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KAPITELWAHL

ONE FROM THE HEART (USA 1982)

von Heiko Hanel

Original Titel. ONE FROM THE HEART
Laufzeit in Minuten. 95

Regie. FRANCIS FORD COPPOLA
Drehbuch. FRANCIS FORD COPPOLA . ARMYAN BERNSTEIN
Musik. TOM WAITS . CRYSTAL GAYLE
Kamera. VITTORIO STORARO . RON GARCIA
Schnitt. RUDI FEHR
Darsteller. FREDERIC FORREST . TERI GARR . RAUL JULIA . NASTASSISA KINSKI u.a.

Review Datum. 2008-06-01
Erscheinungsdatum. 2007-05-01
Vertrieb. MIRAMAX/AMERICAN ZOETROPE

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH . ITALIENISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
1980 sonnte sich Francis Ford Coppola gerade im Ruhme des Erfolgs von APOCALYPSE NOW, mit dem er nach DER PATE I/II und DER DIALOG sein drittes Meisterwerk geschaffen hatte, als er beschloss, den Traum eines jeden Regisseurs Wirklichkeit werden zu lassen. Er gründete ein Filmstudio, das Regisseuren die Möglichkeit bieten sollte, Filme nach eigenen Visionen zu drehen. Nicht kommerzielle Aspekte sondern künstlerische sollten der Motor für das von ihm gegründete Studio American Zoetrope sein. Die Industrie sollte sich nicht dem Testpublikum und den Sorgen der Investoren unterordnen, sondern nur dem Regisseur. Schauspieler sollten nicht mehr nur für einen Film unter Vertrag genommen werden, sondern, wie während des alten Studiosystems, als Stammschauspieler für viele Produktionen eingesetzt werden. Wie bei einer Theatertruppe sollte die Probenarbeit einen hohen Stellenwert einnehmen. Kurz zuvor hatte Michael Cimino mit dem vierstündigen Spätwestern HEAVEN'S GATE das Studio United Artists in den Konkurs getrieben, das Jahrzehnte zuvor von Charlie Chaplin, Douglas Fairbanks und Mary Pickford mit ähnlichen Ambitionen gegründet worden war.

Die Dreharbeiten zu APOCALYPSE NOW waren chaotisch verlaufen, Coppola hatte das vorgesehene Budget massiv überzogen und kam traumatisiert von den Dreharbeiten aus Asien zurück. Ein Taifun hatte die Sets zerstört und aus unterschiedlichen Gründen waren nicht alle Mitglieder seines Teams lebend zurückgekommen. Man nahm es ihm ab, wenn er behauptete, APOCALYPSE NOW sei Vietnam selbst und nicht nur ein Film über Vietnam gewesen. Trotzdem hatte der kommerzielle Erfolg der halluzinatorischen Selbstfindung alle Zweifler eines Besseren belehrt. Es fanden sich tatsächlich Finanziers für Coppolas Studio der Träume. Er selbst steckte einen Großteil seines Vermögens in den großen Studiokomplex in Hollywood. Um allen zu zeigen, dass die Achtziger Jahre ein Jahrzehnt der Kunst werden sollten, und weil ein im Studio gedrehter Film nach der rauen, asiatischen Witterung nicht unattraktiv erschien, führte er bei der ersten Produktion von American Zoetrope natürlich selbst Regie.

Zwei Jahre später war das Studio Geschichte, Coppola war hoch verschuldet und stand vor den Trümmern seiner Existenz. Er drehte nur noch Auftragsproduktionen und die Achtziger Jahre wurden ein Jahrzehnt, in dem sich die Kunst dem Kommerz unterordnete, was zu einer Oberflächlichkeit führte, die bis heute das Kino durchzieht. Schuld an all dem ist ONE FROM THE HEART.

Der Filmemacher hatte beschlossen, dass nach dem klassischen plotgetriebenen Erzählkino nun die Form den Inhalt dominieren sollte. Das war in Oberhausen schon früher beschlossen worden, dort allerdings fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zur gleichen Zeit wie Coppola arbeiteten mehrere Regisseure an ähnlichen Projekten. Luc Besson drehte SUBWAY und leuchtete mit viel Musik, wenig Handlung und Christophe Lambert die Pariser U-Bahnschächte mit Neonlicht aus. Ridley Scott erfand den Fantasyfilm mit LEGENDE neu und versenkte ihn mit seinem Einhorn- und Tom Cruise-haltigen Kitsch-Overkill gleich wieder. Am besten schlug sich noch Jean-Jacques Beineix mit DIVA, dessen farbfilterhaltiges Nichts von einem Thriller heute in Filmen von Paul Thomas Anderson und Mike Figgis nachhallt.

