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GEDRUCKTES IST TOT

DER VERLETZLICHE BLICK - REGIE: DARIO ARGENTO (2017, 1. Auflage)
von André Becker

Original Titel. DER VERLETZLICHE BLICK - REGIE: DARIO ARGENTO
Seiten. 365

Autor. ROBERT ZION

Review Datum. 2017-09-10
Erscheinungsdatum Deutschland. 2017-05-17
Verlag. BOOKS ON DEMAND

Erscheinungsformat. PAPERBACK
Sprache. DEUTSCH

DER VERLETZLICHE BLICK - REGIE: DARIO ARGENTO ist nicht nur ein Buch über die Filme bzw. die Filmwelt des italienischen Regisseurs, sondern auch ein Buch über die Person Dario Argento. Ein Portrait, das zwar keinen allumfassenden Blick in die Biografie des Regisseurs gibt, aber nichtsdestotrotz aufzeigt welche spezifische Haltung Argento als Filmemacher auszeichnet.

Robert Zion, der u.a. Booklet-Texte für verschiedene Argento-Werke verfasste, geht es dabei vor allem darum tief in die jeweils unterschiedlichen Strömungen der Werke Argentos einzudringen und diese anschaulich zu erläutern. Der Autor widmet sich diesbezüglich fast ausschließlich den Schlüsselwerken (näher eingegangen wird auf insgesamt 10 Filme) des Italieners. Die späte Phase spart er fast komplett aus, wohlwissend dass Argento hier (z.B. bei dem rabiaten dritten Teil seiner Mütter-Trilogie MOTHER OF TEARS: THE THIRD MOTHER) von seiner alten Form meilenweit entfernt war (und ist). Die Fokussierung auf die frühe Schaffensphase erlaubt Zion ein größtmögliches Ausholen zu den Bezügen, Bedeutungszusammenhängen und mannigfaltigen Inspirationsquellen der jeweiligen Werke. Dies tut dem über Books on Demand erhältlichen Buch ausgesprochen gut, da daraus resultierend ein tiefgreifendes Eintauchen in die stilistischen (Beleuchtungsstil, Farbauswahl, Montage, Musikauswahl etc.) und inhaltlichen Besonderheiten (vom klassischen Giallo zum übersinnlichen Horror und zurück) der entsprechenden Filme möglich wird.

Zion vermittelt diesbezüglich auf sehr lesenswerte Weise warum Argento als Auteur analysiert werden muss. Dass Argento in seiner Arbeit auf häufig wiederkehrende Motive zurückgriff, dürfte zwar bekannt sein, Zion schafft es jedoch wiederholt hier Leerstellen zu füllen und interessante Sinnzusammenhänge zu beschreiben. Ferner wird durch die Lektüre des Buches einmal mehr deutlich, wie einmalig und einflussreich die Schlüsselfilme Argentos innerhalb des Genre-Kinos der siebziger bis neunziger Jahre waren. Darüber hinaus versäumt es Zion nicht auf den, vor allem hierzulande häufig vorgebrachten, Vorwurf einzugehen Argentos Filme seien gewaltverherrlichend bzw. zu gewaltfixiert. Insbesondere am Beispiel von OPERA macht der Autor klar, dass die teils ausufernden Gewaltdarstellungen bei Argento keinesfalls selbstzweckhaft sind, sondern dass diese mitunter ausgesprochen geschickt Sehgewohnheiten reflektieren und im Filmkontext ihre Berechtigung haben.

Zion attestiert Argento zudem eine poetische Ader, die sich für ihn nicht nur in der offenkundigen Bildpoesie widerspiegelt, sondern die ebenso auf der erzählerischen Ebene erkennbar ist. Die "Poesie der seelischen Dämmerung" in AURA, die "Poesie der Sehnsucht" in THE STENDHAL SYNDROME usw. Der Verfasser zeigt hierbei eindrücklich, dass Argentos Filme auch inhaltlich mehr bieten, als sattsam bekannte Genre-Sujets und eine Auseinandersetzung diesbezüglich durchaus lohnenswert ist.

Insgesamt ist zudem erfrischend, dass Zion teils stark von der allgemeinen Rezeption der Filme Argentos abweicht und er kritische Perspektiven auf frenetisch bejubelte Werke wie z.B. PHENOMENA bewusst zulässt. Das Zion wiederum mäßigen (und von der Fanschaar wenig geliebten) Werke wie dem späten Thriller SLEEPLESS eher wohlwollend gegenübersteht passt da dann wieder sehr gut. DER VERLETZLICHE BLICK - REGIE: DARIO ARGENTO stimmt nicht in allen Punkten in das teils überspitzte Abfeiern der frühen Argento-Filme ein und untermauert die eigenen Urteile nachvollziehbar und für den Leser/die Leserin mit ausreichend Raum für eigene Bewertungen.

Mit zahlreichen Farbbildern (insgesamt 104) zu charakteristischen Sequenzen und Filmcovern ist die Veröffentlichung reich an Anschauungsmaterial, dass die jeweiligen Textpassagen adäquat ergänzt und oftmals sehr lebendig vor Augen führt, wie eng die Bezüge zur Kunstgeschichte sind (beispielhaft in den 14 Bildtafeln im Kapitel "Malen mit Licht"). Toll ist außerdem der Epilog, wo Zion näher auf die "Die Kunst des Horrorkinos" und "Die Kunst im Horrorkino" eingeht und die vorausgegangenen Kapitel mit einem übergeordneten Blick noch einmal Revue passieren lässt. Durch die vielen eingestreuten Zitate erhält man zudem wertvolle Einblick in die Denk- und Arbeitsweise des Regisseurs und damit weitere Puzzlestücke für das Verständnis des filmischen Universums von Argento.

Robert Zions Blick auf Argento ist allerdings auch ein wehmütiger, weil zwischen den Zeilen immer wieder das Bedauern durchbricht, dass die Zeit der künstlerisch wertvollen Horror-Filme schon lange vorbei ist und wohl nie mehr wieder kommen wird. Der Vorwurf einer "vollkommenen ästhetischen Indifferenz im heutigen Kino" ist zwar gewagt, bringt aber dennoch auf den Punkt, dass das gegenwärtige Kino im Laufe der Jahre auf formalästhetischer Ebene deutlich an Faszination eingebüßt hat, was angesichts der technischen Möglichkeiten reichlich ernüchternd ist. DER VERLETZLICHE BLICK - REGIE: DARIO ARGENTO zeigt insofern einmal mehr wie wichtig Filmemacher mit künstlerischer Vision für den Genre-Film sind und wie schmerzlich die Lücke pocht, die Argento hinterlassen hat und die trotz ambitionierter Regievirtuosen wie Nicolas Winding Refn bislang nicht wieder angemessen gefüllt werden konnte.


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