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THE WAY BACK - DER LANGE WEG (USA 2010)

von Marc Zeller

Original Titel. THE WAY BACK
Laufzeit in Minuten. 130

Regie. PETER WEIR
Drehbuch. KEITH R. CLARKE . PETER WEIR . SLAWOMIR RAWICZ
Musik. BURKHARD DALLWITZ
Kamera. RUSSELL BOYD
Schnitt. LEE SMITH
Darsteller. JIM STURGESS . ED HARRIS . COLIN FARRELL . SAOIRSE RONAN u.a.

Review Datum. 2011-06-23
Kinostart Deutschland. 2011-06-30

Still war es lange Zeit um den Australier Peter Weir, der zuletzt mit dem durchwachsenen MASTER AND COMMANDER im Jahr 2003 auf sich aufmerksam machte. Vergessen ist er deshalb natürlich nicht: Wer Filme wie THE TRUMAN SHOW oder DEAD POETS SOCIETY gedreht hat, darf gern auch nach Jahrzehnten wieder aus der Versenkung auftauchen. Und genau das macht Weir, dessen THE WAY BACK - DER LANGE WEG nun selbigen auf die Leinwand findet.

Erzählt wird die Geschichte des Polen Janusz (Jim Sturgess), der im Jahr 1939 wegen angeblicher Spionage für 20 Jahre in eines der berüchtigten sibirischen Gulags geschickt wird. Im Kriegsgefangenenlager lernt er zwischen Demütigungen und härtester Arbeit auch einige Mitgefangene kennen, darunter den einsilbigen Amerikaner Mr. Smith (Ed Harris) und den zwielichtigen Russen Valka (Colin Farrell). Gemeinsam mit einigen anderen Inhaftierten beschließen sie, auszubrechen und die schier aussichtslose Flucht durch die sibirische Wildnis anzutreten. Ihr Weg soll sie über tausend Kilometer weit an die südlich gelegene, vermeintlich sichere mongolische Grenze führen. Ihr größter Feind: Die erbarmungslose Natur. Als sie unterwegs die junge Polin Irena (Saoirse Ronan) aufgabeln, haben manche der Weggefährten ihre Zweifel, ob das Mädchen ihnen zur Last fallen wird. Und schon bald zeigt sich, dass nicht alle Flüchtenden stark genug sein werden, die erhoffte Freiheit lebend zu erreichen ...

SO WEIT DIE FÜSSE TRAGEN für das 21. Jahrhundert: Peter Weir inszeniert in THE WAY BACK - DER LANGE WEG die strapaziöse Flucht aus dem entlegenen Sibirien. Neben der Fluchtthematik vereint die Straßenfeger-Serie und Weirs Film eine weitere Gemeinsamkeit: Bei beiden ist der historische Wahrheitsgehalt der jeweiligen Vorlage nicht unumstritten. Doch ob die im Roman The Long Walk Home von Slawomir Rawicz erzählte Geschichte, auf der Weirs Drama basiert, sich so oder so ähnlich abgespielt hat, ob sie vom Autor selbst oder von einem anderen Gefangenen erlebt wurde, spielt für den Film eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger, vor allem für die Kinogänger, ist die Adaption des Stoffes - denn ein funktionierender Roman, wahr oder nicht, ist noch lange kein guter Film.

Die abenteuerliche Handlung, die in knapp über zwei Stunden erzählt wird, ist so episch, dass Weir das einzig Richtige tut: Sie möglichst schlicht und unprätentiös verfilmen. THE WAY BACK - DER LANGE WEG ist, abgesehen von den atemberaubenden Landschaftsaufnahmen, die allein schon die Eintrittskarte lohnen, in seinem Kern ein gewollt unspektakulärer Film. Es geht weniger um Stilisierung oder Heldentum, sondern mehr um das persönliche Glück - um den versteckten Antrieb, der übermenschliche Leistungen erst möglich macht. Dementsprechend sind pathetische Momente Mangelware, auf die Tränendrüse drückt Weir absichtlich gar überhaupt nicht. Das mag ungewöhnlich scheinen, tatsächlich aber kommt dieses Understatement den Charakteren sehr zugute - weil es sie glaubwürdig und zutiefst menschlich macht. Randnotiz: Nicht ausmalen, was ein Edward Zwick daraus gestrickt hätte.

Das Ensemble trägt den Film sehr ordentlich, besonders Jim Sturgess macht als Anführer eine ausgesprochen gute Figur. Ed Harris verdient für den mürrischen, aber herzensguten Mr. Smith zwar keinen Innovationspreis, aber er spielt ihn immerhin so überzeugend als hätte er nie eine ähnliche Rolle gehabt. Colin Farrell kann unter den Hauptcharakteren am wenigsten glänzen, vermutlich geht ihm jedoch durch den dümmlich wirkenden Akzent der deutschen Synchronfassung einiges an Wirkung verloren. Die erst 17-jährige Saoirse Ronan, die schon in ABBITTE und Peter Jacksons IN MEINEM HIMMEL hervorragend aufspielte, gibt hier eine Art weiblichen Sidekick, der den Beschützerinstinkt des Flüchtlingsrudels wachruft. Das setzt ihrem Schauspiel enge Grenzen - in denen bewegt sie sich aber bemerkenswert zielsicher.

Letztlich macht THE WAY BACK - DER LANGE WEG vieles richtig, und zündet doch nicht mit der vollen emotionalen Sprengkraft, die dem Stoff innewohnt. Am Ende, so scheint es, ist die Geschichte zu groß für einen Film, der Weg schlicht zu lang, sodass Weir besonders im letzten Drittel immer größere Sprünge vollführen und zunehmend gehetzt dem Ziel entgegenrennen muss. Im verbleibenden Stückwerk findet man zwar starke Momente, manche der Charaktere wirken jedoch bis zum Schluss ungreifbar und fremd, als ob man sie gerade erst kennen gelernt hätte. Aber auch das hat etwas Gutes: Schließlich sind diejenigen, die in Indien ankommen, nicht mehr dieselben, die einst aus der Einöde Sibiriens flüchteten. Denn eines macht dieser beschwerliche Weg mehr als deutlich: Der Unerbittlichkeit der Wildnis kann man nicht ins Auge sehen, ohne ein anderer Mensch zu werden. Diesen Preis haben die stillen Helden des Films für ihre Freiheit gerne bezahlt.











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