Coppola wollte mit dem ersten Zoetropefilm so richtig auf die Kacke hauen und alle technischen Möglichkeiten des neuen Jahrzehnts nutzen. Ein Musical sollte es werden. Farbenprächtig und vollständig im Studio gedreht, wie früher die Filme von Fred Astaire oder Gene Kelly, den er auch als Berater hinzuzog. Die besten Leute waren gerade gut genug für dieses Monsterprojekt. Verantwortlich für die Kamera waren Vittorio Storaro, der langjährige Kameramann von Bernardo Bertolucci, und Ron Garcia, der später bei TWIN PEAKS das Licht setzen sollte. Das Drehbuch verfasste er mit Armyan Bernstein selbst. Die sentimentalen Songs ohne die sonst üblichen Ecken und Kanten schrieb Tom Waits, der sie mit der Las Vegas-erprobten Countrysängerin Crystal Gayle auch einsang. Ein bizarres Artefakt ist der auch auf CD veröffentlichte aber in der offiziellen Diskografie von Tom Waits oft unterschlagene Soundtrack. Statt dem üblichen Cinemascope wählte er mit 1,33:1 das Bildformat der frühen Filmgeschichte. Ein Grund hierfür waren die Tanznummern, in denen man die Körper der Schauspieler während des Tanzes komplett sah, ohne dass sie durch das Widescreenformat von beiden Seiten erdrückt wurden. Da der Film in Las Vegas spielte und Las Vegas für Coppola nicht glitzernd genug war, wurde die Stadt im Studio nachgebaut. Tausende von Neonleuchten wurden so tief gehängt, dass sie aus jedem noch so flachen Winkel immer im Bild zu sehen waren. Sogar ein Flughafen wurde errichtet, in dem die vordere Hälfte eines echten Passagierflugzeugs stand. Die spektakulären Bauten von Dean Tavoularis hatten nicht den Anspruch auf Realismus, sondern durch ihre Künstlichkeit eine Art amerikanisches Paralleluniversum abzubilden.

In einer bonbonbunten Studiowelt singen und tanzen Schauspieler, choreographierte Statistenmassen schieben sich durchs Bild. Wände von Räumen verschwinden und werden von der Kamera durchfahren. Knospen erblühen, Sternschnuppen am Himmel fallen mit langem Schweif nach unten und die Sterne funkeln wie im Märchen. Leuchtreklamen verwandeln sich in Menschen und zurück. Die Protagonisten werden, anhängig von ihrer Stimmung in unterschiedliche Primärfarben getaucht. Manchmal wackeln die Kulissen, aber das ist Absicht. Der Übergang von echt zu virtuell sollte fließend sein. Sogar die Dialoge reflektieren dies. Amerika sei so unecht geworden, sagt einer der Protagonisten. Art Deco mit seinen Pastellfarben wird reichlich zitiert aber auch Filme wie SINGING IN THE RAIN, DIE REGENSCHIRME VON CHERBOURG und Bilder von Edward Hopper. Visuell wird aus diesem postmodernen Gemüsegarten trotzdem ein funktionierendes Ganzes. Es gibt wenig filmische Beispiele, bei denen optische Zitate so durchdacht zusammengestellt wurden. Es scheint, dass sich der visuelle Stil der Achtziger Jahre zu 80% aus Teilen von ONE FROM THE HEART und BLADE RUNNER zusammensetzt. Auch die Neunziger konnten sich nicht von ONE FROM THE HEART lösen. Baz Luhrmann wäre ohne diesen Film Schreiner geworden. Coppola wendete die neusten technischen Errungenschaften an. Die erste Steadycam wurde eingesetzt und noch von ihrem Erfinder selbst bedient. Exzessiv wurde die gerade erst erfundene Bluescreentechnik eingesetzt. Aber auch viele klassische Tricks wie Rückprojektion bei Autofahrten, Miniaturbauten und Fluchtpunktmalerei auf den Studiowänden, die nicht vorhandene Tiefe des Raumes vortäuschten, schufen einige visuell atemberaubende Szenen. Eigentlich waren die Studiobauten so konzipiert, dass nach Art des Livefernsehens der Fünfzigerjahre ein Kameraschwenk in die benachbarte Szene den Schnitt ersetzt hätte. Dies funktionierte aus technischen Gründen nicht, weshalb nur ein paar Szenen übrig blieben, in denen die Kamera durch mehrere Einstellungen schwebt. Die sind allerdings wunderschön.

Und weil er gerade dabei war, Filmkunst zu machen, konnte Coppola keine normale Liebesgeschichte dulden, die sich angesichts der Musiknummern angeboten hätte. Konventionen wollten gebrochen werden. Statt um den Anfang oder das Ende einer Liebe, interessierte sich der Regisseur für den Mittelteil.

Ein Ehepaar in den mittleren Jahren hat sich auseinander gelebt. Als es wieder mal zu einem Streit um Hauskauf und Urlaub kommt, trennen sich beide, suchen sich einen Anderen, erleben jeder seine eigene romantische Liebesnacht und kehren dann reumütig in den sicheren Hafen der Ehe zurück.

