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THE YOUNG VICTORIA (USA/Großbritannien 2009)

von Christian Hellwig

Original Titel. THE YOUNG VICTORIA
Laufzeit in Minuten. 100

Regie. JEAN-MARC VALEE
Drehbuch. JULIAN FELLOWES
Musik. ILAN ESHKERI
Kamera. HAGEN BOGDANSKI
Schnitt. JILL BILCOCK . MATT GARNER
Darsteller. EMILY BLUNT . RUPERT FRIEND . MARK STRONG . MIRANDA RICHARDSON u.a.

Review Datum. 2010-04-04
Kinostart Deutschland. 2010-04-22

Das Kino hat sich in der Vergangenheit immer wieder dem Leben und Wirken der großen Königinnen der britischen Monarchie angenommen. An vorderster Stelle ist Shekhar Kapurs Historien- und Kostümstreifen ELIZABETH zu nennen, der sich mit den jungen Jahren von Elizabeth I. beschäftigt hat. Für Cate Blanchett, die 2007 erneut in die Rolle der englischen Königin schlüpfen sollte, stellte dieser Film den internationalen Durchbruch ihrer Karriere dar, und sie wurde für ihre Interpretation der sogenannten Virgin Queen zu Recht von allen Seiten gelobt. Auch für Helen Mirren war der Ausflug in königliche Gefilde eine lohnenswerte Angelegenheit, konnte sie doch für ihre bemerkenswerte und nuancierte Performance als Elizabeth II. in DIE QUEEN einen der begehrten Oscars mit nach Hause nehmen. In THE YOUNG VICTORIA bietet sich nun Emily Blunt die Chance, sich in diese Liste reinzureihen, auch wenn diese Produktion, in der unter anderem auch Martin Scorsese seine Finger mit im Spiel hat, eine ganze Nummer kleiner ausfällt, als etwa ELIZABETH. Dies gilt allerdings nicht für Kostüme und Ausstattung, denn wie es sich für einen richtigen Kostümschinken gehört, wurde THE YOUNG VICTORIA bei der diesjährigen Oscarverleihung mit dem Award für das beste Kostüm bedacht.

England, in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Während sich Europa von den Nachwehen der napoleonischen Kriege erholt, wächst die junge Victoria (Emily Blunt) im Kensington Palace bei ihrer Mutter, der Herzogin von Kent (Miranda Richardson), auf. Diese steht nach dem Tod ihres Ehegatten unter zunehmenden Einfluss ihres Nachlassverwalters Sir John Conroy (Mark Strong). Als sich in den folgenden Jahren immer stärker herauskristallisiert, dass sie ihrem Onkel Wilhelm IV auf den Thron nachfolgen wird, versucht Conroy seinen Einfluss zu nutzen und die heranwachsende junge Frau, die vom königlichen Hof zusehends mehr isoliert wird, dazu zu bringen, die Regierungsgeschäfte, sollte der König vor ihrer Volljährigkeit versterben, kommissarisch an ihre Mutter abzutreten. Victoria jedoch lehnt ab, was zum Bruch zwischen ihr und ihrer Mutter führt. Währendessen werden im belgischen Königshaus Pläne geschmiedet, wie man Victoria dazu bringen könnte, ihren Cousin Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (Rupert Friend) zu ehelichen, um den Einfluss des Hauses zu stärken. Die politischen Ränkespiele erweisen sich jedoch als überflüssig, sind sich Victoria und Albert doch auf den ersten Blick sympathisch. Als Wilhelm IV im Juni 1837 schließlich stirbt (seine Gebete wurden erhört und er hat bis zur Volljährigkeit von Victoria durchgehalten), folgt ihm die junge und unerfahrene Frau auf den Thron nach.

Wie jede Verfilmung eines historischen Stoffes nimmt sich auch THE YOUNG VICTORIA ihre dramaturgischen Freiheiten. Das ist nicht nur legitim, sondern ebenso konsequent wie nötig. Gleiches gilt für die Entscheidung, sich auf einen ausgewählten Ausschnitt aus dem Leben von Victoria I. zu beschränken. Aber auch so hat der Film noch mehr als genug zu erzählen und pendelt in der Folge zwischen dem Seelenleben der jungen Frau und den politischen Ränkespielen innerhalb des englischen Hofes und Europas hin und her, ohne hier jedoch einen klaren Schwerpunkt zu finden. Mehr oder weniger chronologisch arbeitet Regisseur Jean-Marc Vallée die wichtigsten Stationen auf dem Weg zur Krönung ab, ohne jedoch echte Dramatik entwickeln zu können. Wie jeder Historienfilm leidet auch THE YOUNG VICTORIA darunter, dass die groben historischen Abläufe dem Zuschauer bekannt sind, und sich daraus wenig Spannungspotential ergeben kann. Somit trifft der Film die richtige Entscheidung, wenn er die Beziehung zwischen Victoria und Albert zum narrativen Schwerpunkt erklärt.

Neben der absolut gelungenen musikalischen Untermalung, den tollen und stimmigen Kostümen und der auch ansonsten sehr gelungenen Ausstattung, die das Publikum mitten hinein in die höfische Etikette des 19. Jahrhunderts katapultiert, ist es vor allem die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern, die den Film zu tragen weiß. Emily Blunt, für diese Rolle zu recht mit einer Golden-Globe-Nominierung bedacht, gelingt in THE YOUNG VICTORIA eine überaus überzeugende Performance. Spielt sie in Zukunft weiterhin auf diesem Niveau, wird man noch einiges von der jungen Frau hören. Ähnliches gilt für Rupert Friend, der mit seiner Filmpartnerin hervorragend harmoniert. Auch ansonsten kann sich der Cast über Mark Strong bis hin zu Miranda Richardson durchaus sehen lassen, so dass es kaum etwas zu kritisieren gibt.

Letztlich ist THE YOUNG VICTORIA somit eher Liebesfilm, denn historisches Drama, auch wenn sich Jean-Marc Vallée immer wieder bemüht, die politischen Verwicklungen der Zeit einzufangen. Das gelingt dem Film aber zu selten, so dass er in dieser Hinsicht eindeutige Schwächen aufweist. Dies ist aber, in Anbetracht der überzeugenden Leistungen der Darsteller, allen voran Emily Blunt, und der stimmigen Optik zu verschmerzen. Albert von Sachsen-Coburg und Gotha war auch in Wirklichkeit die Liebe ihres Lebens und als ihr Mann im Alter von 42 Jahren früh verstarb, zog sich Victoria nicht nur weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurück, sondern verbrachte den Rest ihres Lebens in Trauer. Der Film weist am Ende auf diese tragische Entwicklung hin, und dass einen das durchaus traurig stimmt, ist der beste Beweis dafür, dass THE YOUNG VICTORIA vorher eine ganze Menge richtig gemacht hat.











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