend aus; am extremsten natürlich in Gropiusstadt, Christianes von immergleichen Hochhäusern gesäumter Wohngegend. Die Jugendlichen sind desillusioniert, sie treffen sich in der Charlottenburger Diskothek "Sound", deren Toiletten einer infernalischen Drogenhölle gleichkommen. Der Soundtrack dieser Stadt kommt von David Bowie, den Christiane verehrt wie nichts und niemand sonst. Wenn sie mit ihrer neuen Bekanntschaft Detlev und einigen anderen Verlorenen aus dem "Sound" kommt und gelöst durch die nächtlichen Flure des Europa Centers rennt, ertönt Bowies "Heroes" und erhebt diese Szene zu einem der bewegendsten Momente des deutschen Films. Für einen Moment gibt es so etwas wie Sehnsucht nach einer möglichen Freiheit, einem Ausweg, einer Gemeinsamkeit, "just for one day". Danach tut sich für den einsamen, einzigen Augenblick des Films der Himmel auf, wenn Christiane und die anderen auf dem Dach stehen und sie von der Möglichkeit einer Liebe zu Detlev träumt.

Doch ihr Traum zerplatzt. Sie sieht Detlev mit einem anderen Mädchen, ausgerechnet, als ihr Idol Bowie sein herbeigesehntes Konzert in der Deutschlandhalle gibt (Bowie, der zur Zeit der Dreharbeiten nicht mehr in Berlin wohnte - er hatte die Stadt als "Heroinhauptstadt Europas" erkannt - hat hier seinen exklusiven Gastauftritt; allerdings wurden die Aufnahmen des Publikums bei einem AC/DC-Konzert gemacht und passen mit ihren aggressiven Jeanswesten-Rockern so gar nicht zu ihm). Christiane probiert erstmals Heroin - und ausgerechnet das bringt sie letztlich mit Detlev zusammen. Was folgt, ist der gemeinsame Absturz; die Droge bestimmt ihr Leben bald mehr als die Liebe, und während Detlev schon längst auf dem Strich hinterm Bahnhof Zoo anschafft, muß Christiane erst im heimischen Badezimmer zusammenbrechen, um ihre Mutter aufzuwecken. Der folgende gemeinsame Entzug mit Detlev hat sich bei Millionen Köpfen eingebrannt: Das Zittern, die Krämpfe, schließlich das schwallweise Auskotzen von Blut an die Zimmerwand. Und dann, erst dann beginnt der Film, so richtig zuzuschlagen.

Es ist aus heutiger Sicht beinahe absurd, aber Uli Edels Film wurde 1981 mitunter Beschönigung unterstellt und - da pflichtete Christiane Felscherinow vor zwei Jahren sogar bei - vorgeworfen. der kraftvolle Sound des halben Dutzend David Bowie-Songs, die im Film zu hören sind, würde Jugendliche zu Drogen verführen. Tatsächlich aber verschwindet Bowies Musik aus dem Film mit Christianes heißgeliebter Bowie-Plattensammlung, die sie für 17 Mark eintauscht, um Heroin kaufen zu können; zu hören ist dann nur noch Jürgen Kniepers simples Thema abwärts laufender Moll-Klavierklänge, das den unaufhaltsamen und immer menschenunwürdigeren Abstieg Christianes begleitet. CHRISTIANE F. ist ein Film, der einem sein Thema ohne wenn und aber, ohne jedes verklärende oder vereinfachende Element gnadenlos um die Ohren haut; der Film ist an Berlins damals verrufensten Ecken gedreht worden und wirkt in jeder Sekunde echt, authentisch, erschütternd. Natja Brunckhorst, die zur Zeit der Dreharbeiten tatsächlich erst 13 Jahre alt war, spielt dabei so überzeugend, daß bis heute manche glauben, sie selbst sei Christiane F. Tatsächlich mußte Brunckhorst nach England ziehen, um sich von der Rolle überhaupt freimachen zu können, und ist nach der Heilung von einem schweren Krebsleiden heute als Drehbuchautorin erfolgreich.

Der Ausweg, den der Film - gemäß der Buchvorlage - Christiane offen hält, erwies sich im realen Leben nur als Trugschluß. Felscherinows Familie brach den Kontakt ab, als auch die Schwester an die Nadel geriet und der Cousin den Drogentod starb; sie selbst brachte die damals immense Summe von 400.000 Euro, die ihr der Erfolg von Film und Buch brachte, als Musikerin auf Tournee (sie lernte wirklich David Bowie kennen) durch. Sie zog wieder nach Berlin, wurde mehrfach rückfällig und lebte schließlich als Mutter eines Sohnes in Teltow. In ihrem jüngsten Interview wirkte Felscherinow fahrig, mißtrauisch, paranoid und sah sich "verflucht". Im vergangenen Jahr entzog ihr das Jugendamt das Sorgerecht für ihren Sohn. Es ist eine tragische Schlußpointe eines Schicksals, das Deutschland erschreckte, aber nicht dauerhaft wachrüttelte.

DVD.
Um es gleich vorwegzunehmen: Ich hoffe doch sehr, daß diesem großen Film deutscher Kinogeschichte bald eine adäquate DVD-Veröffentlichung zuteil werden wird. Die Neuauflage für die an sich löbliche "Edition Deutscher Film" unterbietet noch die vorangegangene Version. Extras gibt es überhaupt keine, wo doch gerade ein Beleuchten des Phänomens Buch und Film oder wenigstens der Fortgang der Biographie von Christiane Felscherinow mehr als genug Stoff geboten hätten. Das Bild liegt im 4:3-Format vor, was bei 1,66:1 ja in Ordnung ist; wenn dies allerdings, wie vielerorts behauptet, das korrekte Bildformat ist, warum sind dann die Namen im Vorspann an den Seiten abgeschnitten? Die verwendetete Filmkopie kratzt auch ganz schön, und der Versuch der digitalen Glättung führt zu matschigen Unschärfen und Nachziehern. Absoluter Tiefpunkt ist allerdings der Ton. Ich bin sowieso gegen dieses zwanghafte Upmixing auf 5.1, aber insbesondere dann, wenn dies dem großen Vorbild Oliver Krekels folgend nur das Verteilen der Monospuren auf alle Kanäle bedeutet. Das heißt im vorliegenden Fall nämlich, daß der Ton phast ohne Ende und praktisch unanhörbares Geklirre bietet. Das hat kein Film verdient, aber dieser hier am Allerwenigsten.








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