Ja und das war dann auch schon die Handlung. Coppola hatte was vergessen. Ein Film sollte vielleicht auch plotmäßig was bieten. Oder wenigstens nicht so ein oberflächliches Geschichtchen abliefern. Oder wenn schon visueller Exzess, dann vielleicht gar keine Handlung?

Das war sein Ruin. Zumindest aus heutiger Sicht. Coppola hat seine banale Story nicht mit Stars, sondern mit Charakterdarstellern besetzt. Teri Garr und Frederic Forrest waren damals zwar bekannt, aber eben nicht sehr bekannt. In Coppolas Masterplan sollten American Zoetrope seine eigenen Stars schaffen. Sein Größenwahn führte immerhin zu einer zurückhaltend realistischen Darstellung dieses, in Disneyland verirrten Ehepaares.
Nebenrollen wurden mit Raul Julia, Harry Dean Stanton mit Locken und der 20-jährigen Nastassia Kinski besetzt, die für diesen Film Seiltanzen und auf Bällen laufen lernte und sich schon mal daran gewöhnte, dass auch alle ihre zukünftigen Filme Flops werden sollten.
Das Aufeinandertreffen von spektakulären Bildern mit diesem Nichts von Story und emotional impact befremdet auch heute noch. Das alles war aber nicht der Grund für Coppolas Scheitern.

Das Unheil begann, als sich Journalisten in die Vorführung einer Rohfassung des Filmes setzten, die eigentlich nur für die Verleiher gedacht war. Die Kritiker mochten die Version ohne Effekte überhaupt nicht und so berichteten amerikanische Medien über einen abzusehenden Flop. Daraufhin sprangen während der Dreharbeiten mehrere Geldgeber ab. Coppola nahm einen Kredit auf sein Haus auf und in einer großen Abstimmung erklärten sich alle an dem Film arbeitenden Schauspieler, Autoren und Techniker bereit, auf die Hälfte ihrer Bezahlung zu verzichten. Ein privater Finanzier war zu weiteren Investitionen bereit, allerdings nur mit dem Studio als Sicherheit.

Als der Film fertig gestellt war, hatte die amerikanische Öffentlichkeit wiederholt von dem potentiellen Millionengrab erfahren. Um den Negativschlagzeilen entgegen zu wirken, ließ der Regisseur die Weltpremiere 1982 in der Radio City Music Hall in New York stattfinden. Das Publikum reagierte, wie zu erwarten, ziemlich inhomogen auf ONE FROM THE HEART. Andy Warhol mochte ihn, andere Zuschauer mochten ihn nicht. Einer davon war der Verleiher, der den Film mit insgesamt nur 40 Kopien, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ins Kino brachte. Bei 23 Millionen Dollar Produktionskosten spielte das Musical etwa 100.000 Dollar in den ersten zwei Wochen ein. Coppola zog ihn daraufhin zurück, verlor sein Haus, sein Studio, seine kreative Freiheit und drehte fortan statt DER PATE Filme wie PEGGY SUE HAT GEHEIRATET, JACK und DRACULA.

Der Niedergang von American Zoetrope war ein weiterer Sargnagel für das Recht des Regisseurs auf den Final Cut. So war ONE FROM THE HEART in mehrfacher Sicht wegweisend für die Achtziger Jahre. Die Bilder des Films waren definitiv stilbildend, das flache Innere auch. Auch der moderne Blockbuster füllt die hübsche Hülle mit einem belanglosen Kern. Nur dass inhaltliche Entscheidungen seit damals nicht mehr von Regisseuren sondern von Betriebswirtschaftlern getroffen werden.

So kriegt ONE FROM THE HEART auch heute noch die volle Punktzahl als Denkmal des Scheiterns. Und Scheiternde brauchen unsere Liebe.

DVD.
Kristallklarer, von Coppola selbst überwachter Transfer in 1:1,33. Sein interessanter Audiokommentar liefert Infos zu technischen Tricks, den Schauspielern, Tom Waits und seiner Vision vom Studio der Träume. Alles zum Zusammenbruch desselben erfährt man in der interessantesten von vier Dokumentationen. In zwei Weiteren gibt es Informationen über die technischen Tricks und die Musik von Tom Waits und Crystal Gayle. Als vierten Bonus enthält die DVD das originale Making Of von damals. Wenn man erst die enthusiastischen Kommentare von Coppola von 1982 und dann die Doku über den Zusammenbruch seiner Welt ansieht, ist der Film selbst fast schon überflüssig. Bei den geschnittenen Szenen handelt es sich größtenteils um Rohfassungen oder Alternativversionen von besonders aufwändigen Szenen, zum Teil mit Kommentar vom Meister. Wie der Regisseur seine Schauspieler anleitet, kann man in den Proben sehen. Als Leckerli ist Coppolas Begrüßungsrede an die Zuschauer der Rohfassung integriert. Er bittet um Verständnis, dass der Film noch lange nicht so aussieht, wie später im Kino. Und dass man sich ein endgültiges Urteil erst später erlauben sollte. Man hat ihn nicht erhört.











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