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VAMPIRE (USA/Japan 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. VAMPIRE
Laufzeit in Minuten. 120

Regie. SHUNJI IWAI
Drehbuch. SHUNJI IWAI
Musik. SHUNJI IWAI
Kamera. SHUNJI IWAI
Schnitt. SHUNJI IWAI
Darsteller. KEVIN ZEGERS . AMANDA PLUMMER . RACHAEL LEIGH COOK . TREVOR MORGAN u.a.

Review Datum. 2011-02-21
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Zärtliche Transfusionen: Simon (Kevin Zegers) trifft sich hobbymäßig mit hübschen, jungen, selbstmordwilligen Frauen im Großraum Seattle zum gemeinsamen Ableben. Ein letzter Muffin, ein letztes Take-out, dann zur Blutabzapfanlage. Erst du, dann ich, verspricht Simon immer, ohne sich je dran zu halten: Ist die Dame einmal entsaftet, wird gierig die Pulle an den Rachen gesetzt. In webbasierten Suizidzirkeln trägt Simon dafür den Spitznamen "Vampir", ob er tatsächlich einer ist, steht eher nicht zur Debatte: Meistens muss der arme Schlucker hinterher brechen, ein allzu menschlicher Zug.

Trotzdem: Kein Psychopathenschocker. Entgegen allem Anschein erstaunlich treu bleibt sich Shunji Iwai, Meister des versponnenen Jugendpanoramas, in seinem amerikanischen Debüt. Die Protagonisten sind im Schnitt zehn Jahre älter, ihre Sorgen aber dieselben: Ein Quer-in-der-Welt-Stehen, ein Leiden am alternativlosen Konformismus, der einem zwar hilft, nicht aufzufallen, es aber an Innigkeit mangeln lässt. Simon unterrichtet Bio an der örtlichen High School und pflegt seine alzheimerkranke Mutter (schön starr: Amanda Plummer), das ist sein ganzes Leben. Kein Wunder, dass so einer mit dem Blutsaugen anfängt; irgendwie muss man ja Anteil nehmen an seinen Mitmenschen.

Bei aller Sanftheit ziemlich rücksichtslos haben Iwais Egozentriker immer schon agiert. In seinem letzten Meisterwerk, HANA UND ALICE, lässt ein Mädchen einen Jungen glauben, er leide an Amnesie und sei in sie verliebt. Skrupel kommen eher zufällig und meist zu spät. In VAMPIRE wird Simon einer japanischen Austauschschülerin den Selbstmord, den er anderen mit Engelszugen einredet, ausreden; dass er dabei eine Art Läuterung erfährt, ist mit keiner Silbe gesagt. Überhaupt geht es dem Film nicht um das Ausbuchstabieren eines Charakterprofils oder gar Plots, er formuliert nicht in ganzen Sätzen, sondern sprunghaft-assoziativen Blankversen. Wer sich nur ungern ins Strukturlose tragen lässt, dürfte daran wenig Freude haben.

Als Stimmungsmaler besitzt Iwai die seltene, aber entscheidende Gabe, "poetische" Bilder konstruieren zu können, die vollends konstruiert und zugleich ganz ohne Anführungszeichen poetisch sind: Entlaufene Pferde, die sich vor stauendem Verkehr in der Dämmerung aufbäumen; ein aberwitziges Luftballonkorsett, das Simons Mutter an ihr Zimmer fesselt. Angenehm ungezierte Blicke wirft darauf die Kamera, die nicht mehr so locker wie vormals in der Hand liegt, sich dafür aber nie aus der Ruhe bringen lässt. Iwai führt sie erstmals selbst, auch Schnitt und Score (mit unvermeidlich käsigen synthetischen Geigen) hat er im Alleingang besorgt. Paradoxerweise könnte VAMPIRE, wiewohl beileibe nicht sein stärkster, vielleicht sein eigenster Film geworden sein.

Ein Sellout an den globalen Markt ist er jedenfalls zuallerletzt. Wie Iwai die All-American Cast seiner idiosynkratischen Erzählweise unterpflügt, rapunzlige Vorabenddarstellerinnen wie Rachael Leigh Cook und Kristin Kreuk zu fahrigen weirdos umkrempelt, ist beinahe ein Affront gegen das Zielpublikum, das sich üblicherweise von ihnen angesprochen fühlt. Geradezu ideal besetzt ist deswegen auch Blassnäschen Kevin Zegers, in seiner farblosen Biederkeit ein Hohlspiegel popkultureller Vampirzeitgenossen. Im Kino: Massenexodus der TWILIGHT-Crowd nach einer halben Stunde. Iwai wird es wenig kümmern, seine Filme waren immer schon wie Blut: Nicht jeder verträgt es, sie zu sehen.











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